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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz beim RTL-"Townhall Meeting": Minütlich grüßt der Einzelfall

RTL-Moderator Peter Kloeppel, SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz: Der nächste Einzelfall wartet schon

Bei RTL wollen sie auch ein bisschen politische Relevanz vor der Bundestagswahl im Programm haben und veranstalten darum so genannte „Townhall Meetings“ mit den beiden Spitzenkandidaten Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU). Martin Schulz war am Sonntag als erster an der Reihe. Er war nicht zu beneiden. RTL konfrontierte den Politiker mit einer Parade an Einzel-Schicksalen.

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Da war der Koch, der Opfer einer Gewalttat wurde, die arme Hamburger Rentnerin, die nach Abzug ihrer Kosten nur 200 Euro im Monat zum Leben hat, die Stuttgarter Pflegekraft, die frustriert ist, die Berliner Doppelverdiener-Mittelstandsfamilie mit zwei Kindern, die sich keine größere Wohnung leisten kann, der ehrenamtliche Flüchtlingshelfer usw. Immer wieder stellte RTL-Moderator Peter Kloeppel die Frage an den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz: Was tun sie konkret? Wie helfen sie diesen Menschen?
Minütlich grüßte in dieser RTL-Sendung am späten Sonntagabend der Einzelfall. Es ist eine beliebte Methode der Medien, der TV-Sender im Besonderen, Politiker mit Einzelschicksalen zu konfrontieren. Die ansonsten abstrakt diskutierten Probleme sollen so ein Gesicht bekommen, greifbar werden. Jedem Groß-Thema war ein Einzelfall exemplarisch zugeordnet. Der „Betroffenheitstisch“ ist längst festes Ritual in politischen Talkshows. RTL hat den Betroffenheitstisch hier sogar ins Zentrum gestellt: „An einem Tisch mit …“ heißt das Format offiziell. Genauso ritualhaft wird von den Politikern verlangt, dass sie am Tisch Verständnis und Empathie zeigen für die Betroffenen. Was sollen sie auch sonst tun? Der Rentnerin sagen, dass sie hätte früher schauen sollen, was auf ihrem Rentenbescheid steht? Der Familie erläutern, dass sie dann eben aus ihrem Kiez wegziehen muss, wenn sie eine größere, bezahlbare Wohnung will? So etwas kommt nicht gut an. Wir erinnern uns an das Buhei, das losbrach, als die Kanzlerin dem weinenden Flüchtlingsmädchen im Fernsehen einst auseinandersetzte, dass sie und ihre Eltern womöglich tatsächlich abgeschoben werden und sie ihr nur versprechen wollte, man werde solche Fälle künftig schneller prüfen.
Martin Schulz tappte an diesem RTL-Abend nicht in die Empathiefalle, auch nicht als er mit dem obligatorischen, bestens integrierten Flüchtling aus Afghanistan konfrontiert wurde. Schulz forderte ein Einwanderungsgesetz und redete eher nebulös von der „Härtefallkommission“, die am Ende dann schon irgendwie entscheide. Das reichte zum Glück für ihn, denn weiter gestochert wurde nicht. Der nächste Einzelfall wartete schon darauf, mit Verständnis zugekleistert zu werden.
Schulz war betroffen über das, was dem Gewaltopfer geschehen war, er zeigte Mitgefühl für die Familie auf Wohnungssuche, konnte die Probleme der Rentnerin und der Pflegekraft sehr gut verstehen. Fast immer konnte Schulz aus eigener Erfahrung berichten, hatte hier auch schon mal ein Flüchtlings- oder Altersheim besucht, schöpfte aus seinem Erfahrungsschatz aus „der kleinen Stadt“, aus der er stammt. Dabei gelang Schulz der schwierige Spagat zwischen Einfühlsamkeit, Offenheit und subtilem Kanzlerinnen-Bashing ziemlich gut. Der Satz „Das hilft Ihnen jetzt nicht direkt …“ fiel des öfteren. Schulz vermittelte glaubhaft, dass er die ganzen Probleme der aufmarschierten Einzelfälle mit seiner SPD anpacken will. Wenn, ja wenn, man ihn doch auch bitte wählt und die SPD zur stärksten Kraft macht. Das Blaue vom Himmel versprach er aber auch nicht. Nebenbei ließ er durchblicken, dass der von ihm präferierte Ausgang der Bundestagswahl eine große Koalition unter Führung seiner SPD wäre. Träumen darf auch ein SPD-Kanzlerkandidat.
Schulz kann man keinen Vorwurf machen, er schlug sich so wacker wie es eben geht in so einem Setting. Ärgerlich war das Konzept der Sendung, das fast ausschließlich auf die beschriebenen Einzelschicksale setzte. Das führte zum immergleichen Ablauf: Einzelschicksal wird geschildert, Politiker äußert Verständnis und erzählt, was er besser machen will (mehr Geld), alle nicken. Nächster Fall. Es liegt in der Natur des Einzelfalls, dass er eben ein Einzelfall ist. Immer sind tausend weitere Einzelfälle denkbar, die einer einfachen Lösung in dem einen Einzelfall zuwider laufen. Das macht es ja so kompliziert.
Wirkte Schulz zu Beginn noch ein wenig unsicher bei der ganzen Gefühlsduseligkeit, so merkte er bald, dass er den richtigen Sound für die Show gefunden hatte. Am Schluss traut er sich dann sogar ein bisschen Ironie, als er auf die extradoofe Frage von Kloeppel, was er, Schulz, denn an diesem Tag in sein Tagebuch schreibe, übertrieben euphorisch antwortete, er würde die Gäste, sich selbst und die Moderation selbstverständlich loben. Als Kloeppel auf die nächste Sendung mit Angela Merkel verwies, bemerkte Schulz trocken, die werde sich vermutlich schon vorbereiten, wie sie „das hier auch wieder abräumen kann“.
Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz machte in dieser Sendung durchaus bella figura. Sein Pech, dass RTL die Sendung mit dem Fokus auf Einzelschicksale so schwer konsumierbar machte und dann auch noch hasenfüßig ins Nachtprogramm um 22.20 Uhr schob. Miese Einschaltquoten waren die wenig überraschende Folge. Für RTL ist dieses Wahl-Format offenbar nicht mehr als ein politisches Feigenblatt. Nach der Sendung verschickte RTL dann eine Pressemitteilung mit der Überschrift „SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will Hamburgerin (85) in Altersarmut Theaterkarten besorgen“. Politiker im Wahlkampf sind nicht zu beneiden.

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