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Schmusekurs an der Weser: ARD-Anstalt Radio Bremen schenkt Weser-Kurier Video-Inhalte

Moritz Döbler ist Chefredakteur des Weser Kurier
Moritz Döbler ist Chefredakteur des Weser Kurier

Überraschende Wende im Streit zwischen dem Weser-Kurier (WK) und Radio Bremen (RB): Statt weiter gegeneinander zu prozessieren, arbeiten die beiden Medienhäuser jetzt lieber eng zusammen. Der WK darf künftig RB-Fernsehbeiträge auf der eigenen Homepage publizieren - kostenlos. Damit dürfte sich der auch bundesweit geführte Streit zwischen Tagespresse und öffentlich-rechtlichem Rundfunk weiter entspannen.

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Von Eckhard Stengel

Kooperieren statt prozessieren: Das scheint die neue Devise in Bremen zu sein. Im Frühjahr 2017 hatten vier regionale Zeitungsverlage, darunter auch der Weser-Kurier, eine Unterlassungsklage gegen Radio Bremen wegen dessen angeblich zu presseähnlichen Online-Auftritts eingereicht. Als sich die Kontrahenten Ende November vor der Wettbewerbskammer des Landgerichts Bremen trafen, zeichnete sich nach Darstellung der Verlegerseite ab, dass die Richter zumindest Teile des monierten Online-Angebots für rechtswidrig erklären würden. Daraufhin gab der Sender eine Unterlassungserklärung ab – allerdings ohne den Rechtsstandpunkt der Verleger anzuerkennen. Demnach dürfen die von den Zeitungen beanstandeten Inhalte eines Beispieltages vom Januar 2017 künftig nicht mehr verbreitet werden. Vorher hatte der Sender seinen Internetauftritt ohnehin schon überarbeitet und stärker als bisher einen Bezug der Texte zu den eigenen Sendungen hergestellt, um den Vorwurf der Presseähnlichkeit zu entkräften.

Kurz nach der Unterlassungserklärung von RB ging auch der WDR auf die Presse zu, indem er auf seinen Internetseiten die Textangebote reduzierte und sich stärker auf Audiovisuelles konzentrierte.

Am Montag wurde nun überraschend der nächste Schritt zur Versöhnung zwischen Tagespresse und öffentlich-rechtlichem Rundfunk bekanntgegeben: RB und WK veröffentlichten parallel eine Presseerklärung, der zufolge ab sofort auf www.weser-kurier.de auch die Beiträge des RB-Fernsehregionalmagazins buten un binnen abrufbar sind. Bisher hatte das Zeitungshaus nur wenige eigene Videos publiziert.

Auf Nachfrage von MEEDIA teilte WK-Chefredakteur Moritz Döbler mit, dass der Verlag für die Übernahme nichts zahle. „Es gibt auch sonst keine Zuwendungen oder Gegenleistungen.“ Die kostenlose Bereitstellung der Videos sei auch „nur folgerichtig“, denn: „Unsere Nutzerinnen und Nutzer haben sie über den Rundfunkbeitrag ja bereits bezahlt.“ Laut Döbler werden die Fernsehbeiträge nicht verlinkt, sondern direkt auf Weser-kurier.de eingebettet; „die Seitenaufrufe werden bei uns gezählt“. Die Auswahl erfolge nach journalistischen Kriterien. Häufig könnten die Videos einen Textbeitrag der WK-Redaktion ergänzen, aber ein relevantes RB-Thema könne auch eigenständig auf der WK-Seite ausgespielt werden. Für die Leserschaft sei es ein Pluspunkt, wenn sie auf der Homepage „nicht nur unsere Beiträge bekommt, sondern auch relevante Beiträge anderer Anbieter“, so Döbler zu MEEDIA.

In der Presseerklärung der beiden Medienhäuser heißt es wörtlich: „Die Kooperation nutzt beiden Medienanbietern, aber vor allem dem Bremer Publikum: Die User von Weser-kurier.de können künftig zusätzlich auch Videos mit dem journalistischen Gütesiegel von Radio Bremen ansehen. Der Sender erreicht mit seinen Beiträgen aus “buten un binnen” weitere Zuschauerinnen und Zuschauer. Damit stützt sich guter Journalismus wechselseitig und bietet verlässliche Informationen für die zunehmend mobile Mediennutzung gerade jüngerer Menschen. Die Kooperation zwischen Radio Bremen und Weser-Kurier ist insofern auch ein Beitrag zum langfristigen Erhalt einer vielfältigen Medienlandschaft im Land Bremen.“

RB-Chefredakteurin Andrea Schafarczyk bezeichnet die Kooperation als „große Chance“: „Zwei starke Partner vernetzen sich, um den Bremerinnen und Bremern ein noch besseres journalistisches Angebot zu machen. Die Menschen erwarten, über die Nachrichten der Region schnell und in guter Qualität informiert zu werden – auf der Plattform, wo sie sich gerade befinden, und mit dem Besten, was sie dazu bekommen können.“

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WK-Chef Döbler sieht in der Zusammenarbeit einen „strategisch wertvollen Schritt“, denn das Portal Weser-kurier.de entwickele sich zur multimedialen Plattform mit eigenen und fremden Inhalten. „Wir freuen uns aufrichtig über diese Zusammenarbeit.“

Punktuell hatten beiden Medienhäuser auch früher schon kooperiert – zuletzt bei gemeinsamen Podiumsdiskussionen zur Bundestagswahl 2017. Beide Seiten betonen aber auch: „Der journalistische Wettbewerb der Redaktionen beider Häuser bleibt natürlich bestehen.“ Döbler fügt gegenüber MEEDIA hinzu: „An unserem Dissens in grundsätzlichen Fragen etwa über presseähnliche Texte ändert das nichts.“

Der seit drei Jahren amtierende Chefredakteur hatte sich nach eigenen Worten schon kurz nach seinem Amtsantritt mit der Frage befasst, ob eine Zusammenarbeit mit RB sinnvoll wäre. Damals habe auf beiden Seiten und auch bei ihm persönlich Skepsis geherrscht. Aber: „In einem sehr offenen, konstruktiven Gespräch mit einem der Verantwortlichen von Radio Bremen reifte Anfang September 2016 die Idee, es doch zu versuchen.“ Im Juni 2017, während des Rechtsstreits mit den Zeitungsverlegern, bestärkte auch der RB-Rundfunkrat den Intendanten Jan Metzger und sein Direktorium darin, das Gespräch mit den Zeitungsunternehmen zu suchen. Damals hieß es in dem Beschluss des Aufsichtsgremiums: „Der Rundfunkrat sieht vielfältige Möglichkeiten der Kooperation im Internet, welche die Vielfalt und den publizistischen Wettbewerb nicht beeinträchtigen, sondern vielmehr die Attraktivität der Angebote aller Qualitätsmedien erhöhen können.“ Nur sieben Monate später kann es jetzt also losgehen mit der engeren Zusammenarbeit der beiden führenden Medienhäuser Bremens.

 

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Alle Kommentare

  1. Diese kostenlose “Kooperation” ist europarechtlich nach 107 AEUV eine unzulässige Beihilfe, damit nach 134 BGB nichtig und als Haushaltsuntreue nach 266 StGB ein Fall für die Staatsanwaltschaft.

    Das auch noch als Maßnahme für eine “vielfältige” (!) Medienlandschaft zu verkaufen, ist der Gipfel der Unverfrorenheit.

    Realistisch betrachtet wird das natürlich wie immer keine Konsequenzen haben, da diese Art von “Vielfalt” politisch selbstverständlich erwünscht ist. Aber wehe ein Blogger lädt auf Youtube öffentlich-rechtlich produzierte Inhalte hoch und kommentiert das abweichend. Da wird komplett gegenteilig mit Urheberrechtsverletzungen argumentiert, von wegen “über den Rundfunkbeitrag bereits bezahlt”.

    1. Absolut korrekte Analyse im Kommentarbereich. Solange die bezahlten Autoren dies nicht auch schaffen, und die Frage nach dem warum nicht muss auch gestellt werden, werden nur wenige bezahlen sondern lieber klugen Amateuren vertrauen.

  2. “Der WK darf künftig RB-Fernsehbeiträge auf der eigenen Homepage publizieren – kostenlos. Damit dürfte sich der auch bundesweit geführte Streit zwischen Tagespresse und öffentlich-rechtlichem Rundfunk weiter entspannen.”

    Wollt Ihr eigentlich die Gebührenzahler verarschen?

  3. Wie kann das sein? Die produziert mit Zwangsgebühren Filmbeiträge und der (nicht öffentlich-rechtliche) Weser-Kurier zeigt die dann kostenlos auf seiner Webseite?

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