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Wedel als deutscher Weinstein? Das Zeit Magazin, MeToo und die schwierige Frage nach der Ethik der Enthüller

Drei Frauen erheben im Zeit Magazin schwere Vorwürfe gegenüber Regisseur Dieter Wedel – er dementiert.
Drei Frauen erheben im Zeit Magazin schwere Vorwürfe gegenüber Regisseur Dieter Wedel – er dementiert.

Drei Frauen werfen Star-Regisseur Dieter Wedel sexuelle Belästigung vor, er bestreitet das. Das Zeit Magazin hat daraus eine Titel-Geschichte gemacht – und dabei ein Dilemma offenbart. Liefern die Autorinnen in der MeToo-Debatte den ersten deutschen Täter oder macht es ihn – wie manch einer fürchtet – zum ersten Opfer? Moralisch wie rechtlich lässt sich über die Leistung des Magazins streiten.

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Es ist nicht das erste Mal, dass prominente Männer der sexuellen Belästigung oder schlimmeren Taten beschuldigt werden. Und dennoch ist der Fall Dieter Wedel ein besonderer. Drei Frauen werfen dem deutschen Star-Regisseur vor, sie in den 1990er Jahren sexuell belästigt beziehungsweise genötigt zu haben. Das hat das Zeit Magazin in seiner aktuellen Ausgabe öffentlich gemacht und damit mitten in eine Debatte gestoßen, die sich bislang überwiegend in den USA abgespielt hat. Unter dem Schlagwort MeToo werden seit Monaten von Frauen Erfahrungen mit Männern thematisiert, die ihre Machtpositionen dazu nutzen, junge Frauen oder Männer sexuell zu nötigen. Wedel ist nun der erste deutsche Name, der in dieser Debatte gefallen ist – und den es besonders trifft.

Denn zuletzt hatte der heute 75-Jährige, der für seinen im Umgang mit Frauen intensiven Lebensstil bekannt ist, entsprechendes Verhalten selbst kritisiert und – aus der Opferperspektive – von eigenen Erfahrungen in seiner Jugend berichtet. Die drei Frauen, von denen sich zwei namentlich zitieren lassen, soll das nach Darstellung des Zeit Magazins so sehr provoziert haben, dass sie mehr als 20 Jahre nach ihren Erfahrungen mit Wedel ihr Schweigen brechen und das Bild eines hinterhältigen Mannes zeichnen, der junge Frauen unter Vorwand auf sein Hotelzimmer lockte und im Zweifel gewaltbereit war, wenn sie ihm nicht gaben, was er als Preis für eine Rolle in seinen Filmen gefordert hatte.

Den Schritt, sich mit voller Namensnennung an die Öffentlichkeit zu wenden und traumatisierende Erlebnisse, die man über sich selbst hat ergehen lassen müssen, auszusprechen, kostet Opfer eine große Überwindung und erfordert viel Kraft. Zusätzlich den Namen des vermeintlichen Täters zu nennen und sich damit auch selbst Klagerisiken auszusetzen, verlangt noch einmal eine gehörige Portion Mut. Es gibt Gründe, weshalb Betroffene es bisher selten oder nie getan haben – auch, weil viele Jahre später schlichtweg keine Beweise mehr existieren.

Aber: Diese Sichtweise setzt voraus, dass sich das, was die Frauen jetzt aussagen, vor vielen Jahren auch wirklich so zugetragen hat. Wedel bestreitet dies; er hat – wie auch zwei der ihn belastenden Schauspielerinnen – dazu eine Versicherung an Eidesstatt abgegeben. Das macht den Fall Wedel und die Berichterstattung so brisant. Es stehen Aussagen gegen Aussage. Die Journalistinnen des Zeit Magazins standen vor einem Dilemma, das medienethisch eine besondere Sensibilität erfordert.

Nach Ansicht von Beobachtern und Experten haben Autorinnen und Redaktion ihre schwierige Aufgabe nicht unbedingt sauber gelöst. Die vermeintlichen Taten liegen so weit in der Vergangenheit, dass die strafrechtliche Verfolgung nicht mehr möglich ist. Zwei der drei Vorfälle sind deutlich, einer knapp verjährt. Zudem gilt die Unschuldsvermutung, bis die Tat zweifelsfrei bewiesen beziehungsweise der Täter verurteilt ist. Soweit jedoch wird es nicht kommen, Ermittlungen oder eine Anklage wegen eines Sexualdeliktes wird es nie geben. Das mag unfair sein, aber es sind die Regeln des Rechtsstaates. Und diese Aspekte hätte, so die Kritik, in der Magazin-Titelstory, einen breiteren Raum einnehmen müssen.

Eine Berichterstattung schließt die Verjährung nicht aus, das Gesetz beschneidet in erster Linie die Ermittler, nicht Journalisten. Journalismus muss sich nicht daran orientieren, ob bei einem Gesetzesbruch noch eine Strafverfolgung möglich ist. Es geht um die Wahrheit. Reichen aber eidesstattliche Versicherungen, angereichert mit weiteren Stimmen, die die These vom böswilligen und gierigen Mann bestätigen, und ein schlechtes Bild auf den Regisseur werfen, für einen öffentlichen “Pranger” aus? Ist es nicht eher die Aufgabe, sich der Wahrheit nur so weit anzunähern, wie es aus Sicht der Berichterstatter möglich ist?

Viele Fragen sind offen: Gibt es noch – unabhängige – Zeugen, die etwas zu besagten, schwerwiegenden Vorwürfen erzählen können? Gibt es Fälle, die weniger als 21 beziehungsweise 26 Jahre zurückliegen und damit möglicherweise sogar strafrechtlich relevant sein könnten? Das Zeit Magazin hat diese Fragen nicht beantwortet. Rechtlich gesehen muss es das nicht. “Die Redaktion hat hier sozusagen einen Freibrief, da sie die für sie wesentlichen Vorkehrungen im Rahmen der Verdachtsberichterstattung eingehalten hat”, erklärt Thomas Hören, Leiter des Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht gegenüber MEEDIA. “Auch wenn die Umsetzung nicht gut gelungen ist.”

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“Die Berichterstattung setzt Mechanismen in Gang, die ich höchst problematisch finde”, sagt der Wissenschaftler über den Artikel des Zeit Magazins. So werde Wedel ohne strafrechtlichen Hintergrund diskreditiert und sein Ruf durch weitere Berichterstattung geschädigt. Dennoch erkennt Hören die Notwendigkeit der Berichterstattung und das öffentliche Interesse an. “Es wäre sauber gewesen, hätte das Zeit Magazin das Dilemma, in dem es steckt, deutlicher hervorgehoben.” Und weiter: “Während es bereits auf der ersten Seite eine Verbindung zum Fall Weinstein herstellt, lässt es den Hinweis auf die Unschuldsvermutung unter den Tisch fallen. Auch die Verjährung der möglichen Straftaten hätte es deutlicher erwähnen müssen.” Anschließend hätte die Redaktion erklären können, weshalb die Berichterstattung aus journalistischer Sicht dennoch notwendig ist. Hörens Fazit: “Insgesamt ist ein plakativer Bericht entstanden, den man eher im Boulevard erwarten würde.”

Der Rechtsexperte ist nicht der einzige, der die Arbeit kritisiert. Die langjährige Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen stellt der Berichterstattung ebenfalls ein schlechtes Zeugnis aus, warnte in einem Kommentar für die Welt davor, Wedel medial hinzurichten. „Unschuldsvermutung, Verjährung, ja einfach nur Ermittlungsarbeit – all das scheint unwichtig zu sein.“ Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Justizministerin, tat es ihr ähnlich. “Wenn man Menschen an einen Pranger stellt, macht man sie kaputt. Dem dürfen auch die Medien keinen Vorschub leisten.” Die Medien-Maschinerie hat sich dabei längst in Gang gesetzt: Ist Wedel “unser Weinstein?

Wie es aussieht, wenn die Berichterstattung über sensible Fälle nach hinten losgeht, sollte den meisten in den Medien Verantwortlichen noch im Gedächtnis sein. Noch immer kämpft der ehemalige ARD-Wetter-Experte Jörg Kachelmann um seine Rehabilitation. Erst Jahre nach dem Freispruch des Vorwurfs der Vergewaltigung wurde seine dafür verantwortliche Ex-Freundin zur Verantwortung gezogen. Die Aufarbeitung mussten in erster Linie er und seine Anwälte leisten. “Er ist ein gutes Beispiel dafür, was eine unsaubere Berichterstattung anrichten kann”, so Hören. “Im Fall Kachelmann kommt aber hinzu, dass nicht nur die Medien an vielen Stellen versagt hatten, sondern auch die ermittelnde Staatsanwaltschaft.”

In der Aufarbeitung ähnlich könnte es nun auch Wedel ergehen, sofern er unschuldig ist. Anwaltlich beraten lässt er sich von der Hamburger Anwaltskanzlei Unverzagt von Have, die dem Zeit Magazin vor Veröffentlichung mit rechtlichen Schritten gedroht haben soll. Ob die Juristen bereits tätig geworden sind, ist unklar, eine entsprechende Anfrage von MEEDIA blieb bislang unbeantwortet. Bei der Zeit war am späten Freitagnachmittag von etwaigen Rechtsvorstößen seitens Wedels nichts bekannt. Im Interview mit MEEDIA rechtfertigten die Autorinnen ihr Vorgehen und die Veröffentlichung: “Verdachtsberichtersattung” müsse möglich sein, so ihre Überzeugung, “sonst ist der investigative Journalismus tot.” Sie hätten zwei Monate lang recherchiert und mehr als 50 Personen befragt.

Aus Sicht des Medienrechtlers Hören dürfte das Zeit Magazin für die Anwälte letztlich ein weniger interessantes Objekt sein. “Der Kern sind die Aussagen”, meint der Professor. Nach der Berichterstattung könnte der Fall nach Ansicht des Juristen doch noch strafrechtlich relevant werden. Denn klar ist: Es kann nur eine Wahrheit geben, und bei einer eidesstattlichen Versicherung zu lügen, ist ebenfalls eine Straftat. Ist Wedel von seiner Unschuld überzeugt, kann er einen Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft stellen.

“Diese hat dann die Aufgabe, den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Dasselbe können auch die vom Zeit Magazin befragten Frauen machen”, so Hören, der die Erfolgsaussichten aus Sicht des Regissseurs als nicht gering einschätzt. “Wir haben eine Strafrechtsordnung, die Herrn Wedel erst einmal schützt.” Die Frauen müssten letztlich belegen, dass Wedels Version falsch ist. Und so könnte die Geschichte am Ende auf allen Seiten Verlierer produzieren.

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Alle Kommentare

  1. Ich finde es richtig gut, dass sich auch einmal ein deutsches Magazin an ein Thema traut, das vermutlich in vielen Ländern so wie bisher in Deutschland tabuisiert wird. Eine eidesstattliche Versicherung, wie sie der deutsche Regisseur Dieter Wedel angegeben hat (natürrlich auf Anraten seiner Anwälte) hat in den USA auch Harry Weinstein abgegeben. Wedels Reaktion ist dieselbe wie die Weinsteins (übrigens auch deutscher Abstammung). Ich finde es geradezu eine Schande Ihrer Redaktion und typisch für die schwachen deutschen Medien, die Darstellung der Opfer gleich einmal mit Fragezeichen zu versehen. Das passt auch exakt zum deutschen Rechtssystem, bei dem generell “Täterschutz vor Opferschutz” gilt. Umgehend von Unschuldsvermutung zu schwadronieren, ist gleich einmal ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Schämen Sie sich. Sie hätten besser daran getan, dem Magazin Zeit ein Lob für den Mut auszusprechen, ein heißes Eisen angepackt zu haben, das es wohl weltweit gibt, aber ausgerechnet in Deutschland tabuisiert wird. Von den US-Medien, aber auch denen in UK oder Frankreich können Sie viel lernen…

    1. Meine Rede! Da die ‘Sache’ verjährt ist, dürfe ein Bericht gar nicht erst so geschrieben werden. So ein Mist! Die Weinstein Geschichte hat diese Diskussion überhaupt erst so ermöglicht. Dass die Opfer sich jetzt erst zu Wort melden ist also nicht verwunderlich. Vor allem nach den Aussagen dieses Regisseurs. Warum nicht erstmal Opferschutz statt Täterschutz?! Das würde die Welt endlich wieder etwas lebenswerter machen.

      1. Dann müsste man zunächst mal sicher feststellen, wer denn hier das Opfer ist, fragt mal den Kachelmann danach. Nur darum geht es Meedia hier. Aufgrund von mehreren Zeugenaussagen scheint die Angelegenheit klar zu sein – scheint. So lange, bis die Sache juristisch geklärt ist (sofern überhaupt noch möglich), handelt es sich maximal um einen mutmaßlichen Täter. Alles andere wäre eine unzulässige Vorverurteilung und damit der Weg zur Lynchjustiz. Ist die etwa lebenswert?
        Ansonsten: Was soll der verquaste Hinweis auf eine deutsche Abstammung von Harvey Weinstein an dieser Stelle? Laut Wikipedia wurde er “als ältester Sohn in eine gutsituierte jüdische Familie im New Yorker Stadtteil Queens geboren.” Eine weitere Chance für einen Versuch des Vorposters, eklig-klebrige Zusammenhänge herzustellen?

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