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Sex-Anekdoten aus dem Sündenpfuhl: die wirre Weinstein-Kolumne von Norbert Körzdörfer in der Bild

Die Bild widmet dem Fall Harvey Weinstein eine Kolumnen-Reihe
Die Bild widmet dem Fall Harvey Weinstein eine Kolumnen-Reihe

Die Bild widmet dem "Skandal Weinstein" eine eigene kleine Reihe, geschrieben von Norbert Körzdörfer. Der Kolumnist arbeitet sich an der Frage ab: "Warum wurde Oscar-Mogul Harvey Weinstein zum Sex-Monster?" In einer wirren Analyse kommt er zu dem Schluss: Eigentlich war das doch schon immer so. Für Körzdörfer sind Vergewaltigungen offenbar nichts anderes als eine weitere Anekdote aus dem Sündenpfuhl Hollywoods.

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Ein Kommentar von Nora Burgard-Arp

“Wird Hollywood jetzt keusch?” lautet die Überschrift des dritten und bislang letzten Teils der Bild-Reihe “Skandal Weinstein” von Norbert Körzdörfer. Gerade so, als ob das jetzt die wichtigste Frage im Strudel der aktuellen Enthüllungen wäre. Nicht etwa, ob der Filmproduzent Harvey Weinstein, der offenbar jahrzehntelang Frauen sexuell belästigt, missbraucht und vergewaltigt hat, für seine Straftaten bezahlen muss. Auch nicht, warum die betroffenen Frauen so eingeschüchtert waren, beziehungsweise sich derart passiv und gefangen fühlten in einer männlichen Machtstruktur, dass sie sich erst im öffentlichen Kollektiv trauen konnten, laut auszusprechen, was ihnen widerfahren ist. Oder warum Männer wie Quentin Tarantino, die seit Jahren Bescheid wussten, geschwiegen haben. Und erst recht nicht, was der Skandal über die Gesellschaft jenseits Hollywoods aussagt: Wieso gehört sexuelle Belästigung nach wie vor weltweit zum Alltag dazu, wie die #MeToo-Kampagne zuletzt eindringlich offenlegte?

Nein, diese Fragen interessieren Norbert Körzdörfer nicht. Er zitiert lieber einen anonymen Film-Boss aus Hollywood:

“Wir sind alle viel vorsichtiger geworden – schon vor den schockierenden Enthüllungen! Heute kann ein Kompliment über das schöne Kleid einer Frau leider schon missverstanden werden – als sexuelle Belästigung! Der neue Sex-Code: Hände weg von Mitarbeiterinnen und Schauspielerinnen.“

Ach, die armen Männer. Früher ging das doch noch! Und jetzt dürfen die gar nichts mehr! Aber die Kleider sind doch so schön!

Ohne sexuelle Belästigung bleibt nur noch Keuschheit

Dieses Zitat ist bezeichnend für die gesamte Bild-Reihe Körzdörfers zum Fall Weinstein: Denn hier werden zwei Dinge miteinander vermischt und auf eine Stufe gestellt, die bitte auf keinen Fall auf eine Stufe gestellt werden dürfen: 1. Man wird ja wohl noch Komplimente machen dürfen. 2. Hände weg von Mitarbeiterinnen und Schauspielerinnen. Nein, lieber anonymer Film-Boss aus Hollywood, Komplimente zur Abendgaderobe und “Hände weg” gehören nicht in dieselbe Kategorie. Diese Vermischung ist gefährlich, denn sie suggeriert dem Bild-Leser: Zwischen sexuellen Übergriffen und ein paar netten Worten gibt es keinen Raum. Die Überschrift der Kolumne scheint außerdem zu rufen: Wenn Männer Frauen nicht mehr sexuell belästigen, bleibt in logischer Konsequenz nur noch Keuschheit und Prüderie übrig.

Norbert Körzdörfer vermengt in seinen wirren Weinstein-Kolumnen noch mehr. In Teil 2, “Weinstein und der Sex-Sumpf”, begibt sich der Kolumnist auf eine Zeitreise in das alte Hollywood und erzählt unter anderem von Charlie Chaplins “legendärem Penis”. Er benutzt Chaplin zwar als Beispiel für einen weiteren Mann in Hollywood, der junge Frauen belästigt und tyrannisiert haben soll, doch was hat in diesem Kontext bitte das Wort “legendär” zu suchen?

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Einerseits prangert er Harvey Weinsteins Verhalten an, spricht von ihm als “Sex-Monster” und schreibt:

“Sex ist ja nichts Schlimmes. Sex ist was sehr Schönes. Aber nicht – wenn aus abhängigen Frauen sexuelles Jagdwild wird.”

Doch auf der anderen Seite tischt er in seiner Aufarbeitung Sex-Anekdote um Sex-Anekdote auf. So berichtet der Kolumnist von der “fröhlich bisexuellen” Marlene Dietrich oder der “blonden Sex-Löwin Mae West”, einem “Frauen-Monster”, das in den Drehpausen “muskulöse Leibwächter vögelte”. Indem Körzdörfer diese Frauen in einem nahezu identischen Duktus beschreibt wie Harvey Weinstein (“Frauen-Monster” vs. “Sex-Monster”) drängt sich die Lesart auf: Die Frauen sind doch auch schlimme Finger! Whataboutism in Reinform.

Im ersten Teil zitiert er außerdem Jack Nicholson, der in jungen Jahren mit seiner Limousine (in Körzdörfers Welt ein “motorisiertes Phallus-Symbol”) durch Hollywood fuhr und Frauen aufriss: “Es gab Tage, da war ich mit mehr als vier Frauen im Bett“, so Nicholson.

Gewalt gegen Frauen ist keine Anekdote

Was das mit den Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen durch Harvey Weinstein zu tun haben soll? Es will mir partout nicht einleuchten. Sicher ist der (Macht-)Missbrauch kein neues Problem und sicher ist Harvey Weinstein nicht der einzige. Doch was hat eine weibliche Hollywood-Diva, die offenbar Spaß an Sex hatte und mit vielen Männern schlief, mit einer Kultur des Schweigens zu tun, in der sich viele Schauspielerinnen bis heute ausgeliefert fühlen und scheinbar jahrzehntelang dachten, es gehöre wohl einfach dazu, Missbrauch ertragen zu müssen? Und überhaupt: Was haben Geschichten über einvernehmlichen Sex in einem Text über einen mutmaßlichen Vergewaltiger zu suchen? Wenn die Frauen, die zu Jack Nicholson in die Limo gestiegen sind, dies gern und freiwillig getan haben, weil sie Lust auf Sex mit ihm hatten: Ist doch schön! Für ihn und für die Frauen.

Der Fall Harvey Weinstein ist keine frivole Schmunzel-Anekdote. Kein Beispiel für “So läuft es nun mal in Hollywood”. Der Fall Harvey Weinstein ist ein Symptom für ein grundlegendes gesellschaftliches Problem, das zwar in einem Paralleluniversum wie Hollywood augenscheinlich besonders gut keimen kann, aber eben nicht auf Hollywood oder das dortige Verhältnis zwischen Frauen und Männern begrenzt werden darf. Norbert Körzdörfer hat da anscheinend etwas ganz und gar nicht verstanden.

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