“Dann können Sie nicht SPD wählen”: So watschte Martin Schulz die Geschäftsführerin der Lübecker Nachrichten ab

"Wenn das Ihre Meinung ist, dann können Sie nicht die SPD wählen": SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz watschte Stefanie Hauer, Geschäftsführerin der Lübecker Nachrichten ab

Der Mindestlohn für Zeitungszusteller ist vielen Verlagen ein Dorn im Auge. Deshalb versuchen fleißige Lobbyisten, die Politik von Entlastungen zu überzeugen. Wie plump das ablaufen kann, offenbarte nun Stefanie Hauer, Geschäftsführerin der Lübecker Nachrichten. Im Gespräch mit Martin Schulz winselte sie förmlich um Hilfe – zum Leidwesen anwesender Redakteure, die sich in stiller Fremdscham wanden.

von Marvin Schade

Auf seiner Wahlkampftour stattet SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zahlreichen Redaktionen einen Besuch ab und nutzt die Gelegenheit für Interviews. Am Mittwoch nahm er am Konferenztisch der Lübecker Nachrichten Platz und stellte sich den Fragen der Journalisten – für die Lokalredakteure war der “hohe Besuch” ein besonderes Ereignis, an dem sie auch ihre Leser teilhaben lassen wollten. Die Konferenz wurde also live bei Facebook übertragen.

In der Journalistenrunde ebenfalls anwesend: Geschäftsführerin Stefanie Hauer. Gemeinsam mit Chefredakteur Gerald Goetsch hatte sie sich neben Schulz gesetzt und zunächst gelauscht, wie die Redakteure ihre Arbeit machen – bis kurz vor Schluss. Unabhängig davon, ob Schulz gerade die letzte Frage beantwortet hatte oder nicht, schaltete sich die Verlagschefin schließlich ein (Minute 23:16) und offenbarte ihre eigene Agenda: die unerträgliche Belastung der Regional-Verlage durch den Mindestlohn.

Dass die Menschen, die jeden Morgen bei Wind und Wetter ihr Produkt bis an die Haustür des Lesers liefern, einen Mindestlohn bekommen, das sei für Hauer ja in Ordnung. Aber: “In diesem Maße ist es das nicht.” Der Mindestlohn – der für die Zeitungszusteller übrigens mit Verzögerung eingeführt worden war – sei für regionale Medienhäuser, auch für die zur Madsack Mediengruppe gehörenden Lübecker Nachrichten, eine hohe Belastung, erklärte die Geschäftsführerin. Das Tempo, mit dem er eingeführt werde, sei “kriegsentscheidend”. Als reiche das zur Verdeutlichung nicht aus, fügte sie an: “ich möchte sagen; existenziell”. Zehn Millionen Euro habe der Anstieg des Lohns die Madsack Mediengruppe in diesem Jahr gekostet. “So viel können Sie an keiner Stelle im Verlagswesen wieder reinverdienen”. Die Lage sei “sehr kritisch”.

Dass sich im Rahmen eines Redaktionsbesuches eine Verlags-Geschäftsführerin ins Gespräch einklinkt und die Gelegenheit für Lobbyarbeit nutzt (für die es bekanntlich genügend Verbände gibt), ist an sich schon ein bemerkenswerter Vorgang. Wo sie es aber schon einmal getan hat, hätte Hauer die Gelegenheit für eine sachliche Diskussion nutzen können. Stattdessen begann sie vor Martin Schulz praktisch zu winseln. Ihre Einleitung gleicht einem Offenbarungseid, der in einer ungewöhnlichen Frage endete. So wollte sie von Schulz wissen, ob er als Kanzler Entlastung schaffen könne, beispielsweise indem er Verlagen geringere Sozialabgaben zusagt. Ob es von sonderlich viel Fingerspitzengefühl zeugt, ausgerechnet den Kanzlerkandidaten der SPD in der heißen Wahlkampfphase im Live-Interview ein Nein zum allgemeinen Mindestlohn abzuringen, steht auf einem anderen Blatt.

Der SPD-Politiker war sichtlich irritiert, schaute zwischenzeitlich zur Seite, richtete sich auf, kratzte sich an der Stirn – und fand schließlich bestimmende Antworten. “Wenn Sie von dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands erwarten, dass er Ihnen etwas zum Mindestlohn sagt, der unterhalb des Mindestlohnes liegt, ist die Antwort nein”, antwortete Schulz. Er wisse um den harten Wettbewerb und wolle Verlage auch unterstützen. Auf diesem Wege könne er aber nicht helfen. Das paritätische Versicherungssystem werde er gewiss nicht anfassen.

Das ohnehin schon eigenartige Gespräch lud sich auf: Hauer warf Schulz indirekt vor, Hilfe sei nur erforderlich, weil die Politik die Verlage an anderer Stelle “kaputt gemacht” habe. Schulz ermahnte die Managerin, ihn ausreden zu lassen und fuhr fort. Er habe bereits als EU-Politiker Verlagen im Kampf gegen unlauteren Wettbewerb durch internationale Plattformen geholfen. Auch er halte die Medien für relevant, könnte aufgrund branchenspezifischer Probleme aber keine Entlastungen versprechen, nur weil die Verlage welche wünschen. Schließlich zeigte der Kanzlerkandidat Kante: “Wenn das Ihre Meinung ist, dann können Sie nicht die SPD wählen.” In der Redaktion sorgt der eigenwillige Auftritt der LN-Geschäftsführerin noch zwei Tage danach für Kopfschütteln. Ein Teilnehmer zu MEEDIA: “Viele von uns hätten vor Fremdscham im Boden versinken können.”

Update, 01.09., 16:50 Uhr: Inzwischen hat sich die Zeitungsmanagerin für ihren Auftritt beim Schulz-Besuch entschuldigt.

 

 

 

 

 

 

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