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Warum die Frage, ob digitale ARD-Textangebote den Verlagen schaden, nicht so einfach zu beantworten ist

Vertreter ihrer Interessen: WDR-Intendant Tom Buhrow, der nächste ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm, BDZV-Präsident Mathias Döpfner, VDZ-Präsident Rudolf Thiemann
Vertreter ihrer Interessen: WDR-Intendant Tom Buhrow, der nächste ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm, BDZV-Präsident Mathias Döpfner, VDZ-Präsident Rudolf Thiemann

Zeichnet sich im Streit zwischen Verlagen und der ARD rund um den Textanteil der Online-Angebote eine Lösung ab? Der WDR lenkte als größte ARD-Anstalt ein und baute seine Website nach den Wünschen der Verleger um. Das ist nicht unumstritten aber ein richtiger Schritt zur Deeskalation.

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Das Online-Angebot des WDR soll „multimedialer“ werden, so heißt es in der offiziellen Mitteilung des größten ARD-Senders. Man wolle „den strukturellen Umbau für den digitalen Wandel konsequent vorantreiben“, wird Intendant Tom Buhrow zitiert. Das ist zu allererst einmal Wortgeklingel. Der vermutliche Hauptgrund für die Änderung wird freilich auch nicht verschwiegen. Buhrow: “Ich will keine Energie in überflüssige Rechtsstreitigkeiten stecken, sondern ein starkes Neben- und Miteinander von Sendern und Zeitungen fördern. Nur mit einer vielfältigen Medienlandschaft garantieren wir den Menschen unabhängigen und umfassenden Journalismus.“

Dass die öffentlichen-Sender und hier vor allem die ARD den Textanteil auf ihren Online-Seiten deutlich reduziert, ist eine Kern-Forderung der Verlage, stets und vehement vorgetragen von den beiden Verbänden BDZV für die Zeitungsverleger und VDZ für die Zeitschriftenverleger. Die Verlage sehen in den umfangreichen Online-Angeboten der ARD eine Gefahr für ihre digitalen Geschäftsmodelle, sprich: Paid Content. Mit dem ZDF haben sie da keine Probleme, das Zweite hat bereits vor geraumer Zeit den Textanteil auf seinen Seiten drastisch reduziert, auch heute.de als eigenständige Nachrichtenseite ist in der Hauptseite des ZDF aufgegangen.

Am Dienstag erläuterte Axel-Springer-CEO und Verbandspräsident der Zeitungsverleger Mathias Döpfner vor Medienjournalisten noch einmal im Detail, warum er und viele seiner Verlagskollegen den hohen Textanteil in Online-Angeboten der meisten ARD-Angebote so kritisch sehen.

So sei die Medienwelt früher klar geordnet gewesen. Es gab Radio, Fernsehen und die Zeitungen bzw. Zeitschriften. Die letzteren beiden Gattungen waren komplett privatwirtschaftlich finanziert, wohingegen die gebührenfinanzierten Rundfunk-Anstalten sich um Radio und TV kümmerten. “Durch die Digitalisierung haben sich die Mediengattungen aber verwischt”, erklärte Döpfner. “Alle wollen heute alle Formen bedienen”, und so seien die öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Anbieter quasi auch zu Zeitungsverlegern geworden.

“Die öffentlich-rechtlichen Webseiten unterscheiden sich teilweise kaum von den Verlagswebseiten”, so Döpfner weiter. “Doch diese erhalten Gebühren und müssen ihre Budgets nicht erarbeiten, wie die privaten Verlagen”. Für den Konsumenten seien diese Angebote aber gefühlt kostenlos. So würden in München beispielsweise der Münchner Merkur und der Bayerische Rundfunk konkurrieren. “Der BR wird als kostenlos empfunden”. Deshalb sei keiner mehr bereit für die Merkur-Inhalte zu zahlen.

Darum, so die Schlussfolgerung des BDZV-Präsidenten, sei es für den Merkur sehr schwer, wenn es nicht gar unmöglich, ein funktionierendes digitales Abo-Modell aufzuziehen. Der privatwirtschaftlich finanzierte Journalismus müsse deshalb immer mehr sparen. Döpfner: “Das ist weder für die Gesellschaft noch für die Verlage gut.” Sein Lösungsvorschlag: Die Angebote müssten auf den ersten Blick unterscheidbar sein und sich jeweils auf das Kernangebot konzentrieren. Für die öffentlich-rechtlichen seien dies Bewegtbild und Audio.

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Die Webseiten des ZDF und des WDR entsprechen nun ziemlich exakt Döpfners Vorstellungen. Dies wird aber nicht überall in der ARD begrüßt. So veröffentlichte das zum NDR gehörende Medienmagazin „Zapp“ einen (Text)Kommentar zum Thema, in dem der weitgehende Textverzicht kritisch gesehen wird:

Für die ARD wäre es mit Textbeschränkungen in Zukunft sehr viel schwieriger, sich im aktuellen Online-Nachrichtengeschäft zu behaupten. Wer wartet bei Breaking News schon gerne, bis die Tagesschau ein Video online hat? Was sähe ein Live-Ticker mit Textbegrenzung aus? Wie sollen Magazinsendungen wie ZAPP online über aktuelle Weiterentwicklungen ihrer eigenen Recherchen berichten, wenn sie gerade keine Sendung haben? Wie berichtet der öffentlich-rechtliche Teil von Rechercheverbünden zukünftig jenseits der “Tagesschau” über Stories wie die “Panama Papers”? Mit lauter kleinen Video-Clips?

Der „Zapp“-Kommentar verweist zudem auf die USA, wo es ohne nennenswerten öffentlichen Rundfunk für die Verlage keinen Deut besser aussähe – eher im Gegenteil. Als weiteres Argument wird angeführt, dass öffentlich-rechtlich Online-Angebote wie die Tagesschau-App verglichen mit den privaten eine deutlich geringere Reichweite hätten. Soll heißen: ohnehin keine Gefahr darstellen. Laut einer McKinsey-Studie landet die Tagesschau-App in einem Ranking der News-Apps auf Platz 13, die der ZDF-Sendung heute auf Platz 23. Die Website Tagesschau.de kam im Oktober 2017 allerdings auf knapp 70 Mio. Visits (die Reichweitendaten sind mit denen der IVW vergleichbar). Damit liegt die Tagesschau-Website zwar abgeschlagen hinter den Reichweiten-Marktführern Bild.de (400 Mio. Visits), Spiegel Online (250 Mio.) und Focus Online (187 Mio.), ein kleiner Fisch ist Tagesschau.de aber trotzdem nicht. Die Website der ARD-Nachrichten hat in etwa soviel Online-Reichweite wie Süddeutsche.de (64 Mio.), FAZ.net (62 Mio.), Zeit.de (72 Mio.) und deutlich mehr als etwa stern.de (47 Mio.), Funke Medien NRW (32 Mio.) oder das Redaktionsnetzwerk Deutschland (24 Mio.; alle Zahlen sind Visits und beziehen sich auf Oktober 2017).

Nur weil die ARD mit Tagesschau.de nicht Marktführer ist, sind die Zugriffszahlen auf das Angebot trotzdem durchaus signifikant. Die Äußerungen Döpfners verweisen zudem auf den vielleicht sogar noch wichtigeren regionalen Markt. Gerade für Regional-Zeitungshäuser stellt sich die Frage nach einer nachhaltigen Digital-Finanzierung. Hier heißt die Konkurrenz nicht Tagesschau.de, sondern br.de oder swr.de. Die Web-Angebote der einzelnen ARD-Anstalten weisen allerdings keine Zahlen aus, die man mit denen der privaten Konkurrenz vergleichen könnte.

Es zwar sicherlich auch, wenn WDR-Intendant Tom Buhrow im Interview mit dem Deutschlandfunk sagt, dass er nicht daran glaubt, dass eine Textreduktion bei den Digital-Angeboten der ARD etwas an den Problemen der Verleger ändert. Buhrow pocht auch zurecht darauf, dass der WDR trotz des aktuellen Entgegenkommens weiter Texte online veröffentlichen wird. Trotzdem ist umgekehrt auch nicht erwiesen, dass die öffentlichen-rechtlichen Digitalangebote den Paid-Content-Bemühungen der Verlage überhaupt gar nicht schaden.

Das ist das Grundproblem bei der ganzen Sache: Man operiert im unbekannten Raum. Schaden Tagesschau.de und regionale ARD-Websites den Verlagen? Vielleicht nicht, vielleicht schon. Und wie sehr, das kann ohnehin niemand beziffern. Werden die Probleme der Verlage verschwinden, wenn sich die ARD online textmäßig einschränkt? Sehr wahrscheinlich nicht. Aber wer weiß, vielleicht würden es für manche Verlage hier und da doch ein wenig leichter, regionale Bezahlangebote zu etablieren. Geht die ARD unter, wenn die Textangebote online etwas zurückgefahren werden? Höchst vermutlich nicht.

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Alle Kommentare

  1. Als Nutzer sowohl des öffentlich-rechtlichen Angebots als auch des der Verlage halte ich die Argumentation der Verleger für vorgeschoben und an der Wirklichkeit vorbei gehend.

    An meinem Beispiel aus dem Hamburger Umland: Das Hamburger Abendblatt ist journalistisch eine derartige Katastrophe, dass ich nicht im Traum daran denken würde, es zu abonnieren – weder in Print noch Online. Für regionale Nachrichten nutze ich lieber ndr.de, und für Überregionales habe ich die Süddeutsche abonniert.

    Macht bessere Zeitungen und bessere Online-Angebote, liebe Verleger! Und lenkt nicht ab.

  2. “Man operiert im unbekannten Raum.” – Keineswegs: Im Rahmen der diversen Drei-Stufen-Tests seit 2009 wurden zahlreiche aufwändige – und teure – marktökonomische Gutachten von verschiedenen Instituten angefertigt, von renommierten Adressen wie Goldmedia oder PWC. Mit unterschiedlichen Methoden wurden die Auswirkungen der ö.-r. Angebote auf die kommerziellen Anbieter analysiert. Kein einziges dieser Gutachten hat ergeben, dass der Wettbewerb signifikant ökonomisch beeinträchtigt würde. Es hat meines Wissens auch noch kein einziger Verlag konkret behauptet, er habe wirtschaftliche Schwierigkeiten wegen eines konkreten öffentlich-rechtlichen Angebots.

  3. Man kann 30 Minuten warten bis Lokalradio das Wetter und Stau meldet oder im Videotext sofort nachsehen. Das sind auch Textangebote und schon seit Jahrzehnten.

    Die Analysen sparen aus, das viele Leute nur zu Hause per DSL Webseiten abrufen. Falls 5G den wahren Boost und wirklich 5 Terabyte für 5 Euro bringt, sieht es bald anders aus. Kaum jemand nutzt Web am Handy oder macht z.b. Fotos damit. Whatsapp ist wohl das üblichste der Mehrheit.

    Man sollte die Analysen auch anders herum aufziehen und schauen ob und wer (Lokalradio, “Staatsfunk”, Lokal-Zeitung,…) und wie man lokal, regional, bundesland, bund, EU, welt berichtet.

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