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TV-Gruppe in schwierigem Fahrwasser: ProSiebenSat.1 stellt seine neue Drei-Säulen-Strategie vor

Der scheidende ProSiebenSat.1-CEO Thomas Ebeling

Das ist schon ein bisschen blöd, wenn der Vorstandschef frühzeitig das Unternehmen verlässt aber kurz vorher noch eine neue Strategie vorlegt, die sein Nachfolger dann umsetzen muss/darf. So geschehen bei ProSiebenSat.1. Die in schwierigem Fahrwasser operierende Sendergruppe stellt heute beim Capital Markets Day ihre neue Drei-Säulen-Strategie vor, die vor allem das TV-Geschäft stärken soll und das E-Commerce-Geschäft für Investoren öffnet.

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Liest man die Pressemitteilung zur neuen ProSiebenSat.1-Strategie, gewinnt man den Eindruck, dass der TV-Konzern nach wie vor vor Kraft kaum laufen kann. Alles easy, alles shiny. Die „erfolgreiche Diversifizierungsstrategie“ wird „konsequent“ fortgesetzt. Es ist die Rede von einer „plattformunabhängigen Bereitstellung und universellen Vermarktung der Programminhalte“. Das Zauberwort von den Synergien fällt. Und, ach ja, die Mega-Buzzwords AdTech und Data (allerdings ohne „Big“) werden auch bereits im ersten Absatz gedroppt. Der scheidende CEO Thomas Ebeling sagt, dass die Wachstumsgeschichte seit 32 Quartalen ungebrochen läuft und er hat ja auch recht. Die Börse bewertet aber nun halt mal recht unsentimental die Zukunftsaussichten und nicht die vergangenen Großtaten.
Und da ist es so, dass P7S1 in jüngerer Zeit schon zweimal die Prognose absenken musste, weil vor allem das Kerngeschäft mit der Fernsehwerbung lahmt. Die neue Strategie darf hier als Maßnahme zur Gegensteuerung verstanden werden. Dass Ebeling in einem Call mit Analysten dann die eigenen Zuschauer auch noch als „ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“ bezeichnete und nun früher als erwartet Anfang 2018 seinen Hut nehmen muss, trug nicht eben zur Beruhigung der Lage bei.
Aber was ist denn nun die neue Strategie, mit der bald alles wieder besser laufen soll?
Säule 1: Im Geschäftsbereich Entertainment werden TV-Broadcasting, Distribution, Advertising Platform Solutions (AdTech), SevenVentures und Digital Platforms (u.a. Maxdome, 7TV App) zusammengelegt. In der Konzernmitteilung heißt es nebulös, dass durch „innovative, datengetriebene Angebote zusätzliche Umsätze“ erschlossen werden könnten. Es soll stärker crossmedial vermarktet werden usw. Die Zusammenlegung von klassischem TV und digitalen Angeboten ergibt natürlich Sinn, ob dadurch wirklich Umsatzraketen gezündet werden, bleibt abzuwarten. Wachstumsdinger wie Adressable TV sind nach wie vor sehr, sehr kleine Pflänzchen im Vergleich zur klassischen TV-Werbung.
Säule 2 ist der Bereich Content Production & Global Sales. ProSiebenSat.1 legt  seine Produktionseinheit Red Arrow Entertainment Group mit dem Multi-Channel-Netzwerk (MCN) Studio71 unter dem Namen Red Arrow Studios zusammen. Der Schritt ist analog zur ersten Säule zu sehen. Auch hier werden das klassische Geschäft mit dem digitalen verheiratet. Die Hoffnung hier wie da sind neue Erlösmöglichkeiten und die berühmten Synergien. Die Gruppe prüft zudem, Partner und Investoren an Bord zu holen.
Säule 3 ist Commerce. Das Geschäft mit dem digitalen Handel hört künftig auf den sperrigen Namen NCG – Nucom Group und wird in vier Kategorien sortiert: Home Services & Mobility (Verivox, billiger-mietwagen.de, Käuferportal), Leisure & Relationships (mydays/Jochen Schweizer, Parship Elite Group, Amorelie), Health & Beauty (Flaconi, Windstar Medical) und Style (moebel.de, Stylight). Die Reisesparte Etraveli hat die Gruppe verkauft. Für das verbliebene Reisegeschäft (weg.de/tropo) wird weiter nach einem Käufer gesucht. Die Umbenennung des E-Commerce-Arms ist ein Fingerzeig dafür, dass man dem Bereich eine größere Eigenständigkeit zubilligt und Geld von außen sucht. Aktuell befinde man sich in Gesprächen über eine Minderheitsbeteiligung an der Nucom Group, Ergebnisse werden im zweiten Quartal 2018 erwartet, wenn schon der neue Chef oder die neue Chefin an Bord ist.
Natürlich ist es immer misslich, wen sich en Unternehmen neu sortiert, kurz bevor ein Wechsel an der Spitze ansteht. Allerdings bedeutet die nun vorgestellte Ausrichtung auch keinen 180-Grad-Schwenk. Dem oder der Neuen an der ProSiebenSat.1-Spitze wird viel Spielraum bleiben.

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