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Mit dem Goldenen Blatt die Demokratie retten? Die irritierende Auftaktrede des neuen VDZ-Präsidenten

Der frisch gewählte VDZ-Präsident Rudolf Thiemann
Der frisch gewählte VDZ-Präsident Rudolf Thiemann

Der frisch gewählte VDZ-Präsident hat beim Publishers’ Summit in Berlin seine Antrittsrede gehalten. Dabei vergab Rudolf Thiemann, Verleger des konfessionellen Liborius Verlages, leider die Chance einer mutigen Standortbestimmung. Stattdessen wurden die Probleme des Verbandes totgeschwiegen und der neue Präsident versuchte sich in einer irritierenden Ausweitung der Definition von Qualitätsmedien. Ein Kommentar.

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Wer von der ersten Rede des neuen VDZ-Präsidenten Rudolf Thiemann ein paar klare Sätze zur zurückliegenden Achterbahnfahrt seines Verbandes erwartete, wurde enttäuscht. Zur Erinnerung: Die drei wichtigen Publikumsverlage Spiegel, Zeit und Gruner + Jahr waren im Streit über die Nominierung des vorigen VDZ-Präsidenten und Funke-Gesellschafters Stephan Holthoff-Pförtner aus dem Verband ausgestiegen. Der Wunsch Holthoff-Pförtners, die Abtrünnigen zurück in VDZ-Boot zu holen, blieb unerfüllt. Seither ringt der Verband um seine Rolle als Sprachrohr und Plattform für die gesamte Branche.

Als würde das nicht reichen, schmiss Holthoff-Pförtner seinen Posten nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen überraschend hin, um Minister in der dortigen Regierung zu werden. Anschließend einigte man sich im VDZ auf den Liborius-Verleger Thiemann als Nachfolger. Von all diesen einigermaßen spektakulären Querelen und Verwerfungen war in Thiemanns Rede kein Wort. Stattdessen gab es in der Ansprache des neuen Präsidenten Allgemeinplätze satt: „Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger ist gut aufgestellt.“ „Wir leben von der Geschlossenheit unserer Mitglieder, vom Vertrauen und dem Willen zur Zusammenarbeit und Solidarität.“ „Wie kaum ein anderer Verband mobilisiert der VDZ seine Mitglieder.“

Ja, bisweilen mobilisiert er sie sogar zum Austritt.

Dieses konsequente Ausblenden von Problemen ist unsouverän, mag menschlich aber vielleicht noch verständlich erscheinen. Oder man könnte es mit sehr viel gutem Willen als Hauspolitik abheften. Nachhaltig verstörend waren allerdings Thiemanns Einlassung zum Thema gesellschaftliche Verantwortung und Medien.

Der VDZ-Präsident sagte:

Information und Unterhaltung, sind die Kernbegriffe unseres Geschäfts. Politisch kritische Titel, rein unterhaltende, auch solche, die die Fantasie ihrer Leser vorwegnehmen. Titel, die Informations- und Nutzwert in den Mittelpunkt stellen, und die zahllosen Titel, die das Leben der Menschen in jeder einzelnen Facette ihres Tuns und Wissen Wollens und in ihrer Haltung (das gilt insbesondere für konfessionelle Titel) begleiten und bestätigen.

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Was genau meint er eigentlich mit Titeln, „die die Fantasie ihrer Leser vorwegnehmen“? Meint er damit Yellow-Zeitschriften, die massenhaft verbreitete Lügengeschichten über Prominente zum Geschäftsmodell erhoben haben? Man weiß es nicht genau. „Politisch kritische Titel“, wie Thiemann das nennt, sind nach dem Austritt von Spiegel, Zeit und G+J im VDZ jedenfalls nicht mehr in Überzahl zu finden. Der Präsident weiter:

Keiner würde abstreiten, dass freier und unabhängiger kritischer Journalismus Voraussetzung für das Funktionieren unserer Demokratie ist. Ich behaupte allerdings, dass dies ebenfalls für alle anderen Formen des Publizierens gilt. Gutes Publizieren erschöpft sich nicht allein in politisch kritischem Journalismus. Es umfasst die gesamte Bandbreite unserer Produkte. Das Lebensgefühl als Baustein der freien Entfaltung der Persönlichkeit ist für eine freiheitliche Gesellschaft ebenfalls essentiell.

Man kann diese Zeilen kaum anders verstehen, als ein Plädoyer dafür, dass auch unterhaltende und nutzwertige Zeitschriften für das „Funktionieren unserer Demokratie“ Voraussetzung sein sollen. Solche Titel also, wie sie nach dem Abgang der drei Hamburger Verlagshäuser im VDZ vorrangig zu finden sind. Überspitzt gefragt: Will uns der VDZ-Präsident hier weismachen, dass Das Goldene Blatt die Demokratie rettet?

Der VDZ müht sich erkennbar um politische Relevanz. Immerhin hatte der Präsident eine ganze Reihe von Forderungen an die Politik im Gepäck: vom reduzierten Mehrwertsteuersatz bis hin zu einem europaweiten Verlegerrecht. Solche Forderungen werden gerne mit der gesellschaftlichen Relevanz der Verlagsprodukte begründet. Der VDZ versucht nun scheinbar, so ziemlich alle Gattungen und Spielarten der Printmedien mit dem Stempel der Relevanz zu versehen. Zu Ende gedacht würde das bedeuten, dass ein Lego-Heftchen gesellschaftlich genauso relevant ist wie eine unterhaltende Frauenzeitschrift mit flexiblem Wahrheitsverständnis, wie eine Ausgabe des Spiegel, der Zeit oder des stern.

Nein, eine große, eine wegweisende Rede war das nicht, was der neue VDZ-Präsident da gehalten hat. Wenn Rudolf Thiemann, wie er selbst sagt, als VDZ-Präsident mehr sein will als eine Übergangslösung, dann muss da mehr kommen.

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Alle Kommentare

  1. Ja, das hat der Verband der Zeitschriften gebraucht: Jemanden, der endlich die dringend notwendige Debatte über von den Massen heiß begehrte konfessionelle Presse in Gang bringt. Das wird die Medienwelt retten!

    Jeden Abend ein Blick ins Betblättchen, um mich in Tun und Wissen Wollen und Haltung bestätigt zu fühlen. Natürlich mit Rückbestätigung durch ein frommes Gebet. DAS sind die Sorgen, DAS sind die Lösungen unserer Zeit.

    Den vernachlässigbaren Rest der Zeitschriften wird der neu erwählte Printtaliban sicherlich einfach gesundbeten. Das macht er mit der linken Bethand.

  2. Nach Einschläferung einer intellektuellen Schicht der BRD sind Spiegel, Zeit, Gruner Jahr nicht völlig schuldlos entbehrlich geworden.

    Der VDZ-Mann dürfte die Wirklichkeit der BRD mit seinen verbliebenen Stützen treffend beschrieben zu haben.

    Darin liegt die Erklärung für das erstaunlich offene Bekenntnis einer Mission:

    “Politisch kritische Titel, rein unterhaltende, auch solche, die die Fantasie ihrer Leser vorwegnehmen”.

    Das Portrait- Foto unterstreicht die Hintersinnigkeit seiner Aussage.

    Eindeutig. Das Goldene Blatt repräsentiert, was wir uns unter Demokratie vorzustellen haben. Was also müßte an unserer Demokratie gerettet werden?

    So fängt es an. Meedia sollte sich für diesen Artikel vielleicht entschuldigen, bevor man vollends ins Populisten- Lager abdriftet.

    Man darf nicht spaßen mit dem Aufbringen von Erwägungen, wonach an unserer Demokratie irgendetwas einer Rettung bedarf.

    Es ist alles tipp-topp. (alte Scheibweise: tip-top)

  3. Uns Journalisten muss es so richtig schlecht gehen, bis wir aus unserem Winterschlaf aufwachen. Es ist ja schon ein Zeichen von Fäulnis, wenn man einen Thiemann als Präsidenten wählt. Aber ich meine, so richtig richtig schlecht.

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