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MEEDIA-Wochenrückblick: Wie Bayer ein populistisches Glyphosat-Video vom WWF konterte

Dieses Jahr unterm Themenbaum: Glyphosat, Sexismus und Nazi-Vergleiche. #hassnacht
Dieses Jahr unterm Themenbaum: Glyphosat, Sexismus und Nazi-Vergleiche. #hassnacht

Zum Weihnachtsfest gibt es ein letztes mal (in diesem Jahr!) einen Happen Glyphosat. Der Bayer-Konzern hat ein Viral-Video von WWF zum Thema schlagfertig gekontert. Außerdem: Die WDR-Chefredakteurin sorgte für ein Aufregerle mit einem „Pimpf“-Tweet und Ex-Werber Thomas Heilmann trat den Kommunikations-Fettnapf. Mehrfach. Der letzte MEEDIA-Wochenrückblick für 2017:

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Na, haben Sie auch schon ihren mit Glyphosat verseuchten Weihnachtsbaum geschmückt? Keine Bange: So lange Sie nicht vorhaben, mehrere hundert Weihnachtsbäume auf einmal zu essen, droht höchstvermutlich keine Vergiftung mit dem in aller Munde befindlichen Unkrautvernichter. Allerdings haben Sie dann andere Probleme schwer verdaulicher Art. Das Reiz-Thema Glyphosat war vor allem in der zweiten Jahreshälfte leider ein ziemliches Trauerspiel, was die Kompetenz vieler Medien zum Erklären und Fakten-Vermitteln betrifft. Hier noch einmal zwei Beispiele:

Die „heute show“ spießte das Thema Glyphosat in ihrer Jahresrückblicks-Ausgabe kurz auf (ab Minute 27.17) und zeigte einen Ausschnitt aus der Sendung „Fakt“, in dem beiläufig behauptet wurde, im Glyphosat-Bericht der EFSA (European Food Safety Authority), der zum Urteil kommt, dass das Mittel für Menschen gesundheitlich unbedenklich ist, sei so ziemlich alles wortwörtlich vom Glyphosat-Hersteller Monsanto übernommen worden. Für die Info, dass es bei solchen Bewertungen üblich ist, die Stellungnahmen der Hersteller umfänglich einzuarbeiten und diese Abschnitte nichts mit der eigentlichen Bewertung zu haben, war dann leider mal wieder kein Platz. Die EFSA schrieb hierzu: „Wie es scheint, sind die neuerlichen Vorwürfe leider Teil einer konzertierten Kampagne – der jüngste Versuch in einer Reihe von Bemühungen mit dem Ziel, das wissenschaftliche Verfahren hinter der EU-Bewertung von Glyphosat zu diskreditieren.“ Mit der gleichen Methode gingen Glyphosat-Gegner auch gegen den Bericht des Bundesamts für Risikobewertung vor.

Beispiel 2: Die Tierschutzorganisation WWF ließ neulich ein Viral-Video mit den beiden Damen „Melanie und Anne“ produzieren, in dem erneut die Mär vom laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) krebserregenden Glyphosat verbreitet wurde. Außerdem wurde empfohlen, für die Unkrautvernichtung eher den Acker umzupflügen, weil das böse Glyphosat die armen Regenwürmchen abtötet. Das Video zieht alle Register der Viral-Kunst: kurze, verfremdete Einspieler, eingeblendete Schriften, Zeichentrick-Regenwürmer und als Körnung noch der Anruf bei der Bayer-Pressestelle (Bayer vertreibt hierzulande Glyphosat), der so zusammengeschnitten wird, dass es möglichst unvorteilhaft wirkt.

Bayer hat auf das Video schlagfertig reagiert. Der Chemiekonzern ließ seinerseits ein Video produzieren, das den Auftritt von „Melanie und Anne“ auf die Schippe nahm und mit einigen Fakten konterte. Zum Beispiel, dass Glyphosat in die gleiche „Krebserregend“-Kategorie der WHO fällt wie die Sonne, rotes Fleisch oder heißer Tee und dass „Umpflügen“ deutlich schädlicher für die armen Regenwürmchen ist, als der Unkrautvernichter. Dazu stellte der Bayer-Sprecher Christian Maertin einen erläuternden Text, in dem er fragt, ob Unternehmen im digitalen Zeitalter das Recht haben, auf solche Viralvideos ähnlich provokant zu antworten.

Es mag gute Gründe geben, die gegen einen zu großflächigen Einsatz von Unkrautvernichter in der Agrarindustrie sprechen. Die in großen Teilen populistisch geführte Kampagne und Verengung der Debatte auf den vermeintlichen Dämon Glyphosat, dient am Ende aber vielleicht weniger der Umwelt als den Interessen der beteiligten NGOs. Dass sich Satire-Produzenten wie die „heute show“ oder auch der Postillon bei solchen Themen äußerst einseitig als Meinungsmacher betätigen, ist auch so ein Phänomen.

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Dass es in die Hose gehen kann, wenn man als PR-Gag-Maßnahme den Twitter-Account seiner Medienmarke einem „Promi“ überlässt, hatte vor einiger Zeit das Zeit Magazin auf die harte Tour gelernt, als Ex-Titanic-Chefredakteur Leo Fischer den hauseigenen Account nutzte, um einen Atomkrieg mit Nordkorea auszurufen. Ganz so schlimm hat es die „Tagesthemen“ nun nicht erwischt, als die ihren Twitter-Account der WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich überließ. Die kommentierte die neue österreichische Regierung unter dem „Kind-Kanzler“ Sebastian Kurz folgendermaßen:

Dazu muss man wissen, dass „Pimpf“ nicht nur ein Synonym für einen Bubi ist, sondern während der NS-Zeit auch ein Dienstgrad in der Hitlerjugend war. Hilfe! Nazis! Es dauerte nicht lange, bis Frau Mikich zurückrudern musste:

Am Rande bemerkt: Diese Gast-Twitterer sind auch darum keine so super Idee, weil mit Übernahme des nächsten Gast-Twitterers auch meist das Profilbild getauscht wird. Und darum schaut es jetzt so aus, als würde Constantin Schreiber den Sebastian Kurz als „Pimpf“ bezeichnen.

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Aua! Da hat der frühere Werber (Scholz & Friends) und aktuelle CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Heilmann aber einen kapitalen Kommunikations-Bock geschossen. Bei einer Video-Umfrage zum Thema Sexismus im Bundestag ließ er tatsächlich den Spruch raus „Sie dürfen alles anfassen“, als ihm eine Frau den Kragen richtete. Hinterher beschwerte sich eine Sprecherin Heilmanns, das Video sei „aus dem Kontext“ gerissen, die Verwendung der Making-of-Aufnahme sei nicht abgesprochen gewesen und eigentlich sei es darum gegangen, ob man nur das Jacket oder auch den Kragen am Hals richten dürfe. Diese Aussage konterten die Macher des Videos mit einem weiteren Ausschnitt bei Twitter, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Wieso tappt ein Kommunikationsprofi wie Heilmann in solch einen Fettnapf? Erstens hätte es ihm bewusst sein können/müssen, dass solch ein Macho-Spruch ein gefundenes Fressen für die Umfrage-Macher ist. Zweitens macht er alles noch schlimmer, indem eine windige Ausrede konstruiert wird, die sofort als solche entlarvt wird. Und drittens sagt man so einen Käse von vornherein erst einmal gar nicht.

Was dann kurz vor dem Fest aber wirklich überraschte, war, dass der FAZ-Kollege Michael Hanfeld 2017 sein wahres Gesicht gezeigt hat:

Vermutlich haben die Entführten alle beim „Staatsfunk“ gearbeitet.

Nicht beirren lassen! Freundlich bleiben! Auf 2018 freuen!

Schöne Weihnachten und einen guten Rutsch! Der MEEDIA-Wochenrückblick meldet sich im neuen Jahr wieder.

Sollten Sie über die Festtage Sehnsucht nach Medien-Gedöns verspüren, sei Ihnen das Jahresend-Special des Podcasts „Die Medien-Woche“ an Herz und Ohren gelegt. Kollege Christian Meier von der Welt und ich sprachen mit Meinungs-Inhaber Sascha Lobo über die großen Medienthemen des Jahres. Teil 1 gibt es hier, Teil 2 kommt nächste Woche! Viel Spaß beim Hören.

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