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Wie feste Freie bei der ARD arbeiten: Eindrücke vom unteren Ende der öffentlich-rechtlichen Nahrungskette

"Dieselbe Anzahl Leute kloppt sich um weniger Aufträge": ein Freier aus einem ARD-Studio, der anonym bleiben will, schildert den Alltag nicht Festangestellter bei den Öffentlich-Rechtlichen

Die Transparenz-Offensive der ARD hat zu einer Debatte über die Angemessenheit der Gehälter beim Senderverbund geführt. Während an der Spitze WDR-Intendant Tom Buhrow fast 400.000 Euro Jahressalär einstreicht, sehen sich die zahlreichen freien Mitarbeiter der diversen Sender einem immer stärkeren Kostendruck ausgesetzt. MEEDIA sprach mit einem festen freien Mitarbeiter einer ARD-Anstalt über die Arbeitsbedingungen am unteren Ende der öffentlich rechtlichen Nahrungskette.

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Unser Gesprächspartner arbeitet als fester freier Mitarbeiter in einer Redaktion eines großen öffentlich-rechtlichen Senders. Da er oder sie anonym bleiben möchte, haben wir alle Hinweise auf die Identität des Gesprächspartners aus dem Gesprächsprotokoll entfernt.
Wie ist in Ihrem Umfeld das zahlenmäßige Verhältnis Festangestellte zu freien Mitarbeitern?
Bei uns im Studio gibt es eine TV Redaktion und Hörfunk. Im Hörfunk haben wir sechs freie Mitarbeiter, die regelmäßig tagesaktuell arbeiten und rund ein Dutzend, die etwas seltener frei für den Hörfunk arbeiten. Summa summarum sind das ca. 20 Freie. Demgegenüber stehen sechs festangestellte Hörfunkredakteure und der Studioleiter.
Wie unterscheidet sich die Arbeit von Festangestellten und Freien?
Nur Festangestellte machen die CvD-Dienste (Chef vom Dienst, Anm.d.Red.), bei denen redaktionelle Entscheidungen getroffen werden. Es gibt zwar teilweise auch Redaktionen, bei denen Freie das übernehmen – das ist aber selten und bei uns gar nicht der Fall. Alle anderen Arbeiten werden auch von Freien gemacht, also etwa Regionalnachrichten moderieren, Nachrichtenschichten machen etc. Für Nachrichtendienst gibt es eine Tagespauschale von rund 200 Euro. Die Hauptaufgabe der Freien besteht darin, Inhalte zu liefern, also O-Töne und Beiträge. Das wird dann unterschiedlich honoriert. Die Redaktion muss morgens mit dem freien Mitarbeiter vereinbaren, ob nach Tagespauschale honoriert wird oder nicht. Die Tagespauschale für Beiträge im Hörfunk liegt bei zum Beispiel rund 450 Euro. Das lohnt sich für die Redaktion natürlich nur, wenn auch wirklich viele Beiträge am Tag von dem Mitarbeiter produziert werden. Meistens läuft es darauf hinaus, dass man pro Beitrag honoriert wird, weil das für die Redaktion günstiger ist. Wenn die Redaktion in Ausnahmefällen im Laufe des Tages merkt, dass das doch teurer wird als die Pauschale, versuchen die oft auch noch zur Pauschale zu wechseln. Das macht man dann natürlich nicht mit.
Was bedeutet das eigentlich konkret „fester Freier“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu sein?
Es gibt unterschiedliche Modelle, wie eigentlich „freie Mitarbeiter“ dann doch relativ eng an den jeweiligen Haussender gebunden werden. Teilweise haben zum Beispiel „feste freie Mitarbeiter“ einen so genannten Rahmenvertrag mit dem Sender. Ohne so einen Rahmenvertrag darf man dann nur eine bestimmte Anzahl Produktionstage haben und ist auch im Jahresverdienst begrenzt – und das ist maximal der Verdienst einer Halbtagsstelle, ist also kein Vollzeit-Job. Als fester Freier mit Rahmenvertrag darf man theoretisch unbegrenzt für den Sender arbeiten, insofern Aufträge da sind. Es gibt aber kein Festgehalt und auch keine Mindestabnahme oder sonstige Verdienstgarantien. Ich kann als fester Freier auch Aufträge ablehnen. Wenn man lange dabei war und irgendwann seine Stelle verliert, dann bekommt man eine gewisse Summe als Abfindung, die sich am Durchschnittsverdienst der vergangenen Jahre bemisst.
Können Sie noch für andere Auftraggeber arbeiten?
Für öffentlich-rechtliche ja, das ist sogar erwünscht. Innerhalb des ARD-Verbundes kann man Beiträge weiterverkaufen oder auch für andere ARD-Sender Beiträge anbieten oder Aufträge annehmen. Für Auftraggeber außerhalb der ARD kann man de facto nicht arbeiten, also etwa für Tageszeitungen oder private Sender. Es steht zwar nirgends geschrieben, dass man das nicht darf, aber ich habe das noch nie ausprobiert. Und ich bin mir sicher, wenn ich für ein privates Medium arbeiten würde, wäre das mein letzter Tag bei den Öffentlich-Rechtlichen.
Sind Sie als freier Mitarbeiter weisungsgebunden?
Das kommt darauf, was Sie unter „Weisung“ verstehen. Wenn der CvD einen Betrag bestellt, dann muss ich den nach den Vorgaben auch abliefern. Was Dienste und Schichten betrifft, muss die Redaktion mich aber immer fragen. Da sichert sich der Sender auch schriftlich ab. Mir werden Dienste und Schichten angeboten, ich kann diese auch ablehnen. Früher war das sogar noch strenger, da durften freie Mitarbeiter in der Redaktion keine eigenen Schränke haben und keine Visitenkarten vom Sender. Letzteres ist jetzt möglich.
Würden Sie trotzdem sagen, dass Sie scheinselbstständig sind?
Ja, logisch. Wie frei bin ich denn? Wenn ich morgens nicht in der Konferenz erscheine, bekomme ich keine Aufträge. Wenn ich da nicht hingehe, bin ich raus. Ich muss dort mein Gesicht zeigen und wenn ich zu oft Aufträge ablehne, werden die Angebote auch weniger. Es ist ganz klar ein Abhängigkeitsverhältnis.
Zahlt der Sender Sozialleistungen?
Man bekommt an 31 Urlaubstagen einen Durchschnittswert der vergangenen Honorare bezahlt. Auf derselben Basis bekommt man ab dem vierten Tag Krankheit auch Krankengeld für sechs Wochen bezahlt. Die Honorare laufen alle über Lohnsteuerkarte, d.h. in der Regel wird die Einkommenssteuer gleich abgezogen und es werden für die Honorare Rentenbeiträge gezahlt. Manche Honorare werden aber auch brutto ausbezahlt, ich habe bis heute nicht begriffen warum. Wenn diese Brutto-Honorare 16.000 Euro im Jahr übersteigen, werde ich umsatzsteuerpflichtig und muss auch Einkommenssteuervorauszahlungen ans Finanzamt leisten, das ist dann sehr lästig.
Wie zufrieden sind Sie mit der Bezahlung?
Wenn Arbeit da ist, ist die Bezahlung gut. Vor allem im Vergleich mit Privatsendern oder Tageszeitungen. Über die Honorare pro Beitrag kann man sich wirklich nicht beschweren, und im TV sind die Honorare nochmal deutlich höher als im Hörfunk. Es gibt aber auch viele Tage, an denen man keine oder nur wenige Aufträge bekommt, letztlich ist das eine Mischkalkulation. Was mehr stört als die Bezahlung ist, wie stellenweise mit Freien umgegangen wird. Junge Leute, die für alles bereit sind, werden in der Regel für Wochenend-Dienste hergenommen. Festangestellte Redakteure sollen möglichst nicht am Wochenende arbeiten, weil sie dann Zuschläge bekommen würden, was der Sender vermeiden will.
Spüren Sie einen Kostendruck in Ihrem Bereich?
Das ist jetzt vielleicht Jammern auf hohem Niveau, aber wir spüren schon einen gewissen Kostendruck. Die Honorare der Freien sind jahrelang nicht gestiegen, wenn überhaupt, gab es einen Inflationsausgleich. Dieses Jahr gibt es mal ein paar Prozente mehr, aber das ist seit Jahren die erste wirkliche Honorarerhöhung. Oft gab es zwar mehr Geld pro Beitrag – aber das Gesamtbudget für Freien-Honorare stieg nicht. Auch wurden eher Sendeplätze gestrichen, der Wort-Anteil im Hörfunk heruntergefahren. Das bedeutet, dieselbe Anzahl Leute kloppt sich um weniger Aufträge.
Wie ist das Arbeitsklima zwischen Festangestellten und Freien?
In der Regel ist das Klima sehr gut bei uns, da gibt es woanders sicher größere Haifischbecken. Wenn es mal Spannungen gibt, dann meist, weil Festangestellte gegenüber Freien so eine Attitüde an den Tag legen: „Wir entscheiden, Du musst machen“. Diskussionen um Inhalte sind weniger gewünscht, der Redakteur will nur wissen, ob man nun das gewünschte Thema realisiert oder nicht, alles andere ist dem erstmal egal.
Gibt es Ihrer Erfahrung nach eine parteipolitische Linie, sei es durch Themenvorgaben oder Personalauswahl?
Man hat schon manchmal den Eindruck, dass manche Führungspositionen je nach aktueller Landesregierung nach Parteibuch besetzt werden. Aber Belege dafür habe ich nicht, und dass man das bei der täglichen Arbeit merken würde, kann ich auch nicht sagen.
Gibt es so etwas wie eine „vorherrschende Denke“, wie Themen zu bearbeiten sind oder eine bewusste Steuerung von Themen in eine bestimmte inhaltliche Richtung?
Nein, das habe ich noch nie erlebt. Bei der Bundestagswahl jetzt ist sogar das Gegenteil der Fall. Es wird peinlich genau darauf geachtet, dass ja keine Partei mehr Sendeminuten bekommt als die anderen. Auch dass Themen abgelehnt oder in eine bestimmte Richtung hin gedreht wurden, habe ich nie erlebt. Zum Umgang mit der AfD und dem Flüchtlingsthema wurde natürlich viel diskutiert. Irgendwann gab es mal die Ansage, dass wir die AfD nicht mehr als „rechtspopulistisch“ bezeichnen sollen, sondern wie eine ganz normale Partei behandeln. Und bei Kriminal-Berichterstattung verfahren wir so, dass die Herkunft von Tätern oder Tatverdächtigen nur genannt wird, wenn das für die Tat relevant ist, also Tatbezug hat.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Debatte um die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Gehälter in der ARD?
Ach, wir bekommen jedes Jahr zu Weihnachten einen Brief vom Intendanten, der uns sagt, wie wichtig doch der Hörfunk und die regionale Berichterstattung ist. Leider spüren wir davon wenig in der täglichen Arbeit. Da wird eher auf die Kosten geschaut. Dass einer wie WDR-Intendant Tom Buhrow 400.000 Euro im Jahr verdient, ist mir relativ egal. Das ist für die Finanzierung auch nicht relevant. Viel mehr Geld wird zum Beispiel durch ineffiziente Materialwirtschaft ausgegeben, da gibts viele kleine Beispiele, die sich summieren. Das Budget etwa für ein ganzes Jahr regionaler Berichterstattung in einem relativ großen Hörfunk-Regionalstudio ist jedenfalls deutlich kleiner als die Hälfte von Buhrows Intendantengehalt. Das ist nicht so viel dafür, dass wir eigentlich das Rückgrat vom öffentlichen Rundfunk sein sollen.

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