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“Ihr kommt nicht davon”: Bild druckt Fotos von mutmaßlichen G20-Straftätern und befeuert Pranger-Debatte

Die Bild-Zeitung beteiligt sich an der Fahndung nach mutmaßlichen G20-Straftätern
Die Bild-Zeitung beteiligt sich an der Fahndung nach mutmaßlichen G20-Straftätern

Fünf Monate nach den schweren Ausschreitungen während des G20-Gipfels haben die Hamburger Ermittler Fotos von mutmaßlichen Randalierern online veröffentlicht. Die Bild unterstützt die Fahndung und druckt heute Bilder der Verdächtigen auf den Seiten 1 und 5. Damit stoßen sowohl die Polizei als auch Bild auf Unverständnis und Missbilligung. Bild-Chef Julian Reichelt indes kritisiert die Kritiker.

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“Polizei sucht diese Krawall-Barbie”: Mit dieser Schlagzeile titelt die Bild am Dienstag. Dazu wird das Foto einer jungen Frau gezeigt, die zu den G20-Straftätern gehören soll. Auf Seite 5 der Zeitung werden weitere mutmaßliche Straftäter gezeigt und von der Bild mit den Worten “Ihr kommt nicht davon” überschrieben.

Seite 1 und Seite 5 der aktuellen Bild-Zeitung

Bereits am Montag hatte die Hamburger Polizei Fotos von insgesamt 104 Verdächtigen sowie Videosequenzen der Ausschreitungen veröffentlicht. Die Fahndung, die unter dem Titel “Soko Schwarzer Block” läuft, wurde gerichtlich angeordnet, erklärt die Polizei Hamburg auf ihrer Facebookseite. Den Personen auf den Fotos werden jeweils “erhebliche Straftaten vorgeworfen”, wie Oberstaatsanwalt Michael Elsner erklärt. In den meisten Fällen gehe es um gefährliche Körperverletzung, schweren Landfriedensbruch oder Brandstiftung. Ein erster Verdächtiger habe sich der Polizei bereits gestellt, nachdem die neuen Fahndungsfotos veröffentlicht wurden, berichtet die Bild am Dienstag.

Doch die “Soko Schwarzer Block” kommt nicht überall gut an. So kritisiert der Politikchef der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl: “Dieser Internet-Pranger ist gesetzeswidrig.” Bei dieser Präsentation der Verdächtigen handele es sich um die Aufforderung an die Bevölkerung, Hilfssheriff zu spielen und um die Aufforderung, eine Vielzahl von Menschen zu jagen, deren Tat oder Tatbeitrag völlig ungeklärt sei, so Prantl.

Laut Paragraf 131b der deutschen Strafprozessordnung ist die Veröffentlichung von Abbildungen eines “Beschuldigten, der einer Straftat von erheblicher Bedeutung verdächtig ist”, dann zulässig,

wenn die Aufklärung einer Straftat, insbesondere die Feststellung der Identität eines unbekannten Täters auf andere Weise erheblich weniger Erfolg versprechend oder wesentlich erschwert wäre.

Die Polizei Hamburg bezog sich während ihrer Pressekonferenz am Montag auf diesen Paragrafen und erklärte, eine interne Identifizierung sei erfolglos geblieben und demnach auf eine andere Weise nur schwer möglich. Ob jedoch eine erhebliche Bedeutung gegeben sei, sei schwer zu ermitteln und “jeweils eine Einzelfallprüfung”, so Oberstaatsanwalt Michael Elsner. Heribert Prantl wirft den Ermittlern vor, den Paragrafen 131b “bis zur Unkenntlichkeit” auszudehnen und nicht zwischen Beschuldigten und Nichtbeschuldigten zu unterscheiden, sondern alle abgebildeten Personen zu Beschuldigten machen.

Bild-Chef Julian Reichet reagierte auf Prantls Vorwürfe bei Twitter:

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Die Bild hatte im Sommer 2017 bereits auf eigene Faust Fotos von mutmaßlichen Randalierern gedruckt und die Leser dazu aufgerufen, sachdienliche Hinweise zu den gezeigten Personen der Polizei zu melden. Dafür hatte der Presserat damals eine Missbilligung ausgesprochen: Es gehöre nicht zur Aufgabe der Presse, selbständig nach Bürgern zu fahnden.

Doch jetzt, mehr als fünf Monate später, ruft die Polizei Hamburg auf ihrer Webseite aktiv zur Mitarbeit auf: “Mit dieser Öffentlichkeitsfahndung bittet die Polizei Hamburg und die Staatsanwaltschaft Hamburg die Bevölkerung um Mithilfe”. Diesen Aufruf nimmt die Bild offenbar sehr ernst und macht es zu ihrer Aufgabe, die Fahndung intensiv zu unterstützen. Dieser Schritt bleibt in den sozialen Netzwerken nicht unkritisiert:

Gegenüber MEEDIA erklärte ein Pressesprecher der Polizei Hamburg, die Polizei werde die Umsetzung der Bild-Zeitung nicht kommentieren und es sei nicht ihre Aufgabe, die Darstellung der öffentlichen Fahndung in den Medien zu bewerten.

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