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Agenda-Duell der Verlegerverbände: Wie BDZV-Präsident Mathias Döpfner dem kopflosen VDZ das Wasser abgräbt

Mathias Döpfner (re.) ist seit einem Jahr Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, Rudolf Thiemann soll im November an die Spitze des derzeit führungslosen Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger gewählt werden
Mathias Döpfner (re.) ist seit einem Jahr Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger, Rudolf Thiemann soll im November an die Spitze des derzeit führungslosen Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger gewählt werden

In seiner Rolle als Lobbyist gibt Mathias Döpfner alles. Der Springer-Vorstandschef packt als Präsident des Verlegerverbands BDZV heiße Eisen an: So geißelt der CEO die Rundfunkgebühr als "Freifahrtsschein für die Staatspresse", wettert gegen die Übermacht der Internetkonzerne und kritisiert die Befangenheit der Politik im Umgang mit ARD und ZDF. Für den Konkurrenzverband VDZ wird das zum Problem.

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Auf politischer Ebene hatte die Medienbranche traditionell zwei wichtige Stimmen: die der im VDZ vereinten Zeitschriftenverleger und die im BDZV organisierten Chefs der Zeitungshäuser. Der VDZ hatte  – nicht zuletzt durch seinen Langzeitpräsidenten Hubert Burda – stets den höheren Glamour-Faktor und galt auf deutscher wie europäischer Ebene als bestens vernetzt. Wichtige Lobby-Vorstöße wurden hier gestartet, so auch das Drängen auf eine Kartellklage der EU gegen Google wegen Wettbewerbsverzerrung, die am Ende zu einer Milliardenstrafe für das US-Unternehmen führte.

Der BDZV war gegenüber dem Zeitschriftenverband eher ein Leisetreter. Der Kölner Zeitungsverleger Helmut Heinen (Kölnische Rundschau) amtierte von 2000 bis 2016 als dessen Präsident und damit fast ebenso lange wie Hubert Burda. Anders als der Münchner Medienhauschef hielt sich Heinen öffentlich eher zurück und aus Debatte um die (Opfer-)Rolle der Medien im aufkommenden Digitalzeitalter praktisch gänzlich heraus. Burda stand für Erneuerung, Heinen fürs Bewahren, und beide waren auf ihre Weise wichtig im Interessenskanon ihrer Branche. Im Juli vergangenen Jahres übergab Heinen den Staffelstab beim BDZV an Mathias Döpfner, und seither hat man den Eindruck, dass sich das Kräfteverhältnis der Verbände zuungunsten des VDZ wandelt.

Döpfner war für den leicht angestaubten Klub der Zeitungsverleger mit seinem antiquierten Rollenverständnis ein glänzender Griff. Der Vorstandschef hatte seinem Verlagshaus bereits zehn Jahre zuvor einen radikalen Schnitt Richtung Digitalisierung verordnet. Döpfner weiß, worauf es beim überlebenswichtigen Changemanagement ankommt – und auch um die Gefahren. Entschlossen und wortgewaltig tritt der ehemalige Chefredakteur für seine Überzeugungen ein und findet damit in der Branche wie in der Politik Widerhall.

So hatte es auch Hubert Burda beim VDZ gehalten, doch als er 76-jährig aus Altersgründen im vergangenen Herbst abtrat, hatte sein Verband mit der Nachfolge weniger Glück. Schon die Inthronisation des Funke-Gesellschafters Stephan Holthoff-Pförtners stand unter keinem guten Stern und führte aufgrund interner Dissonanzen zur späteren Abspaltung von vier Verlagshäusern, darunter so wichtigen publizistischen Größen wie Gruner + Jahr, Zeit sowie Spiegel. Dann warf der Essener nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen völlig überraschend nach wenigen Monaten hin, um in die Politik zu wechseln.

Zurück blieb ein vorübergehend kopfloser, im Innersten erschütterter und geschwächter Verband, dem es nicht gelang, die Situation zur Versöhnung mit den abtrünnigen Verlagen zu nutzen. Auch für die Neubesetzung des vakanten Topjobs hat der VDZ keine überzeugende Lösung parat. Die Meldung, dass mit Liborius-Verleger Rudolf Thiemann ein Nischen-Anbieter den VDZ führen soll, löste alles andere als Euphorie aus: Der einflussreiche Verband hat sich entschieden und einen Schritt gemacht – leider nicht nach vorn, sondern allenfalls zur Seite. Die Kandidatenkür ist nicht mutig, sondern so konservativ wie der Mann, dessen Aufgabe es sein soll, den Verleger-Verband in die Zukunft zu führen. Die wichtige Lobby-Organisation, so muss man sagen, schwächt sich selbst. Und es wäre falsch, dies dem Kandidaten anzulasten, der wohl vor allem bereitsteht, weil sich kein anderer findet.

Wenn die Delegierten am 5. November bei der Jahresversammlung in Berlin über ihren neuen Präsidenten abstimmen, werden zwei ungleiche Verleger zur Wahl stehen. Mit Thiemann bewirbt sich ein Vertreter einer mittelständischen Familiendynastie, die in vierter Generation konfessionelle Hefte wie Liborius-Blatt, Bayerisches Sonntagsblatt oder Christliche Woche herausbringt. Gegen ihn tritt der von vielen im Verband als Spaß-Kandidat gehandelte Clap-Gründer Peter “Bulo” Böhling an. Der Gewinner der Präsidentenwahl steht mit Thiemann, der von allen Landesverbänden unterstützt wird, jetzt schon fest, der Verlierer auch: der Verband Deutscher Zeitschriften-Verleger.

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Jurist Rudolf Thiemann ist dem Verband seit langem verbunden und aktuell einer von drei Vize-Präsidenten. Dass mit ihm nun nach der großen Ära Hubert Burda und dem Intermezzo Holthoff-Pförtner ein Unternehmer mit Fachpulikationen die Geschicke des VDZ lenken soll, ist in der Verbandsgeschichte zwar kein Novum, angesichts der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dennoch eine Überraschung. Stand Hubert Burda für Weltgewandtheit, Globalität und Innovationslust, so verkörpert der 62-jährige Thiemann mit seinen konfessionellen Publikationen eher den Gegenentwurf zur Leichtfüßigkeit auf internationalem Parkett: geboren und aufgewachsen im westfälischen Hamm, Studium in Münster, seit den 80er Jahren an der Spitze des Familienverlags.

Der VDZ lobte seinen designierten neuen Chef bei der Ankündigung seiner Kandidatur als “bestens vernetzt” und bescheinigt ihm, die “verlagswirtschaftlichen Herausforderungen ebenso wie die medienpolitischen Themen” drauf zu haben. Das mag man glauben oder so stehen lassen, aber eine A-Lösung ist der Stellvertreter, der nun an die Spitze rückt, gewiss nicht. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich, dass der umtriebige VDZ-Hauptgeschäftsführer Stephan Scherzer nicht nur intern, sondern auch in der Außendarstellung künftig die Kärrnerarbeit eines Verbands erledigen wird, dessen Machtgefüge zu einem nicht unerheblichen Teil von Managern bestimmt wird, die im Brotjob für die Old Economy der Medien stehen, etwa bei Funke oder bei Klambt.

Und Rudolf Thiemann, der mutmaßliche nächste VDZ-Präsident? Der sagte zwar in einem seiner raren Interviews, das Internet biete “fantastische Kommunikationsmöglichkeiten für die Kirche und die Gläubigen”, doch sein Medienimperium fußt auf Printtiteln wie Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt sowie Christliche Woche. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass der konfessionelle Fachverleger aus Hamm im Agendasetting einem nach globaler Medienmacht strebenden Branchen-Visionär wie Döpfner das Wasser reichen kann.

Mit Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen hat der wohl geeignetste Mann für die VDZ-Präsidentschaft offenbar bereits im Vorfeld dankend abgelehnt, sich zur Wahl zu stellen, was kein gutes Zeichen ist. Im Falle von G+J-Chefin Julia Jäkel hatte sich die Frage einer Kandidatur erübrigt, denn dafür hätte es zunächst eines Wiedereintritts des im Sommer ausgeschiedenen Verlagshauses bedurft. Wie aus dem VDZ-Umfeld zu hören ist, gab es zwar hier und da flüchtige Kontakte der Kontrahenten, mehr aber auch nicht. Ein entschlossenes Zugehen auf die ausgetretenen Medienhäuser erfolgte seitens des Verbands offensichtlich nicht, was den Bruch nun bis auf Weiteres zementiert.

Beim Spiegel, Zeit-Verlag sowie Gruner + Jahr scheint man damit klar zu kommen und hat mit dem “Journalismusdialog” bereits ein eigenes Lobbyismus-Veranstaltungsformat gestartet. Ob das für den VDZ umgekehrt auch gilt, bleibt abzuwarten. Dem Verband fehlt nicht nur das Beitragsgeld der verlorenen gegangenen Mitglieder, sondern auch die Medienmacht von Spiegel, stern, Zeit & Co. – während nebenan Springer-Chef Döpfner den BDZV zum tonangebenden Meinungsmacher formt. Die Zukunft des VDZ ist ungewiss, daran wird auch die Präsidentenwahl im November nichts ändern.

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Alle Kommentare

  1. Gründet ein, zwei, viele Verbände! Am besten ist jeder sein eigener Verband. Jeder hat sein eigenes Spielzeug, das ist persönlich befriedigend, und jeder ist ein wichtiger Funktionär und sonnt sich im Licht der Öffentlichkeit.

    Und bald haben die meisten auch mehr Zeit für ihre glamourösen Auftritte, wenn die Medienunternehmen von den globalen Datenkraken komplett überrollt worden sind. Dann: Glückwunsch zum Erfolg!

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