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„Finis Germania“: Der Spiegel rechtfertigt Eingriff in seine Bestseller-Liste und macht alles nur noch schlimmer

Macht im Umgang mit dem umstrittenen Buch Finis Germania eine unglückliche Figur: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer

Der Spiegel hat mit einer ausführlichen Stellungnahme auf die anhaltende Kritik an dem Eingriff in seine Bestsellerliste reagiert. Die Chefredaktion des Magazins hatte verfügt, dass das umstrittene Buch „Finis Germania“ von der Liste genommen wird, da es antisemitische Inhalte transportiere. Die stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer erklärte nun, der Spiegel wolle den Verkauf eines solchen Buches nicht befördern. Chefredakteur Klaus Brinkbäumer äußerte sich bei Facebook.

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Die stellvertretende Spiegel-Chefredakteurin Susanne Beyer erklärt bei Spiegel Online, warum der Spiegel in der Sache „Finis Germania“ in einer „besonderen Verantwortung stehe. Der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel hatte das Buch nämlich als Mitglied in der unabhängigen Jury Sachbücher des Monats empfohlen. Nachdem heftige Kritik an der Empfehlung entbrannte, zog sich Saltzwedel aus der Jury zurück. Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer distanzierte sich öffentlich von seinem Redakteur: „Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat“, so Brinkbäumer damals in einer Meldung in eigener Sache, „und wegen des entstandenen Schadens begrüße ich seinen Rücktritt aus der Jury.“

Der Wirbel kurbelte freilich den Verkauf des Buches an, so dass es in der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher in Ausgabe 29 auf Platz sechs landete. Beim Spiegel war man offenbar peinlich berührt und entschied sich, das Buch zu streichen. Der Vorgang wurde zunächst in einigen Blogs bemerkt und später von Henryk M. Broder in der Welt aufgegriffen und kritisiert.

Eine Verlagssprecherin erklärte: „Der Titel war nur einmal in der Liste zu finden, in der Ausgabe, die am 15. Juli erschienen ist.» Danach habe die Chefredaktion entschieden, das umstrittene Buch des Historikers Sieferle (1949-2016) nicht mehr zu berücksichtigen. Im aktuellen Heft sind in der Bestsellerliste 20 Sachbücher aufgeführt – es gibt also keine Lücke. Statt „Finis Germania“ ist der Titel auf dem Platz dahinter einfach eine Stelle nach vorne gerückt.

Beyer erklärte nun: „Der Spiegel“, der sich auch bei historischen Themen als Medium der Aufklärung versteht, will den Verkauf eines solchen Buches nicht befördern.“ Und weiter: „Ohne die Empfehlung unseres Kollegen hätte das Werk des im vergangenen Jahr verstorbenen Autors es unserer Einschätzung nach nicht in die Liste geschafft; das Buch ist in einem kleinen und durch rechtsextreme Publikationen geprägten Verlag erschienen. Insofern haben wir in diesem Fall eine besondere Verantwortung. Deswegen haben wir das Buch in Heft 30 von der Liste heruntergenommen.“

Bei Facebook reagierte Chefredakteur Klaus Brinkbäumer auf den Zensur-Vorwurf eines Nutzers:

Lieber Herr Peters, wir zensieren nichts. Mir war klar, dass das Thema heikel ist und jede Entscheidung entsprechend umstritten sein würde. Aber Rassismus und Antisemitismus kann der SPIEGEL nicht fördern. Schreiben Sie mir gern, wie Sie das Buch einschätzen. Herzlich, kb

Auf den Kern der Kritik, nämlich, dass die Spiegel-Chefredaktion das Buch zunächst ohne Begründung von der Liste entfernte und damit instransparent vorging, gehen die Spiegel-Chefs nicht ein. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier, der selbst für den Spiegel arbeitete, kommentiert bei Übermedien.de:

Der legendäre Satz von „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, mit dem sich das Nachrichtenmagazin heute noch manchmal schmückt, lautet: „Sagen, was ist.“ Der aktuelle Werbespruch des “Spiegel” lautet: „Keine Angst vor der Wahrheit.“

Aber der „Spiegel“ traut sich nicht zu sagen, was ist. Der ganze Artikel ist ein Dokument der Angst.

Die Stellungname der stellvertretenden Chefredakteurin sei keine Aufklärung, sondern „ein Stück trauriger PR-Verdruckstheit“. Niggemeiers hartes Urteil: „Der Spiegel scheut die Öffentlichkeit. Das klingt irre, aber es ist so.“

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