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"Als Frau haben Sie ganz andere Recherchemöglichkeiten": stern-Autorin klagt Sexismus in Politik und Medien an

Von "Kameltestern", "Augentrost" für die Chefredakteure und einem Ressort namens "Strick und Fick": Autorin Ulrike Posche berichtet im aktuellen stern von ihren Erfahrungen zum Thema #meetoo

Als Politikautorin gehört Ulrike Posche zu den renommiertesten Journalistinnen der Republik. Nun hat die stern-Redakteurin ihren Beitrag zur MeeToo-Debatte über Sexismus im Job veröffentlicht. Ihre Erlebnisse, die bis in die Wendezeit zurückreichen, zeichnen ein erschreckendes Bild: Manche Politiker betrachteten die Journalistin offenbar als Freiwild, und so mancher Chef nutzte das auch noch aus.

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Das Stück von Posche, Jahrgang 1957, ist eine eine Seite lange Kolumne „In eigener Sache“ im aktuellen stern (der die Sexismus-Debatte auch zum Titelthema gemacht hat) – aber die hat es in sich. Unter der Headline „Macht und Muffensausen“ beschreibt die Autorin Begegnungen mit hochrangigen Politikern, bei denen zuweilen Anzüglichkeiten an der Tagesordnung waren. So habe ihr ein SPD-Ministerpräsident auf einer stern-Sommerparty 1994 vorgeschlagen, mit ihm mal kurz „in seine Landesvertretung zu verschwinden“. Als sie ablehnte, sei der beleidigt gewesen, während ebenfalls anwesende Kollegen vom Spiegel lediglich angemerkt hätten: „Jetzt hättest Du mal richtig Karriere machen können.“
Die Liste lässt sich laut Posche fortsetzen: Ein anderer Minister habe ihr in seiner Dienstlimousine die Hand aufs Knie gelegt, während sie seine Interview-Aussagen notierte. Ein ehemaliger DDR-Minister habe nachts versucht, in ihr Hotelzimmer zu kommen und am darauf folgenden Tag gefragt, ob sie und die Fotografin ihn nicht in seine Sauna begleiten wollten. Danach, so Posche, habe sie zum ersten Mal in ihrem Job „Muffensausen“ gehabt. Jüngeren Kolleginnen sei damals von den Redaktionen nahegelegt worden, „möglichst nah an die Politiker ranzukommen“.
Die Reaktionen in den – in aller Regel komplett mit Männern besetzten – journalistischen Chefetagen waren bemerkenswert, und lassen mehr auf ein sexistisches Buddytum schließen als auf einen energischen Einsatz für die Zielscheiben der Machos. So habe ihr Chef nach der Sauna-Attacke des Politikers gesagt, es habe ihr doch sicherlich auch „ein bisschen geschmeichelt“. Kolleginnen aus anderen Redaktionen hätten Ähnliches berichtet, etwa eine Journalistin der Zeit über einen dort berüchtigten Alt-Redakteur, der als „Kameltester beinahe jede Praktikantin nötigte“. Auch der interne Sprachgebrauch entlarvt das Frauenbild, das damals vorherrschte. So habe das Ressort „Erziehung und Gesellschaft“, in dem Posche ihre Karriere begann, auf den Redaktionsfluren des stern unter dem Namen „Strick und Fick“ firmiert.
Macher hipper Zeitgeistmagazine hätten Frauen vor allem nach dem Aussehen eingestellt, als „Augentrost“, wie es ein Chefredakteur ausdrückte. In ihrer eigenen Redaktion habe sie es später ertragen müssen, dass ein Kollege bei einer Konferenz verlangt habe, sie solle einen Artikel aber bitte „nicht wieder mit feuchtem Höschen schreiben“. Ein „Silberrücken unter den Journalisten“ habe ihr bei einer Party, deren Gastgeber er war, „voll an den Hintern gepackt“, im Beisein seiner Frau, „einfach so“.
Auch wenn die Autorin im Laufe ihres Berufslebens wiederholt zum Opfer sexistischer Übergriffe wurde, widerspricht sie überzogenen Forderungen. So finde sie auch heute nicht, „dass ein Minister zurücktreten muss, weil er irgendwann einmal einer Journalistin die Hand aufs Knie gelegt hat“. Auch den FDP-Politiker Rainer Brüderle, der über den berüchtigten „Dirndl“-Spruch gegenüber Posches Ex-Kollegin Laura Himmelreich stolperte, nimmt sie eher in Schutz: Brüderle sei „nie einer von den Schlimmen“ gewesen, sondern „ein Sprüchemacher, kein Nötiger“.
Dass die Medien mit Blick auf die #meetoo-Debatte auch in eigener Sache noch so Einiges aufzuarbeiten haben, zeigt indes eine andere Anekdote. So erinnert sich Autorin Posche an eine Bemerkung eines ihrer damaligen Chefs, als 1996 bekannt wurde, dass sich der spätere Kanzler Gerhard Schröder in eine Focus-Redakteurin verliebt habe. Der Vorgesetzte habe sie allen Ernstes gefragt, warum er sie so oft über den SPD-Mann habe schreiben lassen, wenn nun eine vom Focus „das Rennen machte“.
 
 

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