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Von wegen Zeitenwende: Warum das Wahlergebnis trotz AfD für Politik und Medien keine Katastrophe ist

"Überrollen" sie wirklich die Republik? AfD-Spitzenpolitiker Alice Weidel und Alexander Gauland

Es kam so, wie es abzusehen war, wenn auch um zwei oder drei Prozentpunkte höher als von den Demoskopen prognostiziert: Die rechte AfD zieht mit einem gut zweistelligen Ergebnis aus der Bundestagswahl in den Bundestag ein. Die Reaktionen in Politik und Medien schwanken zwischen Entsetzen, Aktionismus und Selbst-Geißelung. Das ist unnötig, denn das Wahlergebnis bietet auch Chancen und Perspektiven. Ein Kommentar.

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Man kann es sich einfach machen und sagen: Die Medien sind schuld. An sehr vielem sollen ja immer wieder „die Medien“ schuld sein, aktuell am Einzug der AfD in den Bundestag. Diese Sichtweise bedient zum Beispiel Thomas Strerath, Vorstand bei der Werbeagentur Jung von Matt, in einem Gastbeitrag bei Horizont.net. „Wie im Blutrausch“ hätten die Medien nach einem TV-Duell „zum Vergessen“ den Kampf der kleineren Parteien um Platz 3 als Thema auserkoren. Strerath schreibt:

Die mediale Thematisierung und Überhöhung der AfD, auch in Social Media, war Futter für die Hydra. Und so wuchs sie auf knapp 13 Prozent am Wahltag, dabei lag sie am 3. September noch bei 8 Prozent. Ein Zuwachs von 60 Prozent in drei Wochen!

Die Medien sind also schuld am Erfolg der AfD. Eine schon leicht abgegriffene These, fast so simpel und eindimensional wie die JvM-Kampagne für die CDU („Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“). Schon während des Wahlkampfes hatte JvM-Urgestein Jean-Remy von Matt mit der irrlichternden Aussage polarisiert, dass Kanzlerin Angela Merkel ein dem Wettbewerb „überlegenes Produkt“ sei. Nun offenbart mit Thomas Strerath, sein operativ verantwortlicher CEO, ein Denkniveau, angesichts dessen man sich wünschen könnte, seine Agentur wäre auch 2017 bei ihrem früheren Grundsatz geblieben, keine Werbung für Parteien zu machen.
Der JvM-Boss ist mit dieser Sicht nicht allein. Bei der „Berliner Runde“ nach der Wahl schoben CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann und die Linken-Vorsitzende Katja Kipping in einer Art Koalition des allerkleinsten gemeinsamen Nenners auch den Medien die Schuld zu. Die Moderatoren des „TV-Duells“ hätten es versäumt, wichtige Zukunftsfragen (Bildung, soziale Gerechtigkeit etc.) anzusprechen und seien nur auf der unseligen Flüchtlingsdebatte herumgeritten. Kein Wunder, dass da so viele die AfD wählen, wenn „die Medien“ sich so doof anstellen.
Wenn es um Medienschelte geht, darf die eigene Branche nicht fehlen. Schon steht Spiegel-Online-Kolumnist Georg Diez bereit und attestiert „den Plasbergs dieser Welt, den Einzug der AfD ins Parlament mitzuverantworten, weil sie so früh den reaktionären Kräften eine Bühne geboten haben“. So oder so ähnlich tönt es von mehreren Seiten nach dieser Wahl, deren Ergebnis wahlweise als Vorbote es Weltuntergangs, Kampfansage an die Demokratie oder Einzug einer gleichwohl traurigen Normalität in die deutsche Politik verstanden wird. Letzteres freilich nur von der britischen Financial Times. Das Fehlverhalten, die „Schuld“ der Medien wird also von einigen darin gesehen, zuviel über die AfD berichtet und sie damit groß gemacht zu haben? Es kann doch nicht Aufgabe der Medien sein, eine Partei oder gesellschaftliche Strömung zu verhindern, indem man sie totschweigt, abgesehen davon, dass das ohnehin nicht funktionieren würde. Die AfD und ihr Aufstieg sind Fakten, über die Medien berichten müssen. Der Einzug der Rechten in den Bundestag ist ein Novum, das selbstverständlich einen besonderen Fokus der Berichterstattung und auch eine bisweilen dramatische Wortwahl rechtfertigt. Was denn sonst!?
Die andere Reaktion, die – neben der Schuldzuweisung an die Medien – zum Standard-Repertoire der AfD-Analysten gehört, sind Weltuntergangsszenarien, wahlweise garniert mit Kampfaufrufen. So wie weite Teile der Medienlandschaft nach der Trump-Wahl in den USA die Apokalypse herbeiberichtet haben (Ja, es ist schlimm. Aber beim letzten Check gab es die USA noch), wird nun mindestens eine „Zäsur“ oder „Zeitenwende“ beschworen. Der Spiegel zeigt die AfD-Leute Alice Weidel und Alexander Gauland dämonisch über einer zusammengesunkenen Angela Merkel. Die AfD, so textet das Hamburger Nachrichtenmagazin, „überrollt die Volksparteien“. Bei 12,6 Prozent für die AfD von „überrollen“ zu sprechen, ist dann vielleicht doch ein wenig gewagt. 87,4 Prozent haben die Gauland-Partei nicht gewählt, ein Fakt, der bei solcher Lesart leicht unter die Räder gewählt.
David Schraven, Leiter des Recherchekollektivs Correctiv, meint gar, Deutschland sei „ab heute ein anderes Land“. Um gleich darauf in seinem Newsletter aus genau diesem Grund um Spenden für seine Organisation zu bitten. Im Ernst?
Ein alter Mann mit Hundekrawatte und seine Chaos-Truppe sollen mit ihren knapp 13 Prozent die Republik erschüttern?
Ganz so schlimm wie die Medien meinen, wird es um Deutschland nicht bestellt sein. Das Wahlergebnis eröffnet nämlich auch Chancen. Jamaika, das obskure Bündnis aus CDU/CSU, FDP und Grünen, bietet zumindest die Perspektive auf eine neue, überraschende und spannende Politik. Die SPD kann in der Opposition Kraft schöpfen (obwohl, das wird leicht vergessen, ihr das während der schwarz-gelben Regierung von 2009 bis 2013 auch nicht gelungen war). Die AfD schließlich muss nun endlich auch Inhalte bringen, sich den demokratischen Gepflogenheiten im Bundestag anpassen. Prognose: Entweder sie zerlegt sich selbst oder reift mit der Zeit zu einer zwar rechts-konservativen aber nicht staatsfeindlichen Partei.
Es sind spannende Zeiten für Politik und für Medien, und es sind schwierige Zeiten. Das sollte für die Medien keine Ausrede sein, sich in Selbsthass zu ergehen oder die eigene Rolle vom Berichterstatter zum Aktivisten umzudeuten. Medien haben nämlich weder einen Erziehungs- noch einen Regierungsauftrag. Sie sind aber auch nicht schuld am Einzug der AfD in den Bundestag oder – sollte es eines Tages soweit sein – am Untergang der Welt.

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