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"Fake News" oder kein Respekt vor der Wahrheit? Der Spiegel und die Hotelzimmer-Szene, die es nie gab

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, Ausgabe nach den G20-Krawallen

Nach dem Eisenbahn-Einstieg folgt die Hotelzimmer-Szene: Erneut sieht sich der Spiegel massiver Kritik wegen seiner Arbeitsweise ausgesetzt. Diesmal geht es um einen Fehler im Zusammenhang mit der G20-Berichterstattung, den namhafte Kritiker, darunter der Hamburger Medienunternehmer Frank Otto, für symptomatisch halten. Sogar von „Fake News“ ist die Rede. Der Spiegel weist die Vorwürfe zurück.

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Konkret geht es um zwei Fakten, die der Spiegel in dem Artikel „Lasst es krachen“ in Ausgabe 29 nach den G20-Krawallen von Hamburg berichtete und die laut den Veranstaltern des Literaturfestivals „Lesen ohne Atomstrom“ erfunden sind. So schrieb das Nachrichtenmagazin über Haidi Giuliani, die Mutter des beim Gipfel 2001 in Genua von der Polizei getöteten Carlo Giuliani:

Sie sah den Rauch, den Tumult, die Einsatzwagen aus sicherer Entfernung von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus.

Problem: Frau Giuliani war zwar Gast auf besagtem Literaturfestival im Umfeld von G20 gewesen, zum Zeitpunkt der G20-Tumulte in Hamburg am 7. Juli war sie aber längst wieder zuhause in Genua und führte laut eigener Aussage ihren Hund Gassi. Dies gab sie gegenüber dem Medienmagazin M der Deutschen Journalistenunion zu Protokoll, das den Fall ausführlich aufgearbeitet hat. Sie konnte also gar nicht an einem Hamburger Hotelfenster stehen und aus sicherer Entfernung die Ausschreitungen beobachten, wie es der Spiegel szenisch beschrieb.
Wie kam der Spiegel zu dieser Darstellung? Haidi Giuliani und die Organisatoren des Festivals haben dafür keine Erklärung. Selbst falls Frau Giuliani sich am 7. Juli noch in Hamburg aufgehalten hätte, sie hätte auch dann von ihrem Hotelzimmer aus keinen Rauch der Tumulte sehen können. Haidi Giuliani sagt auf Anfrage von MEEDIA: „Mein Zimmer im ‚Europäischen Hof‘ – in dem ich zwei Nächte, vom 4. auf den 5. und vom 5. auf den 6. Juli, übernachtet habe – lag nach hinten raus. Aus dem Fenster meines Zimmers schaut man in einen geschlossenen Innenhof. Man sieht zu keiner Seite eine Straße oder einen öffentlichen Raum.“ Die Szene, die der Spiegel beschreibt, ist also offenbar eine reine Erfindung.
Der Spiegel gibt zu, dass die Aussage nicht zutrifft bzw. in der Diktion des Nachrichtenmagazins „missverständlich“ sei. Die Schilderung beziehe sich auf zwei Telefon-Interviews des Spiegel mit Frau Giuliani am 12. und 13. Juli 2017. Zwar habe Frau Giuliani beim zweiten Telefonat vor Drucklegung alle wörtlichen Zitate sowie die zeitlichen Angaben gegenüber der Spiegel-Redakteurin Fiona Ehlers bestätigt. Giuliani habe auch davon gesprochen, was sie gesehen habe, nämlich Rauch, Tumulte etc. „Dass dies nicht vom Hotelfenster aus geschah, beruht auf einem Missverständnis und auch darauf, dass Frau Giuliani offenbar nicht die exakten Daten ihrer Reise parat hatte. Beides ist ihr allerdings nicht anzulasten. Die Redaktion hätte da noch penibler nachfragen müssen“, so ein Spiegel-Sprecher gegenüber MEEDIA.
Gegenüber „Lesen ohne Atomstrom“ erklärte der Spiegel zudem, mit ein Grund für das angebliche „Missverständnis“ sei gewesen, dass Fra Giuliani „aufgrund ihrer brüchigen Stimme schwer verständlich war“. Gegenüber MEEDIA äußerte der Spiegel dann: „Frau Giuliani leidet seit dem Tod ihres Sohnes an einem nervösen Sprachtick, aber sie ist deutlich verständlich.“ Ein Video-Mitschnitt der Lesung belegt tatsächlich, dass sie deutlich verständlich spricht. Unklar ist auch, warum der Spiegel die Gelegenheit nicht wahrnahm, Frau Giuliani während ihres Hamburg-Aufenthalts zu treffen und stattdessen später mit ihr telefonierte. Interviews mit Haidi Giuliani wurden den Medien vom Verein des Festivals angeboten, sogar im Hotelzimmer.
Solche so genannten szenischen Rekonstruktionen, wie die Hotelzimmer-Szene, sind nicht erst seit neustem Anlass für „Missverständnisse“. Für viel Wirbel sorgte der Fall, als der Spiegel-Reporter René Pfister 2011 den Henri-Nannen-Preis für die beste Reportage aberkannt bekam, nachdem sich herausstellte, dass er die Modellbahn des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer detailreich beschrieben hatte, ohne sie selbst je gesehen zu haben. Im jüngsten Spiegel-Aufmacher zu den gescheiterten Jamaika-Sondierungen wird eine Szene beschrieben, wie die Bundeskanzlerin eine Presseerklärung der FDP auf ihrem Handy liest, die bei Lesern einen falschen Eindruck erwecken kann.
Der Unterschied der Hotelzimmer-Szene zum berüchtigten Eisenbahn-Einstieg: Was der Spiegel damals über Seehofers Modelleisenbahn schrieb, wurde von dem Politiker in der Sache nicht bestritten. Hier hat die Hotelzimmerszene mit der Realität aber nichts zu tun.
Ein zweiter konkreter Punkt, der in dem Artikel des Magazins M moniert wird ist, dass der Spiegel über Frau Giulianis Teilnahme an G20-Demos schrieb: „Sie selbst marschierte nicht mit.“ Ausweislich von Foto- und Filmaufnahmen (u.a. ironischerweise von Spiegel TV) marschierte sie aber sehr wohl mit. Am Abend des 5. Juli führte sie sogar eine Demonstration an, die vor den G20-Tagungsort zog.
Der Spiegel erklärt dazu: „Die Aussage, dass sie nicht mit marschierte, weil sie dafür zu alt sei, stammt ebenfalls von Frau Giuliani selbst. Dass sie sich damit ausdrücklich auf den Freitag, 7. Juli, bezieht, fiel redaktionellen Kürzungen beim Zusammenschreiben des Textes zum Opfer.“ Dies sei für den Leser dann „so leider nicht mehr eindeutig ersichtlich und natürlich bedauerlich“. Den Bezug zum 7. Juli könne man dem Text aber mittelbar entnehmen, meint der Spiegel. Die Kritiker sehen das anders.
Zu den Kritikern gehört der Medienunternehmer Frank Otto, Spross der Versandhausdynastie und einer der Initiatoren des Literaturfestivals, bei dem Frau Giuliani zu Gast war. Gegenüber MEEDIA sagte er: „Frau Giuliani wurde hier in ein sehr komisches Licht gerückt. Gerade so, als wäre sie eine Krawalltouristin, dabei kam sie als eine Mahnerin. Es wäre auch nicht schwer gewesen, sie anzusprechen, sie war ja für mehrere Tage in Hamburg und hat auch an Demonstrationen teilgenommen. Das wird nur vom Spiegel ganz anders dargestellt.“
Zur Erklärung des Spiegel, es habe sich um ein „Missverständnis“ gehandelt, sagt Otto: „Das finde ich problematisch. Wir leben in sensiblen Zeiten und sprechen viel über Fake News. Es wäre auch nicht schwer gewesen, das richtig zu recherchieren, man hatte beim Spiegel ja auch die entsprechenden Informationen. Immerhin hat ein Team von Spiegel TV Frau Giuliani sogar bei einer Demonstration gefilmt.“
Der frühere Chefredakteur des Deutschlandfunks, Rainer Burchardt, der an der FH Kiel als Medienprofessor lehrt, geht in seiner Kritik noch einen Schritt weiter: „Wie aus dem Artikel (gemeint ist die Veröffentlichung im Gewerkschaftsmagazin M, Anm.d.Red.) hervorgeht, war Frau Giuliani am 7. Juli, als die Rauchwolken aufstiegen, schon gar nicht mehr in Hamburg, sondern ist nach Ihrer Aussage ‚in Genua mit meinem Hund Gassi gegangen. Während meines Aufenthalts in Hamburg habe ich zu keinem Zeitpunkt Tumult oder Rauch gesehen, schon gar nicht von meinem Hotelzimmer aus’. Frau Giuliani war vom 4. bis 6. Juli in Hamburg. Die vom Spiegel geschilderte Hotelzimmerszene ist also eine reine Erfindung. Das ist nach meinem Verständnis eine Falschmeldung, also ‚Fake-News‘.“
Der Spiegel weist diese Kritik zurück: „Offenkundig haben die beiden Herren, bevor sie diese Aussagen machten, nicht mit dem Spiegel gesprochen. Sonst wüssten sie, dass der Teil des Artikels über Frau Giuliani auf zwei Telefon-Gesprächen mit ihr beruht“, so ein Sprecher des Magazins. Außerdem werde im Spiegel-Artikel nicht der Eindruck erweckt, man sei mit ihr am Ort des Geschehens gewesen. Indes ist unklar, inwieweit der Umstand, dass eine Spiegel-Redakteurin zweimal mit Frau Giuliani telefoniert hat, entkräften soll, dass hier falsch berichtet wurde. Die seltsam anmutende Formulierung – „die beiden Herren“ – vernebelt überdies, dass es sich nicht um irgendwelche Aktivisten handelt, die hier den Finger in die Wunde legen, sondern um einen Medienprofessor (Burchardt) und einen langjährigen Vorstand des Hamburger Presseclubs (Otto).
Unverständlich findet das Magazin M am vorliegenden Fall nicht nur den Artikel, sondern auch die Art und Weise, wie das Nachrichtenmagazin mit Kritik umgeht. Nach Schilderungen von M versuchten die Initiatoren des Literaturfestivals, mit Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer ins Gespräch zu kommen. Als nach acht Wochen keine Antwort erfolgte, fasste man nach, und erst zwei weitere Wochen später habe die Rechtsabteilung des Spiegel „auf Bitten der Chefredaktion“ geantwortet. Zwei weitere Tage später habe dann die Kommunikationsabteilung eine lange Stellungnahme geschickt, in der erklärt wurde, das erste Schreiben sei der Chefredaktion „nicht bekannt“ und womöglich im Hause verloren gegangen. Der Spiegel teilt mit, auf das zweite Schreiben hin habe die Autorin der Geschichte mit einem Vertreter von „Kultur für alle“ (dem Verein, der das Literaturfestival organisiert) telefoniert, und der Verlag habe eine ausführliche Antwort geschickt. „Aus diesem Vorfall generell eine mangelnde Dialogbereitschaft des Spiegel herzuleiten, halten wir für nicht angemessen“, so der Sprecher des Magazins.
In der ausführlichen Antwort, die der Spiegel an „Kultur für alle“ schickte, findet sich eine bemerkenswerte Formulierung:

Die Redakteurin hatte verstanden, dass Frau Giuliani bis zum Wochenende Gast in Hamburg war, was sich als Fehler herausstellte. Das ist bedauerlich, aber sie wollte ja nicht an potentiell gewalttätigen Veranstaltungen teilnehmen, und ob die sichere Entfernung nun ein Hotel oder ihr Zuhause war, scheint für den Inhalt des Textes zweitrangig.

Das muss man sich in der Tat zweimal durchlesen. Ob sich eine beschriebene Szene in einem Spiegel-Text tatsächlich so zugetragen hat oder ganz anders, ist für Deutschlands wichtigstes Nachrichtenmagazin „zweitrangig“. Von MEEDIA gefragt, ob der Spiegel in diesem Punkt den wahrheitsgemäßen Ablauf der Geschehnisse für nicht relevant hält, heißt es von Seiten des Spiegel (Eigenwerbung: „Keine Angst vor der Wahrheit“): „Selbstverständlich ist Wahrheit das höchste Gut, dem wir uns verpflichtet fühlen. Mit zweitrangig ist hier gemeint, dass der Inhalt der Aussagen uns wichtiger ist als die zeitliche Abfolge. Wobei diese natürlich korrekt hätte dargestellt werden müssen.“
Dass hier versucht wird, einen offensichtlichen Sachfehler bis zur Unkenntlichkeit zu relativieren, ist noch nicht alles. Ungefragt gibt der Spiegel dem Verein „Kultur für alle“ eine eigenwillige Rechtsberatung mit auf den Weg: „Unsere Pressejuristen würden wohl sagen: Es liegt keine relevante Persönlichkeitsrechtsverletzung vor.“ So kann man Kritik natürlich auch begegnen, zumindest scheint das an der Ericusspitze vorherrschende Meinung zu sein.
Es sind solche Fälle, die etwas aussagen über die Verfasstheit von Medien, über ihr Selbstverständnis und ihre Kritikfähigkeit, die immer wieder gerne auf Podien eingefordert wird.
Für Haidi Giuliani ist eine Falschdarstellung wie im Spiegel jedenfalls keine Kleinigkeit: „Ich möchte bei der Gelegenheit gern sagen: Ich bin dankbar, dass diese Unwahrheiten, die sich Journalisten einfach ausdenken, an diesen Beispielen mal thematisiert werden. Auch mein Sohn Carlo wurde nach seiner Ermordung wahlweise als Obdachloser oder Drogenabhängiger von sogenannten Journalisten beschrieben – obgleich er nachweislich weder das eine noch das andere war.  Diese Erfindungen, die sogenannte Journalisten sich ausdenken weil es offenbar dem Leser gefallen soll, haben mit Journalismus überhaupt nichts zu tun. Ich wäre dankbar, wenn Presseberichte wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen würden – alles andere ist fatal, gerade in Zeiten wo es auf seriöse Informationen dringender denn je ankommt.“

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