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Nur 10 Minuten lang Weltklasse: Warum die deutsche Netflix-Produktion „Dark“ an "Stranger Things" nicht heranreicht

Die Mystery-Crime-Serie "Dark" war die erste deutsche Netflix-Produktion

Am 1. Dezember startet mit „Dark“ die erste deutsche Netflix-Serie. In zehn Folgen erzählt der Mystery-Thriller von verschwundenen Kindern, dunklen Familiengeheimnissen und Löchern in der Zeit, deren Größe nur noch von den Löchern im Drehbuch übertroffen werden. Denn trotz eines tollen Looks ist „Dark“ nur ein weiteres Beispiel deutscher Einfallslosigkeit.

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Ein Mann erhängt sich, und wir sehen ihn tatsächlich kurz baumeln, ein Paar hat Sex, und wir sehen es tatsächlich splitternackt kopulieren, ein Junge verzweifelt, eine nackte Mutter macht sich über ihren verzweifelten Sohn lustig, ein nackter Mann zieht sich an, klettert aus dem Fenster und joggt nach Hause, um sich zu Frau und Kindern an den Frühstückstisch zu setzen. „Dark“, die erste deutsche Netflix-Serie, ist absolute Weltklasse. Für immerhin zehn Minuten.
Dann verweigert eine Pubertierende das Frühstück mit einem Satz, wie ihn nur Pubertierende in deutschen Fernsehproduktionen sagen: „Mama, ich bin im Hungerstreik. Solange ein Kind alle zehn Sekunden an Hunger stirbt, werde ich mich ganz bestimmt nicht vollfressen.“ Man hofft, man betet fast, dass es nur ein Ausrutscher war. Doch als nach 20 Minuten ein knappes Dutzend Figuren eingeführt wurde, man sich aber schon für keine einzige mehr interessiert, und als nach 30 Minuten beinahe das komplette Setting dieser Mystery-Serie vorgetragen worden ist, weicht das Hoffen der Verzweiflung. Muss fiktionale Unterhaltung aus Deutschland denn immer so grässlich sein?
„Dark“ spielt in einer deutschen Kleinstadt mit viel Wald und einem AKW, irgendwo dort ist zwei Wochen vor Handlungsbeginn ein Junge verschwunden; in der ersten Folge verschwindet ein weiterer, und vor 33 Jahren verschwand der Bruder des fremdgehenden Familienvaters, von Beruf Kommissar und deshalb auf allen Ebenen mit den Fällen befasst. Oliver Masucci spielt den zigfach gebeutelten Mann (der zweite verschwundene und ziemlich süße Junge ist sein Sohn, die das Frühstück verweigernde Pubertierende seine Tochter) ziemlich überzeugend; ständig heulend, greinend und schreiend im Regen stehen zu müssen, weil Regisseur Baran Bo Odar ein paarmal zu oft „Sieben“ geguckt hat, ist für einen Burgtheater-Schauspieler eigentlich eine Zumutung.
Sogar richtig toll ist Louis Hofmann als jugendliche Hauptfigur Jonas, deren Vater in der Eingangsszene vom lieben Gott mit dem Lasso geholt wurde. Der bei den Dreharbeiten bereits 19-Jährige gibt den verstörten und überempfindlichen Jugendlichen berückend gut. Nachdem er bereits zahlreiche Preise für seine Leistung im dänischen Weltkriegsdrama „Unter dem Sand“ bekommen hat, sollte sich Hofmann mit diesem Auftritt für eine Rolle in einer anständigen Netfllix-Serie qualifiziert haben. Ach ja: Das Mystery-Experiment „Dark“ mit seinen ständig im Wald herumstreunenden Jugendlichen und einem Handlungsstrang in den 80ern erinnert auf den ersten Blick natürlich an „Stranger Things“. Abgekupfert hat Drehbuchautorin Jantje Friese allerdings nicht, als die erste Staffel des Netflix-Megaerfolgs anlief, war „Dark“ bereits in der Vorproduktion. Trotzdem muss sich Friese vorwerfen lassen, dass ihr Buch alles ist, aber nicht originell. Der Plot ersäuft in ausgenudelten Stereotypen, würde man für jedes einen Schnaps trinken, man wäre bereits nach Folge zwei voll wie ein Amtmann.
Zum Beleg folgt das Protokoll der Mysterythriller-Klischees aus den ersten 100 Minuten „Dark“: Eine Wand mit lauter Fotos von irgendwelchen Menschen. Ein Bindfaden-Netz, das Verbindungen zwischen den Personen darstellt. Ein verschwundener Junge. Ein schon vor vielen Jahren verschwundener Junge. Eine Kleinstadt in Angst. Eine Elternversammlung wegen des verschwundenen Kindes. Ein toter Vogel. Ein mysteriöses Haus im Wald. Eine übersensible Hauptfigur. Der übersensiblen Hauptfigur rinnt Blut am Ohr hinab. Das Blut ist gar kein Blut. Eine verrückte Alte mit Visionen („Es wird wieder geschehen“). Ein verrückter Alter mit Visionen (derselbe Text). Die übersensible Hauptfigur schreckt ständig aus Alpträumen hoch. Eine geheimnisvolle Höhle. Ein geheimnisvoller Brief. Ein geheimnisvolles Datum, an dem etwas passieren soll. Die übersensible Hauptfigur hat Visionen von einem Verstorbenen. Eine Leiche ohne Augen. Ein geheimnisvoller, wie ein Penner aussehender Fremder. Eine geheimnisvolle Tür. Scheinbar grundlos flackerndes elektrisches Licht.
Das aushalten zu müssen, ist eigentlich zu viel verlangt. Doch der Berufsgucker gestattet sich das Abschalten nur, sollte selbst das in diesem Genre wirklich allerletzte Klischee bedient und ein mysteriöser Todesfall in Zusammenhang mit einer Bibelstelle gebracht werden. Und dann stehen in der dritten Folge plötzlich zwei Männer in einer Wiese, um sie herum liegen 33 getötete Schafe, und einer der beiden Männer sagt: „Seht zu, wachet und betet, denn sie wissen nicht, wann die Zeit kommt. Markus-Evangelium, 13, 33.“
Den Auftrag für „Dark“ haben Regisseur Baran Bo Odar und Drehbuch-Autorin Jantje Friese ihrem auch nur durchschnittlichen Hacker-Film „Who am I?“ zu verdanken. Genau wie in „Dark“ täuschen darin der Look und die für deutsche Verhältnisse progressive Inszenierung darüber hinweg, dass sich unter der glänzenden Oberfläche ein uninspirierter Klischeereigen befindet. Der eigene Anspruch ist ein anderer, im Interview mit der Stuttgarter Zeitung sagte Regisseur Baran Bo Odar: „Wir gucken nicht so gerne Tatort und wollten sowas auch nicht machen.“
Am Ende ist es dann aber genau das geworden. Von „Stranger Things“ oder auch nur einem Format wie der schwedischen Mystery-Serie „Jordskott“, in der ebenfalls Kinder im Wald verschwinden, ist die erste deutsche Netflix-Produktion meilenweit entfernt.
 
 
„Dark“ ist ab heute, 1. Dezember, auf Netflix verfügbar. Der Streamingdienst hat der Presse vorab drei Folgen zur Verfügung gestellt. Diese Rezension bezieht sich auf die ersten beiden Folgen sowie zehn Minuten der dritten Folge.

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