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“Dummerweise den Spiegel in mein Leben gelassen”: Sänger Morrissey sieht sich vom Nachrichtenmagazin falsch zitiert

Vorwürfe widerlegt: Der Spiegel belegt per Audio-Aufnahme, Morrissey richtig zitiert zu haben
Vorwürfe widerlegt: Der Spiegel belegt per Audio-Aufnahme, Morrissey richtig zitiert zu haben

Der Spiegel hat vor einigen Wochen den Sänger Morrissey in den USA zum Interview getroffen und in Ausgabe 47/17 ein aufsehenerregendes Interview über seine Sicht auf die Welt abgedruckt. Zumindest machte es bis zum gestrigen Montag den Anschein. Da meldete sich Morrissey bei Facebook zu Wort und ging mit dem Nachrichtenmagazin hart ins Gericht. Wesentliche Aussagen seien falsch wiedergegeben worden. Der Spiegel kündigt an, den Audio-Mitschnitt zu veröffentlichen.

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Dass das Interview mit Morrissey von der Idee bis zum Abdruck kein einfaches Vorhaben gewesen ist, wird bereits im Vorspann des Spiegel-Gespräches deutlich. In der Ausgabe 47/17, die vor drei Wochen erschienen war, berichtet die Journalistin und Gesprächspartnerin Juliane Liebert von dem Treffen mit dem britischen Sänger:

Ob Konzert oder Interview, er pflegt die Pose der Diva. Das Treffen fand anlässlich seines neuen Albums ‘Low in High School’ in Los Angeles statt; es wurde sehr kurzfristig anberaumt und dann mehrfach verschoben, Herrschaftsgesten wollen gepflegt sein. Schließlich ist Morrissey doch bereit zu sprechen. Der Fotograf wird von einem seiner Manager allerdings rüde des Raums verwiesen

Es waren wohl nicht die besten Voraussetzungen für ein angenehmes Gesprächsklima, und ein solches scheint über das gesamte Treffen auch nicht aufgekommen zu sein. Der Sänger ist bekannt für seinen schwierigen Umgang, für kontroverse Texte und provokante Äußerungen. Das Verhältnis zur Presse ist nicht das beste.Wer aber geschickt fragt, der bekommt von Morrissey mit hoher Wahrscheinlichkeit also ein Interview voller kräftiger Zitate. Und so ging es im Gespräch mit der Journalistin, die frei für den Spiegel arbeitet, nicht nur um Musik, sondern auch um die aktuelle Weltlage, um Donald Trump, um Sexismus in der schillernden Promi-Welt. Und Morrissey antwortete laut Spiegel:

Frage: Wenn hier ein Knopf wäre, und wenn Sie daraufdrückten, Trump tot umfiele – würden Sie ihn drücken oder nicht?
Antwort: Würde ich, für die Sicherheit der Menschheit. …

oder

Frage: Da wir hier in Hollywood sind: haben Sie die Debatten um Harvey Weinstein, Kevin Spacey und #MeToo verfolgt?
Antwort: Bis zu einem gewissen Punkt, ja, aber dann wurde es zu einem Theaterstück. Auf einmal sind alle schuldig. (…) Natürlich gibt es extreme Fälle, Vergewaltigung ist ekelhaft, jeder physische Angriff ist abstoßend. Aber wir müssen es im Verhältnis sehen. Sonst ist jeder Mensch auf diesem Planeten schuldig. (…)

Frage: Was halten Sie davon, dass Spacey, eine der Hauptfiguren in einem Film, kurz vor dem Starttermin ersetzt wird?
Antwort: Das finde ich lächerlich. Soweit ich weiß, war er mit einem 14-Jährigen in einem Schlafzimmer. Kevin Spacey war 26, der Junge 14. Dra fragt man sich doch, wo die Eltern des Jungen waren. Man fragt sich, ob der Junge nicht ahnte, was passieren könnte. (…) Wenn man sich im Schlafzimmer von jemandem befindet, muss man sich bewusst sein, wohin das führen kann. Darum klingt das alles für mich nicht sehr glaubwürdig. Mir scheint es so, als sei Spacey unnötig attackiert worden. (…)

Im Laufe des Interviews erklärt er in Bezug auf Weinstein auch, dass sich Frauen nach einvernehmlichen sexuellen Handlungen, zu denen es aus welchen Motiven auch immer gekommen ist, oft eine Vergewaltigung oder Belästigung überlegten. “Hinterher ist es ihnen peinlich, oder es gefiel ihnen nicht. Und dann drehen sie es um und sagen: Ich wurde attackiert, ich wurde überrascht, ich wurde in das Zimmer gezerrt.” Dass sich Prominente zudem an Minderjährigen vergehen, “war damals so üblich”, so Morrissey laut Spiegel.

Auf die Frage, ob er manchmal provoziere, um sich  “gegen bestimmte Strömungen in der derzeit allgemeinen Weltanschauung zu stellen”, wird der Sänger vom Spiegel wie folgt zitiert:

Antwort: Ja, ich meine, man muss die Debatte öffnen. (…) Man kann nicht sagen, ich hör dir nicht zu, du bist nicht meiner Meinung, also hast du unrecht.

Dann holt er zur Medienkritik aus, wirft Journalisten vor, unsauber zu arbeiten sofern Äußerungen nicht in ihr Weltbild passen.

Antwort: Das ist auch das Problem mit einem großen Teil der britischen Presse. Sie reden gern mit mir, aber dann drucken sie ein Interview, in dem sie eben nicht schreiben, was ich gesagt habe. Das ist falsch, denn es ist meine moralische Sicht, nicht ihre. Provokation ist ein zu starkes Wort, aber ich bin für Klartext.

Via Facebook meldete sich Morrissey am Montagabend zu Wort und attackierte das Nachrichtenmagazin, Aussagen aus dem Interview falsch wiedergegeben zu haben.

Posted by Morrissey Official on Montag, 11. Dezember 2017

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“Ich habe vor einigen Wochen dummerweise den Spiegel aus Deutschland in mein Leben gelassen”, heißt es in dem Posting. “Da sie bereitwillig aus dem geliebten Berlin ins geliebte Los Angeles geflogen sind, um zu reden und zu lachen, nahm ich an, wir hätte ein gemeinsames Verständnis.”

Anschließend listete er einige Aspekte aus dem Interview auf, um sie zu dementieren. So habe Morrissey nicht behauptet, Trump töten zu wollen, auch Spaceys private Neigungen habe er nicht für gut geheißen. Dabei ist unklar, ob er sich falsch wiedergegeben sieht oder dem Spiegel vorwerfen will, sich komplett andere Aussagen ausgedacht zu haben. Dass er Spaceys Handeln verteidigt, steht im Spiegel nicht wörtlich gedruckt – wohl aber im Teaser der Online-Version bei Spiegel Plus.

Nicht angegriffen hat er eine im Spiegel gedruckte Aussage, nach der Berlin die “Vergewaltigungshauptstadt Europas” sei – “wegen der offenen Grenzen”. Gemeint ist die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Äußerungen haben in der Fach- wie auch Publikumspresse hohe Wellen geschlagen, wurden international (Stereogum, Perez Hilton, ) zitiert. Dabei kam der Brite nicht unbedingt gut weg, was spätestens seit Erscheinen seines neuen Albums allerdings ohnehin nur noch selten geschieht. Die BBC hatte mit Verweis auf das deutsche Nachrichtenmagazin zunächst berichtete, der ehemalige The Smiths-Sänger würde Kevin Spacey und Harvey Weinstein verteidigen. Heute brachte die BBC nun das Dementi des Sängers. Auf der Website des Spiegel ist davon hingegen bislang nichts zu lesen.

“Morrissey ist jetzt ein alter, ideenloser Verschwörungstheoretiker”, schrieb die Süddeutsche Zeitung Mitte November. Der Sänger drifte bereits seit einiger Zeit ab und habe in der Vergangenheit mit Rechtspopulisten und Radikalen sympathisiert. “All das sollte aber nun nicht als verzweifeltes Um-sich-Schnappen eines notorischen Provokateurs interpretiert werden. Auf keinen Fall. Da inszeniert sich jemand ganz gezielt als Apologet des Rechtspopulismus”, so die Analyse der SZ. Belege dafür will man auch in den Songtexten auf dem neuen Album gefunden haben. Morrissey dementiert das. Beispielsweise auf die Frage, ob er mit “Jacky’s only happy when she’s up on stage” einen Pro-Brexit-Song geschrieben habe, antwortete er dem Spiegel:

Das ist die Idiotie, mit der ich leben muss. Die Journalisten behaupten, ich würde etwas sagen, was ich gar nicht sage

Es gehört zur Ironie der Geschichte seines Spiegel-Interviews, dass er diese Aussage jetzt auch auf das Nachrichtenmagazin bezieht. Nun, so schreibt er bei Facebook, werde er nie wieder mit “Printmedien” sprechen. Für klare Verhältnisse könnte angesichts der widersprüchlichen Aussagen wohl einzig die Audio-Aufnahme des Interviews sorgen. Diese, schrieb Morrissey, habe er beim Spiegel angefordert. Allerdings habe der Verlag die Herausgabe des Materials abgelehnt. Bei Twitter hingegen kündigte Autorin Liebert am Montagabend an, den Mittschnitt “in den nächsten Tagen” zu veröffentlichen.

Auf Nachfrage von MEEDIA reagiert heute auch der Spiegel auf die Kritik. “Um den Vorwürfen von Steven Patrick Morrissey zu begegnen, wird der Spiegel das Gespräch als Audio-Mitschnitt auf Spiegel Online veröffentlichen”, so ein Sprecher, ohne allerdings einen Zeitpunkt zu nennen.

Zur Begründung hieß es: “Wir haben es ursprünglich nicht getan, weil das gedruckte Interview für sich stehen und sprechen sollte und Morrisseys pauschale Anwürfe auch nicht ansatzweise zu erkennen gaben, wo er sich missinterpretiert oder falsch dargestellt fühlte, so dass es zunächst keinen Anlass gab, von dieser grundsätzlichen Haltung abzurücken.”

Auf die Frage, warum der Spiegel, der die wörtliche Autorisierung von Interviews einst etablierte, auf eine Freigabe der extrem kontroversen Interview-Aussagen durch den Sänger verzichtet hat, erklärte der Sprecher: Eine Autorisierung war zuvor “nicht vereinbart worden”. Diese sei von Morrissey nicht gewünscht gewesen.

Update 21.56 Uhr:

Der Spiegel hat den Mitschnitt des Interviews mittlerweile veröffentlicht.

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