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Bei der ARD sollten sie froh sein, dass sie Mehmet Scholl als "Fußball-Experten" los sind

Mehmet Scholl

Was war da nur los zwischen dem Fußball-Experten Mehmet Scholl und der ARD? Am einen Tag erklärt der ARD-Sportkoordinator noch, wie wichtig Scholl für die ARD sei und wie dankbar man sei für dessen „Ecken und Kanten“. Und das, obwohl Scholl dreist versucht hatte, einen Doping-Bericht zu verhindern. Am nächsten Tag folgt die dürre Mitteilung, dass man nun getrennte Wege geht. Dazwischen muss etwas passiert sein. Egal, was es war – die ARD sollte froh sein, dass sie Scholl los ist. Ein Kommentar.

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Dass einer wie Mehmet Scholl als jemand mit „Ecken und Kanten“ gilt, dass er beliebt und geschätzt ist für seine „Analysen“ und „Sprüche“, seinen „Wortwitz“. All dies hat mir als ausgewiesenem Nicht-Fußballkenner nie eingeleuchtet. Trat Scholl auf, sah ich vor allem einen unsicher wirkenden Mann mittleren Alters, der mit dem Mikro wackelte und Allgemeinplätze von sich gab, die ich jedem sprachlich durchschnittlich begabten Fußball-Sofa-Gucker mindestens genauso zugetraut hätte. „Italien ist ein unangenehmer Gegner“, lautet zum Beispiel so eine typische Scholl-Analyse. Oder man habe „die Räume eng gemacht“, sei „früh draufgegangen“. Ein Klassiker: „Bleib mir weg mit Statistik!“ Das war so der Standard-Scholli. Wenn er Ahnung hatte, hat er das ziemlich gut verschleiert.
In gewissen Abständen kam es dann freilich immer zu Ausbrüchen. Er habe Angst, dass sich Stürmer Mario Gomez „wundgelegen“ habe, sagte er einmal. Wohlgemerkt nach einem Spiel, in dem Gomez das entscheidende Tor zum Sieg erzielt hatte. Ein anderes Mal kanzelte er den Trainer-Berater des DFB ab: „Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen …“
Jüngst machte er wieder einmal Schlagzeilen, als er sich über Cristiano Ronaldo, dem ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung droht sagte: „Vielleicht kommt Cristiano Ronaldo ja wirklich in den Knast. Dann mache ich mir Sorgen, dass er als Miss September endet.“ Da verwechselt einer offenbar Plattitüden mit Analyse und Unverschämtheiten mit Witz. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ein Witz darf auch mal unverschämt sein. Aber er muss halt immer noch witzig sein, um als Witz durchzugehen. Das war beim späten Mehmet Scholl eigentlich nie der Fall. Zeitweise konnte man den Eindruck gewinnen, da versucht jemand, eine tief sitzende Unsicherheit mit betont markigen Sprüchen zu übertünchen.
Trotzdem galt und gilt Scholl als beliebt und geschätzt vom Publikum, seinem Arbeitgeber ARD und vor allem von sich selbst. Dass er in seiner Hybris allerdings so weit ging zu glauben, er könne das Programm der ARD im Alleingang bestimmen, war selbst den eher flexiblen Sport-Verantwortlichen des Sender-Verbunds irgendwann zu viel. Man muss ja schon froh sein, dass die ARD nicht vor Scholl eingeknickt ist und trotz dessen Gemotze den Beitrag über Dopingvorwürfe gegen die russische Fußball-Nationalmanschaft während des Confed-Cup sendete. Dass Scholl dann beleidigt aus dem Studio stapfte, sagt viel über sein Selbstverständnis und seine Professionalität aus.
Seine Rolle als Experte übernahm dann Ex-Nationalspieler Hitzlsperger angenehm unaufgeregt und sachkundig. Scholl war schnell und geräuschlos ersetzt.
Nachdem ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky diese Woche noch einmal öffentlich das Selbstverständliche klargestellt hatte, nämlich dass die Programmplanung der ARD nicht die Sache des Mehmet Scholl ist, und er seinem kapriziösen Experten-Star dabei noch reichlich Honig um den Mund schmierte, schien zunächst wieder alles im Reinen. Hinter den Kulissen muss es aber nach der Balkausky-Äußerung noch einmal gekracht haben. Fühlte sich Scholl zu Unrecht gemaßregelt und hat hingeschmissen? Es darf spekuliert werden. Aber eigentlich ist es auch egal, welche Gründe letztlich für den Bruch zwischen Scholl und der ARD gesorgt haben, die Fußball-Experten-Welt wird nicht untergehen.
 

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