#MeToo und der "Missbrauchstsunami": Warum viele Opfer sexueller Übergriffe so lange schweigen

Drei Frauen erheben im Zeit Magazin schwere Vorwürfe gegenüber Regisseur Dieter Wedel – er dementiert.

Seit das Zeit Magazin Vorwürfe gegen Dieter Wedel wegen sexueller Nötigung öffentlich gemacht hat, erfährt die #MeToo-Debatte auch in Deutschland eine neue Brisanz. Ein Leser-Kommentar unter einem MEEDIA-Beitrag legt eindringlich dar, wie komplex die Diskussion ist und wie tief verwurzelt der unangemessene Umgang mit Opfern sexueller Gewalt in unserer Kultur ist. MEEDIA dokumentiert das Posting.

In einem Kommentar zu den Vorwürfen gegen Dieter Wedel rief MEEDIA-Autor Marvin Schade die deutschen Medien zu einer stärkeren Differenzierung in der Sexismus-Debatte auf. In einem Leserposting unter diesem Beitrag bezog Angelika Oetken Stellung, die ehrenamtlich im vom Bund aufgelegten Fonds Sexueller Missbrauch als Co-Sprecherin im Betroffenenbeirat tätig ist und die bereits selber Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurde. Darin nimmt sie die Sichtweise der Opfer ein und erklärt, warum wir in Deutschland in einer Gesellschaft leben, die es Opfern massiv erschwert, über ihre Erlebnisse zu sprechen. In der derzeit geführten Debatte ist dies bemerkenswert, weil Kritiker es Frauen häufig zum Vorwurf machen, wenn sie über lange zurückliegende Ereignisse erst jetzt sprechen. Dafür gibt es Gründe, ist MEEDIA-Leserin Angelika Oetken überzeugt.
Mit ihrem Einverständnis veröffentlichen wir ihren Kommentar hier in voller Länge:

Es gibt verschiedene triftige Gründe, warum Opfer sexueller Übergriffe in der Mehrheit darüber schweigen. Viele berichten nicht einmal ihren nächsten Angehörigen davon. Wer sich einmal mit Menschen, die eine Sexualstraftat angezeigt haben unterhält, wird einen Eindruck davon bekommen, was es bedeutet, so ein Verfahren durchstehen zu müssen. Auch MitarbeiterInnen von Beratungsstellen, OpferanwältInnen und TherapeutInnen können darstellen, warum so ein Schritt gut überlegt werden muss. Im Übrigen schützt die Masse Opfer von verjährten Sexualstraftaten vor Verleumdungsklagen. Wer als EinzelkämpferIn agiert, läuft Gefahr isoliert und ausgegrenzt zu werden. Ggf. mit Hilfe teurer, spezialisierter Anwälte.
Das Schweigegebot, Tabuisierungen und unterschiedliche Psychodynamiken bewirken, dass SexualstraftäterInnen sich bislang recht sicher fühlen konnten. Aber #metoo hat gezeigt, dass unsere Gesellschaft ihre Einstellung wandelte. So war das bei uns auch 2010, als am 26. Januar durch einen Artikel, der in der Morgenpost erschien, der so genannte „Missbrauchstsunami“ losbrach. Die politisch Verantwortlichen wirkten damals komplett überfordert. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die Öffentlichkeit den Opfern, die sich massenhaft zu Wort meldeten, so aufgeschlossen und verständnisvoll begegnen würde und Medien und Bevölkerung Veränderungen einforderten. Mittlerweile hat sich politisch vergleichsweise viel getan, Opferinteressen und Kinderschutzaspekte finden unter PolitikerInnen deutlich mehr Fürsprache und Unterstützung.
Im vertrauten privaten Rahmen wird man mit persönlichen Offenbarungen weiterhin auf Befremden, Überforderung oder Ablehnung stoßen. Das führe ich nicht darauf zurück, dass das Erleben sexueller Nötigung und Gewalt so selten wäre. Im Gegenteil, es ist derart verbreitet, dass unsere Kultur als Lösung das Verdrängen, Herunterspielen und Verleugnen vorhält. Auch wenn jeder einigermaßen sexuell erfahrene Erwachsene es besser wissen müsste, so hängen wir kollektiv dem Glauben an, Sexualität sei etwas durchweg Positives und mit ihren negativen Seiten könnten wir selbst nicht konfrontiert werden. An sich naiv. Die Vorannahmen über Opfer und Täter halten keiner sachlichen Überprüfung Stand. Es kann jeden treffen, unabhängig von Alter, Milieu und Geschlecht. Falls wir trotzdem mit dem Thema persönlich konfrontiert werden, lassen wir lieber die ÜberbringerInnen der schlechten Botschaft im Regen stehen, als uns mit der Realität auseinander zu setzen.
Ich hoffe, dass Oprah Winfrey Recht behält und sich das wirklich geändert hat.

Über die Autorin: Angelika Oetken aus Berlin-Köpenick ist einer von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden.