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Große Szenen aus dem Nichts: Wie "Game of Thrones"-Fans unter dem Endspurt der Drehbuchautoren leiden

Jon Snow und Tyrion Lannister im Staffelfinale von "Game of Thrones"

Die siebte und vorletzte Staffel der HBO-Serie „Game of Thrones“ ist abgeschlossen. In der neuesten Folge „The Dragon and the Wolf“ (dt: „Der Drache und der Wolf“) konzentrierten sich die Autoren zwar endlich wieder auf Kernkompetenz der Serie: die Menschen und ihre Charakterentwicklungen. Überraschungen gab es leider trotzdem keine, was einmal mehr zeigt, wie sehr das Drehbuch unter der fehlenden Romanvorlage leidet.

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In der vergangenen Woche war ich nach der sechsten Folge der vorletzten „Game of Thrones“-Folge zutiefst beleidigt und ärgerte mich vor allem über albern konstruierte Handlungs-Kapriolen und Logiklöcher. Die Stärke der Serie, die sie zu einem weltweiten Erfolg macht, der seinesgleichen sucht, war schließlich die Kombination aus Mythenfiguren und einer Welt, die der unserer sehr ähnlich ist: Wie reagieren ganz normale Menschen, wenn sie mit Monstern wie Drachen oder Weißen Wanderern konfrontiert werden, an die sie eigentlich gar nicht glauben? Und vor allem aber: Sind die wirklichen Monster nicht eigentlich die Menschen? Weilen diejenigen, vor denen wir zittern müssen, nicht längst unter uns – und sogar in uns selbst?
Die starken Figuren mit all ihren Widersprüchen und Abgründen standen im Vordergrund der Serie – und wurden zuletzt jedoch unter Bergen von CGI-Effekten und unrealistischen Plot-Wendungen begraben. Damit hatte „Game of Thrones“ für mich einen Großteil seiner Faszination eingebüßt. Denn gerade in einer Fantasy-Serie müssen doch bitteschön die eigenen Gesetzmäßigkeiten wie Raum, Zeit und Ort eingehalten werden! Denn nur so kann Fantasy funktionieren. Leider wurde in Staffel 7 allzu deutlich, wie sehr die Serie unter den fehlenden Romanvorlagen von George R.R. Martin leidet. Die Liebe zum Detail bleibt auf der Strecke, die Folgen sind vorhersehbarer und – sorry! – platter geworden.
Im gestrigen Staffelfinale wurde ich dann zum Glück wieder ein wenig versöhnt, denn die Drehbuchautoren haben sich endlich wieder auf die Kernkompetenz von „Game of Thrones“ konzentriert: das Erzählen von Charakterentwicklungen.
In „Der Drache und der Wolf“ drehte sich alles um Familie: der Hound („Bluthund“) trifft auf seinen verhassten Bruder, Arya und Sansa richten gemeinsam über Littlefinger („Kleinfinger“), Jon Snow erklärte zunächst Theon, er müsse sich nicht für eine Seite entscheiden („Du bist ein Greyjoy… und du bist ein Stark!“) und schläft anschließend unwissentlich mit seiner Tante. Die entscheidende Rückblende zu Ned und Lyanna Stark lüftete das offene Geheimnis um Jons Herkunft und das Geschwister-Trio Cersei, Jaime und Tyrion gerät in Machtkämpfe unterschiedlichster Art.
Die Folge schenkte seinen Figuren wieder mehr Raum, um sich zu entfalten. Allen voran Cersei Lannister, die – stark gespielt von Lena Healey– zu Höchstformen auflief. Die jeweiligen Szenen mit ihren beiden Brüdern waren liebevoll und detailgetreu gestaltet und gaben der Serie einen Teil seines Reizes zurück. Hier war es wieder, das altbekannte „Game of Thrones“-Bangen, das Herzrasen, die Leidenschaft: „Wird sie es wirklich tun? Nein, das kann sie doch nicht. Puh.“
Und doch kam leider wieder vieles zu kurz: Einige Handlungsstränge wurden nach wie vor allzu knapp gehalten, allen voran der Konflikt zwischen den beiden Stark-Schwestern Ayra und Sansa. Hier wurde etliches an dramaturgischem Potenzial verschenkt. Natürlich war es durchaus befriedigend zu sehen, wie Arya Littlefinger mit seinem eigenen Dolch tötet und zu erfahren, dass die beiden Schwestern heimlich zusammengearbeitet haben. Aber haben sie das wirklich die ganze Zeit? War alles ausschließlich gespielt, die Rivalität, die Entfremdung? Was macht es mit zwei jungen Frauen, die sich seit Jahren nicht gesehen haben und auf einmal – nach allem, was sie erleben mussten – wieder als Schwestern unter einem Dach leben? Diese Fragen wurden nicht ausreichend beantwortet.
Genauso Theon Greyjoy: Fünf Staffeln lang hatte Schauspieler Alfie Allen Zeit, um die komplexe Entwicklung seines Charakters mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung darzustellen: der ursprünglich unfreiwillige Zögling der Starks, der Ned schließlich doch als Vaterfigur und vor allem Rob und Jon als Brüder ansieht, wird von Ramsay Bolton gebrochen und kämpft seitdem als Schatten seiner selbst darum, Stolz und Ehre zurückzuerlangen. Im Staffelfinale hat er zwar endlich seine große Szene, doch diese kam nahezu aus dem Nichts. Auch ihr fehlte es an Wirkkraft, da Theon im Plot der letzten Folgen beinah komplett vernachlässigt wurde.
Ich fühle mich in beiden Fällen vom Drehbuch um wichtige Charakterentwicklungen betrogen. Der Frust bleibt. Denn wenn die siebte Staffel mehr Zeit gehabt hätte und nicht von einem Knalleffekt zum nächsten hätte hetzen müssen, wäre das nicht nötig gewesen.
Natürlich fiebere ich dem großen Finale der Serie entgegen. Selbstverständlich will ich auch in der achten Staffel nicht auf Schlachten verzichten, auf CGI-Knaller oder auf einen legendären Kampf zwischen Feuer- und Eisdrachen. Aber es muss doch möglich sein, dass die einst so vielschichtigen Figuren darunter nicht (weiter) leiden. Ich hoffe, dass die Drehbuchautoren realisieren, dass es nicht entweder oder sein muss. Ganz im Sinne der Hauptfigur Jon Snow: Vereint doch bitte das Beste aus beiden Welten, ihr müsst euch nicht für eine Seite entscheiden.

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