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„Mehr Haltung, mehr klare Kante“: Chefredakteur Frank Niggemeier zum Relaunch der Hamburger Morgenpost

Relaunch: Mopo-Chefredakteur Frank Niggemeier will aus dem aktualitätsgetriebenen Boulevardblatt eine meinungsstarke und debattenorientierte Tageszeitung machen
Relaunch: Mopo-Chefredakteur Frank Niggemeier will aus dem aktualitätsgetriebenen Boulevardblatt eine meinungsstarke und debattenorientierte Tageszeitung machen

Die Hamburger Morgenpost kommt ab Montag in neuem Gewand: Aus einem rein aktualitätsgetriebenen Boulevardblatt will der langjährige Chefredakteur Frank Niggemeier eine meinungsstarke und debattenorientierte Tageszeitung machen. Damit soll die "Mopo" auch als gedrucktes Produkt weiter eine Zukunft im hart umkämpften norddeutschen Pressemarkt haben. MEEDIA hat mit dem Blattmacher gesprochen.

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Seit Anfang der Woche läuft der Countdown. Täglich informiert die Hamburger Morgenpost ihre Leser in groß aufgemachten Artikeln über ihre bevorstehende optische und inhaltliche Frischzellenkur. Denn am Montag kommender Woche ist es soweit: Die traditionsreiche Boulevardzeitung, die die Hamburger liebevoll kurz Mopo nennen, erscheint in einem neuen Gewand: Chefredakteur Frank Niggemeier setzt darauf seine ganze Hoffnung: „Wir wollen mit dem anstehenden Relaunch die verkaufte Auflage stabilisieren“, sagt der Journalist gegenüber MEEDIA.

Das Ziel ist ehrgeizig. Denn die zur Kölner DuMont Mediengruppe gehörende Zeitung wird seit Jahren immer weniger in gedruckter Form gelesen. Im 3. Quartal sank die verkaufte Auflage gegenüber dem vergleichbaren Vorjahresquartal um mehr als 8 Prozent – auf inzwischen etwas mehr als 68.500 Exemplare, ein neuer Tiefpunkt in der fast 70-jährigen Geschichte der Zeitung. Vor zehn Jahren gingen von dem einst von SPD-Mann Heinrich Braune gegründeten Blatt noch mehr als 115.000 Hefte an die Kioske oder wechselten direkt am Kneipentisch den Besitzer. Der rasante Auflagenverlust ist gerade für das Boulevardsegment typisch; auch der Branchenführer Bild muss bei jeder neuen Auflagenmeldung empfindliche Verluste melden. Die Mopo hatte sich lange erfolgreich gegen diesen Trend gestemmt, in jüngster Zeit gelingt das aber nicht mehr.

Jetzt soll der Relaunch den Auflagenschwund deutlich verlangsamen, am besten sogar stoppen. Niggemeier ruft daher zu einem Paradigmenwechsel auf. „Wir müssen Boulevard künftig moderner interpretieren als bisher – weg von einem rein aktualitätsgetriebenen Produkt hin zu einer Zeitung, die dem Leser mehr Hintergründe zu selbstgesetzten Themen vermittelt“, erläutert der Mopo-Chef sein Konzept. Der Grund für die neuen Kurs ist verständlich. Im Zeitalter des Digitaljournalismus haben Nachrichten eine immer geringere Halbwertzeit. Gedruckte Medien haben es schwer, den Leser zu fangen, und das bekommen die Kaufzeitungen am deutlichsten zu spüren. Daher schlägt die Mopo neue Wege ein. Niggemeier: „Wir verstehen uns weniger als Chronisten und setzen nicht auf Nachrichten, die schon am Vortag online für jedermann frei zugänglich waren. Wir setzten stattdessen verstärkt auf eigene Stücke und selbst gesetzte Schwerpunkte zu Themen, die Hamburg bewegen“.

Von einem lupenreinen Boulevardtitel zu einem optisch attraktiv aufgemachten Meinungs- und Debattenblatt soll sich daher die norddeutsche Regionalzeitung wandeln. Dazu hat Niggemeier einiges im Köcher. Geplant sind unter anderem, dass in jedem Ressort – von Politik, Hamburg bis Sport – täglich ein Kommentar steht. Bislang beschränkte sich die Zeitung auf einen Meinungsbeitrag, den meist das Politik-Ressort lieferte. Das ist jedoch nicht alles. Aus dem bisherigen „Thema des Tages“ wird auf den Seiten 2 und 3 der „Standpunkt“. Das könne ein Leitartikel, eine Analyse, eine Polemik oder Glosse sein. „Subjektiv geschrieben, gut begründet und gerne provokant. Widerspruch und Zustimmung sind ausdrücklich gewünscht“, so Niggemeier.

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Damit wolle der Chefredakteur Debatten anstoßen. Beispielsweise eine Analyse zu den Ambitionen von Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz in der SPD oder Themen, ob das Modell der Stadtteilschule in der Elbmetropole gescheitert ist. Nach „Standpunkt“ und „Politik“-Seiten folgt der Hamburg-Teil. Dieser soll künftig tiefgründiger werden. Dazu habe Niggemeier mehrere Teams gebildet, die bestimme Themenfelder fest im Blick haben: von der prekären Wohnsituation bis zu Verkehr, von der sozialen Ungerechtigkeit bis zu dem Lebensgefühl, das die Hansestadt mit ihren vielen Facetten versprüht. Für Niggemeier lautet die Stoßrichtung: „Die Mopo soll mehr Haltung, mehr klare Kante zeigen.“

Damit verändert sich die Zeitung weiter in ihrer bewegten Geschichte. Darin kamen größere und kleine Veränderungen hervor. Beispielsweise im September 1986. Damals halbierte das Blatt nach 37 Jahren sein Format und verdoppelte die Seitenzahl, um in der U-Bahn und im Café besser gelesen zu werden. Jetzt will die gedruckte Zeitung durch inhaltlichen Tiefgang den Kampf mit dem Konkurrenten Handy aufnehmen. Ob das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Es dürfte aber nicht leicht werden.

Doch mit dem Relaunch geht auch eine personelle Schlankheitskur einher. Elf Stellen fallen dem Rotstift zum Opfer, sechs in der Redaktion und fünf in der Produktion. Auch sechs Redakteure aus der Politik sind vom neuen Mopo-Kurs betroffen. Sie behalten zwar ihren Arbeitsplatz. Dennoch müssen sie sich räumlich verändern. Künftig liefern sie ihre Artikel von Berlin aus – weit weg von ihrer langjährigen publizistischen Heimat Hamburg. Ihnen bleibt aber offenbar nichts anders übrig. Ansonsten hätte ihnen wohl das Schicksal gedroht, dass Mopo-Chefredakteur Niggemeier vor wenigen Tagen trefflich Medien prophezeite, die sich nicht dem Wandel in der Branche anpassen: „Wer nicht mit der Zeit geht, wird überflüssig – und geht mit der Zeit.“

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Alle Kommentare

  1. Ich wünsche dem neuen Format viel Erfolg.

    Mögen (wenigstens zukünftig) die einzigen Lücken in dem Blatt lediglich die, des unbedingt notwendigen Zeilen- und Buchstabenabstands sein aber sich keine mehr in der Berichterstattung finden.

    Dann klappts nämlich auch wieder mit dem Leser.

    Und bitte in Zukunft nicht mehr nur “Meinung”, sondern endlich auch mal wieder Meinungen.

    Ich habe da zwar meine Zweifel aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

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