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Debatte um Türkei-Jubel-Anzeige in der Süddeutschen: Bärendienst der Anzeigenabteilung

SZ-Geschäftsführer Stefan Hilscher: Drucken, was erlaubt ist

Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrer Wochenend-Ausgabe eine ganzseitige Anzeige veröffentlicht, die das Scheitern des Putschversuchs in der Türkei vor einem Jahr feiert. Andere Medien wie Spiegel oder Bild lehnten die Anzeige ab. Die SZ muss nun reichlich Kritik einstecken. Prinzipiell darf die Zeitung natürlich eine solche Anzeige veröffentlichen. Allerdings schadet die Anzeigenabteilung damit dem eigenen Unternehmen.

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„Sieg der Demokratie über den Terror“ ist die ganzseitige, in rot gehaltene Anzeige überschrieben. Das Wort „Demokratie“ fällt häufiger in der Anzeige, die wirkt wie ein Stück türkischer Pro-Erdogan-Propaganda. Absender ist der Verband „The Union of Chambers and Commodity Exchanges of Turkey“. Der Verdacht, dass die türkische Regierung etwas damit zu tun hat, liegt nahe. Zumindest liegt die Anzeige exakt auf der Linie des Staatspräsidenten Erdogan.

In derselben Ausgabe der Süddeutschen plädiert Detlef Esslinger im Leitartikel auf der Meinungsseite dafür, dass man weiterhin Urlaub in der Türkei machen soll. „Wer wegen Erdogan nicht mehr dorthin reist, tut den Türken keinen gefallen“, schreibt er. Die SZ ist mit dem  Veröffentlichen von Türkei-freundlicher Werbung nicht alleine. Erst neulich erschien eine Beilage im redaktionellem Stil, die die deutsch-türkischen Beziehungen pries, in der FAZ und der Zeit.

Bei der SZ sind Anzeigen und Redaktion immer noch getrennt. Vielleicht in diesen Fällen sogar ein bisschen zu sehr getrennt. Es wirkt hier so, als kämen die Anzeigenabteilung und die Redaktion von zwei verschiedenen Planeten. Esslingers Leitartikel vertritt eine Meinung, die man haben kann. Nämlich, dass Urlaubs-Boykott in erster Linie jene liberalen Türken trifft, die mit Erdogans autoritärem Gehabe nichts am Hut haben. Ganz ähnlich argumentierte vor einiger Zeit der frühere Bild-Herausgeber und erklärte Türkei-Fan Kai Diekmann, der sich für eine Türkei-Beilage in der FAZ interviewen ließ: „Wer nicht mehr in die Türkei reist, bestraft die Falschen.

Esslinger schreibt in seinem Leitartikel aber eben auch, dass die Türkei sich auf einer „Schussfahrt in die Diktatur befinde, was so ziemlich das Gegenteil der blumig formulierten Anzeige ein paar Seiten weiter ist. Das Problem liegt hier nicht bei der Redaktion, sondern bei einer Anzeigenabteilung, der offensichtlich das Gespür dafür verloren gegangen ist, welches Produkt sie hier verkaufen. In Horizont gibt SZ-Geschäftsführer Stefan Hilscher zu Protokoll: „Wie der Verlag zum Inhalt der Anzeige steht bzw. ob er  diesen für unbedenklich hält, ist somit für die Entscheidung, ob diese Anzeige veröffentlicht wird, nicht ausschlaggebend.“

Wichtig für die Bewertung, ob eine Anzeige veröffentlicht wird oder nicht, sei allein, ob diese gegen hiesiges Recht verstößt. Das kann man so sehen. Vor allem, wenn einem total egal ist, welches Image, welche Haltung die eigene Zeitung vertritt. Wenn man davon ausgeht, dass die SZ mit ihrer Redaktion für eine Haltung, ein bestimmtes Weltbild steht, dann sollte einem erstens aus Prinzip und zweitens aus geschäftlichem Interesse heraus eben nicht egal sein, was dort veröffentlicht wird, so lange es nur eben mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Denn – Überraschung – die Anzeigen erscheinen auch in der Zeitung. Und wenn eine Anzeige politisch ist und in ihrer Aussage das, wofür ein Medium steht, derartig offensichtlich konterkariert, wird es schwierig.

Medien, politische Medien zumal, sind merkwürdige Wirtschaftsunternehmen. Neben den Kategorien Gewinn und Verlust, Kosten und Nutzen gibt es immer auch noch andere, weiche Faktoren. Es gibt dieses merkwürdige Gebilde namens Redaktion, das störrisch sein kann und sich vermeintlich gegen die Geschäftsinteressen sträubt. Das nervt die Geschäftsführungen landauf landab manchmal. Dabei vergessen die Verlagsmanager und Anzeigenverkäufer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten hin und wieder, dass es genau diese Faktoren sind, die das Publikum dazu bewegen, den Geldbeutel zu öffnen. Eine Zeitung ist mehr als bedrucktes Papier und mehr als ein „Umfeld“ für Anzeigen. Wir drucken alles, was Geld bringt und nicht strafbar ist, reicht als Handlungsmaxime vielleicht für ein Anzeigenblättchen aus. Für eine Süddeutsche Zeitung ist das zu wenig. Die Anzeigenverkäufer und Manager sollten begreifen, dass auch sie Teil einer Zeitung sind.

Update und Korrektur: Die Anzeige zum Jahrestag des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei wurde auch von internationalen Zeitungen gedruckt, u.a. der französischen Le Figaro. Ursprünglich hieß es im Text, die SZ habe vor kurzem eine Werbebeilage in redaktioneller Aufmachung veröffentlicht, die die deutsch-türkischen Beziehungen pries. Dies war eine Fehl-Information. Die entsprechende Werbe-Beilage erschien in der FAZ und der Zeit.

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