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Schon nach sieben Minuten geriet Schulz ins Schwitzen: Wie Merkel ihren Herausforderer links stehen ließ

Persönlichkeits-Coach Cristián Gálvez (re.) hat das TV-Kanzlerduell für MEEDIA analysiert

Der mit Spannung erwartete Schlagabtausch im TV-„Kanzlerduell“ zwischen Angela Merkel und Martin Schulz hat einen klaren Sieger – zumindest nach Einschätzung des Persönlichkeits-Experten Cristián Gálvez. Der Psychologe und Wirtschaftscoach hat den 90-minütigen Fernsehauftritt für MEEDIA analysiert. Sein Urteil: Der Kandidat konnte auch mit seiner größten Stärke – der Empathie – nicht punkten.

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Von Cristián Gálvez
Es muss herausfordernd sein, in ein Duell zu gehen, bei dem der politische Gegner die Spielregeln diktiert und gleichzeitig über sehr viel mehr Erfahrung verfügt.
Bereits in Minute 7 wurde deutlich, wer den Verlauf des Gesprächs souverän steuern würde. Die Kamera schoss ein Bild über die Schulter von Herausforderer Martin Schulz, der bereits zu diesem Zeitpunkt sichtbar ins Schwitzen gekommen war. Wer als Kandidat für seine Wähler strahlen möchte, darf nicht sichtbar glänzen. Es kostet Souveränitätspunkte.
Von Beginn an zeigte Angela Merkel einen wenig respektvollen Umgang mit dem SPD-Spitzenkandidaten. Auffallend war, dass sie Schulz nicht direkt ansprach, sondern in der dritten Person über ihn sprach. „Herr Schulz weiß es eigentlich auch“ diskutierte sie mit den Journalisten, während sie ihn im wahrsten Sinne des Wortes „links stehen ließ“.
Das Wort „Respekt“ ist ein Lehnwort aus der lateinischen Sprache. „Respicere“ bedeutet so viel wie „den anderen wahrnehmen.“ Diesen Respekt verwehrte sie Schulz immer dann, wenn es kritisch für sie wurde .Wann immer Schulz sie herausfordernd attackierte, verfiel sie in die dritte Person, zeigte ihm ihre kalte Schulter, lachte Kritik sogar zwischenzeitlich einfach weg.
Schulz hatte sichtlich zu kämpfen. Dabei versuchte er immer wieder, seine größte Stärke auszuspielen: Empathie. Er nannte die Journalisten beim Namen, bedankte sich brav für Fragen und gab sogar seiner politischen Gegnerin in bestimmten Sachverhalten recht. Damit machte er sich klein. Zu klein.
Eine weitere Stärke ist seine Sprache. Schulz setzte auch hier auf eine Rhetorik, die auf unbewusster Ebene die Emotionssysteme der Wähler aktivieren sollte. Er sprach von „Hasspredigern“, von „Müttern und Kindern, die zu ertrinken drohten“, von einem „autoritären Herrscher, der willkürlich Leute verhaftet“ und von einem amerikanischen Präsidenten, der Tweets aussendet, die „Niedertracht in die Welt setzen.“ Eine derart bildhafte Sprache ist Angela Merkel völlig fremd.
Die Kanzlerin suchte verbissen nach den richtigen Argumenten. Tatsächlich zeigte uns die Kamera immer wieder Momente, in denen ihr Kiefer ihre vielen Gedanken zermalmte. Bei vielen ihrer Antworten verloren ihre Augen den Kontakt zu dem Fragenden. Sie kehrte sich ins Innere, taucht ein in ihre Merkel-Welt.
Im Vergleich zu dem letzten Kanzlerduell verwendete die Kanzlerin deutlich weniger das Pronomen „Wir“ (197/139) in ihren Ausführungen. Über die Jahre rückte sie sich selbst immer mehr ins Zentrum des Weltgeschehens – auch sprachlich. Das „Ich“ wird mehr und mehr zur beherrschenden Säule dieses Machtmenschen.
Zudem nutzte sie einen psychologischen Trick, auf den Schulz nicht zurückgreifen kann. Immer dann, wenn es für sie eng wurde, nahm sie sich aus der Schusslinie und stärkte ihre Person durch politische Mitspieler. Diese Nebenrollen geben ihr Glanz. Besonders deutlich wurde diese Strategie, als sie von ihrem Gespräch „mit dem französischen Präsidenten Emanuel Macron“ erzählte. Dabei betonte sie den Vornamen auf eine Weise, die jedem Wähler deutlich machte, auf welchem politischen Parkett sie sich mit größter Souveränität bewegt. Unermüdlich sprach sie darüber, mit welchen Präsidenten, Außenministern, Innenministern und anderen Entscheidern sie fast täglich zu tun habe. Merkel beherrscht die bescheidene Form des Name-Dropping, das auf unbewusster Ebene ihren Status erhöht. Schulz kann durch diese Strategie nur klein wirken. Zum Ende lässt sie es sich nicht nehmen, ihren Gegner auch nonverbal wegzupusten, indem sie ihre Lippen aufplustert, während sie mit einer wischenden Handgeste Schulz fast herablassend deklassiert.
Bei der Rente mit 70 setzte Merkel ein klares Statement. Geschickt greift Schulz dieses Versprechen auf und setzt es in Beziehung zur Autobahnmaut. Denn im letzten Kanzlerduell versprach Merkel, dass mit ihr die Maut nicht kommen würde. Doch Schulz blieb nicht dran. Merkel konnterte hingegen souverän und brachte ihre damalige Aussage in einen neuen größeren Zusammenhang. Dieser Moment war symptomatisch für das Duell. Denn Schulz konnte nicht nachlegen und verpasste so immer wieder die Chance, souverän beim Wähler zu punkten.
Merkel wird oftmals vorgeworfen, dass sie keine „klare Kante“ bezieht. Die letzte Frage der Journalisten ging in Richtung Koalititonsaussage. Merkel bezog klar Position und spielte den Ball zu Schulz. Schulz kam ins Schwanken, druckste herum und die Journalisten ließen ihn letzlich seine Argumente nicht ausführen. Das war der letzten Eindruck vor dem Schlussstatement. Merkel wusste, dass sie so Schulz rhetorisch zu Fall kriegen würde.
Über das gesamte Duell entstand der Eindruck, als hätte sich Schulz auf seine Echtheit verlassen wollen. Die Strategie ging nicht auf, wirkte sogar streckenweise künstlich. Vor allem im Schlussstatement. Schulz fragte die Journalisten, wie viel Zeit er für das Schlussstatement bekäme. Dieser Moment wirkte höchst unglaubwürdig. Zum einen ist es undenkbar, dass man so schlecht vorbereitet in ein Kanzlerduell gehen würde. Zum anderen baute seine gesamte Argumentation auf dem genannten Zeitfenster der 60 Sekunden auf. Schulz wollte aus dem Moment heraus echt wirken – war es aber sichtbar nicht. Er muss in diesem Moment gespürt haben, dass diese Form der Inszenierung nicht aufgeht. Selten zuvor sah man ihn so wenig verbunden mit seinem Gegenüber, wie in diesen 60 Sekunden. Schulz wirkte verloren.
Auch Merkel fand im Schlussstatement nicht wirklich Kontakt zu den Fernsehzuschauer. Dennoch hat sie sich auf eine Blickrichtung festgelegt. Ihre Argumentation unterstrich ihre „Erfahrung“. Merkel erlaubte sich sogar ihr „wir schaffen das!“ in abgewandelter Form aufzugreifen. Ihr Satz „gemeinsam werden wir das schaffen!“ setzte unbewusst genau hier an. Auffallend, dass sie sich für ein „sozial gerechtes Land“ in ihrem Statement einsetzte – denn damit griff sie in die Kiste der SPD-Rhetorik und entriss zum Abschluss ihrem Kontrahenten auch noch sein politisches Programm.
Es liegt in der Natur des Wählers, dass er Angst vor dem Ungewissen hat. Auch deshalb werden politische Amtsinhaber von den Wählern immer wieder bestätigt. Merkel hat mit großem Selbstverständnis alles dafür getan, ihre Macht zu behaupten. Schulz kam einfach zu früh ins Schwitzen.
 
Wirtschaftscoach Cristián Gálvez ist Experte für Persönlichkeit, Motivation und Wirkung. Der Redner und Coach studierte BWL und Wirtschaftspsychologie in Deutschland und den USA. Er ist u.a. der Kommunikationscoach vieler deutscher Vorstände sowie Ratgeber-Autor. Mehr von Cristián Gálvez: Den Vortrag zum Thema finden Sie hier.

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