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„Townhall-Meetings“ als Nonplusultra der Wahlberichterstattung? Ein Einspruch von Journalismus-Professor Bernd Gäbler

Neben ARD und ZDF punkteten auch RTL und Peter Kloeppel  mit mehreren “Townhall”-Formaten
Neben ARD und ZDF punkteten auch RTL und Peter Kloeppel mit mehreren "Townhall"-Formaten

Wenn Neuwahlen kommen, gibt es auch wieder umfangreiche Wahlberichterstattung. Einigkeit besteht: Das „TV-Duell“ war Mist. Durch die Bank großartig aber finden die Sender – von ARD bis RTL – ihre „Townhall“-Formate, in denen die Politiker auf das Publikum trafen. Sollte das also die Zukunft der Wahlberichterstattung sein? Journalistik-Professor Bernd Gäbler erhebt Einspruch.

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Von Bernd Gäbler

Er werde zum Telefon greifen und sich bei Horst Seehofer für ihn einsetzen, versprach SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz einem in Bayern lebenden 18-jährigen Schüler, der aus Afghanistan stammt und abgeschoben werden soll. Zu sehen war dies während des Bundestagswahlkampfes bei RTL in einem von Peter Kloeppel und Roberta Bieling moderierten Format, das der Sender selbst als „Townhall-Meeting“ bewarb. In der „Wahlarena“ der ARD brachte es der junge Pfleger Alexander Jorde fast zum Popstar, weil er die Bundeskanzlerin unnachgiebig und mit heftigen Worten für Versäumnisse in der Altenpflege kritisierte. Das trug ihm viele weitere Interviews ein.

Weil es ansonsten viel Ödnis und Langeweile im televisionären Wahlkampf gab, und insbesondere das „TV-Duell“ der Spitzenkandidaten einmal mehr so absurd streng formatiert war, dass die zwei Kontrahenten aufeinander losgingen wie zwei eingefrorene Flusskrebse im Tiefkühlfach, gelten diese Formen der unmittelbaren Begegnung von Publikum und Politikern den Sendern nun als Nonplusultra der Wahlberichterstattung.

Die erste Frage, die angesichts dieser Begeisterung zu stellen ist. Lautet schlicht: Sind das überhaupt journalistische Formate?

Natürlich waren weder Bettina Schausten und Peter Frey, die im ZDF durch die Sendungen namens „Klartext“ führten, noch Sonia Mikich und Andreas Cichowicz, die gleiches in der „Wahlarena“ (ARD) taten, überflüssig. Sie erfüllten die klassischen Aufgaben einer Moderation, sorgten also für einen bunten Themenmix, für Abwechselung und den Rhythmus der Sendung, achteten darauf, dass sich die Fragenden nicht zu sehr in Details verfranzten und die Antwortenden nicht in Floskeln flüchteten. Wie man einer unfreiwillig ins Bild geratenen Karteikarte von Peter Frey entnehmen konnte, sind diese Sorte Sendungen auch nicht ganz so spontane Begegnungen von Bürgern und Politikern wie die Sender glauben machen wollen. Es gibt vorweg eine Zuordnung von Köpfen und Themen, gezielte Einladungen besonderer „Fälle“, ein Auswahl von alt und jung, die gleichermaßen zu Wort kommen sollen. Die moderierenden Politik-Journalisten haben also schon eine Gestaltungsaufgabe, dennoch erschöpft sie sich weitgehend darin, den Fernsehzuschauern eine flüssige Sendung abzuliefern. Sie führen nicht selbst den politischen Diskurs, vertiefen nicht die Fragen, bedrängen nicht die um elegante Antworten ringenden Kandidaten.

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Die spezifisch journalistische Tätigkeit ist auch deshalb eingeschränkt, weil diese Sendungen keinerlei Recherche vorsehen. Weder die gestellten Fragen noch die dargebotenen Einzelfälle sind überprüfbar. Wenn in einer solchen Sendung jemand sagt, er habe 45 Jahre lang gearbeitet und in die Rentenversicherung einbezahlt, um jetzt als Rentner mit lediglich 560 Euro dazustehen, wird niemand einschreiten und sagen: „Moment mal, zeigen Sie mal Ihren Rentenbescheid. Das kann gar nicht sein.“ Es gilt der Grundsatz: Der Betroffene hat Recht. Dass die Putzfrau nebenbei eine Eigentumswohnung besitzt, wird niemand enttarnen. Dass die anklagende Krankenschwester tatsächlich für die Linke kandidiert oder die Dame, die dem Unmut des Volkes über die vielen Flüchtlinge so spontan Ausdruck verleiht, Mitglied der AfD ist, wird allenfalls Tage später bekannt.

Was also – und das ist die zweite Frage an diese Formate – testen sie genau bzw. können oder sollen sie verdeutlichen? Immer haftet diesen öffentlichen Bürgersprechstunden etwas latent paternalistisches an. Halb bittend, halb fordernd, mal schüchtern, mal forsch nähern sich die einfachen Bürger mit ihren spezifischen Anliegen ihrer Herrschaft. Diese haben nun zu zeigen, wie sie damit umgehen – kalt oder empathisch, zugewandt oder ablenkend, voller Versprechen oder realistisch? Nicht das politische Programm, die Vorhaben für die Zukunft stehen zentral auf dem Prüfstand, sondern vor allem die Umgangsformen von Amtsinhaber und Kandidat gegenüber dem fordernden Volk. Können sie mit den Leuten?

Und drittens sind diese „Townhall“-Formate – das will keiner der sie bejubelnden Sender wahrhaben – eben nicht große Diskurse über die Zukunftsthemen des Landes, über die grundsätzlichen Differenzen zwischen den politischen Formationen jenseits von Tagespolitik und Taktik, sondern in der Regel Orgien der Identitären. Da fragt der Altenpfleger zur Altenpflege, der Rentner zur Rente, der Flüchtling zum Bleiberecht, der Homosexuelle zur Ehe für alle. Warum kann nicht einmal ein Schwuler auch als engagierter Gewerkschafter auftreten, eine Mutter etwas gegen die Diskriminierung von Minderheiten sagen, ein Handwerker zum Umweltschutz? Eine Gesellschaft ist mehr als die Summe von Egos. Politik ist etwas anderes als vielfältige Nabelschau. Nicht nur das Eigene vorzutragen, sondern sich für den anderen zu interessieren, ist Voraussetzung, um gemeinsam über die „öffentliche Sache“ (res publica) konstruktiv zu streiten.

Wenn die Politik-Journalisten von sich aus beginnen, in die einseitigen Lobeshymnen dieser „Townhall“-Formate einzustimmen, die als gelegentliche Ergänzung in einem Wahlkampf ihre Berechtigung haben mögen, dann stimmen sie letztlich ein in den Abgesang auf ihre eigentliche Profession.

Bernd Gäbler war von 2001 – 2005 Direktor des Grimme-Instituts in Marl und lehrt seit 2011 als Professor für Journalistik an der FHM Bielefeld

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