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Pfefferspray statt Presseausweis: Fotograf Chris Grodotzki über den Verlust der Akkreditierung beim G20

Dem freien Spiegel-Online-Mitarbeiter Chris Grodotzki wurde ohne Angebe von Gründen die Presse-Akkreditierung zum G20-Gipfel entzogen

Nach der Einziehung seiner G20-Akkreditierung rätselt der freie Spiegel-Online-Mitarbeiter Chris Grodotzki noch immer darüber, warum er zu den Ausgesperrten zählt. „Vorstellbar“ ist für ihn, dass es einen Zusammenhang gibt mit seiner Festnahme in der Türkei 2014, wie er MEEDIA sagte. Und: Als Jugendlicher sei er zwar mal bei einer Demo festgenommen worden, er gehöre aber nicht zu den linksradikalen Autonomen.

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Von Eckhard Stengel

Der 28-jährige Fotograf erfuhr erst mit einem Tag Verspätung, dass auch er auf der Liste der 32 Ausgesperrten stand. Im Gegensatz zu anderen Journalisten hatte er das Medienzentrum in Hamburg nicht schon am Freitag, sondern erst am Samstag betreten. Dabei wurde ihm dann die Akkreditierung abgenommen, wie bereits am Vortag den anderen Ausgeschlossenen. So erzählt es Grodotzki im MEEDIA-Gespräch. Bis heute sei ihm keine Begründung oder Rechtsgrundlage für diesen Schritt genannt worden. Ob es etwas mit seiner Festnahme in der Türkei 2014 zu tun hatte? „Das sind bis jetzt ja nur Vermutungen. Ich kann es nicht einschätzen.“

Der freie Fotograf hatte damals mit zwei Kollegen und ohne festen Auftrag einen privaten Hilfsgütertransport aus Berlin Richtung Syrien beobachtet. Als sie an der türkisch-syrischen Grenze nicht weiterkamen, nutzte das Fotografen-Trio die Zeit, um einen Abstecher in die türkische Kurdenmetropole Diyarbakir zu unternehmen. Nach dem Ablichten einer brennenden Straßenbarrikade wurden sie für über 30 Stunden inhaftiert. Eine der Begründungen: Die Journalisten hätten die Unruhestifter angestachelt. „Dabei spreche ich nicht mal Kurdisch“, sagt Grodotzki. „Wie soll ich da jemanden anstacheln?“

„Vorstellbar, dass der türkische Geheimdienst Druck gemacht hat“

Damals habe sich auch die Deutsche Botschaft relativ schnell um sie gekümmert, erinnert er sich. Demnach dürfte den deutschen Behörden also längst klar gewesen sein, wem sie vor Wochen die Akkreditierung für den G20-Gipfel ausstellten. Offensichtlich sahen sie in dem Türkeivorfall keinen Hinderungsgrund. Dann aber wurde in Hamburg eine Pressekonferenz mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan anberaumt. War das vielleicht ein Anlass, die Akkreditierten noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen? Für Grodotzki ist es zumindest „vorstellbar, dass der türkische Geheimdienst Druck gemacht hat“, damit die in Diyarbakir inhaftierten Fotografen ihre Zulassung verlieren. Neben Grodotzki musste auch sein damaliger Leidensgenosse Björn Kietzmann seinen G20-Ausweis abgeben. Der Dritte im Bunde, Ruben Neugebauer, hatte sich laut Grodotzki von vornherein nicht beim Gipfel angemeldet.

Gegen die Spekulation, dass der türkische Geheimdienst Einfluss genommen haben könnte, spricht die Aussage von Regierungssprecher Steffen Seibert von Dienstagabend: „Die Sicherheitsbedenken resultierten ausschließlich aus eigenen Erkenntnissen deutscher Behörden.“ Falls das stimmt: Warum sonst könnte der Spiegel-Online-Mitarbeiter Grodotzki auf die Liste der angeblich unzuverlässigen Journalisten geraten sein? Die erste Idee des 28-Jährigen, der seit sechs Jahren als freier Fotograf arbeitet und zurzeit noch nebenbei Fotojournalismus in Hannover studiert: „Bei einer meiner ersten Demonstrationen als 16- oder 17-Jähriger wurde ich festgenommen.“ Er sei damals bei der Stuttgarter 1.-Mai-Demo des DGB mitgelaufen, bei der auch ein Brandsatz gegen eine Bank geflogen sei. Gemeinsam mit etlichen anderen Demonstranten sei er eingekesselt und vorläufig festgenommen worden. Dabei habe er mit der Tat nichts zu tun gehabt. Dennoch habe er noch jahrelang auf einer Liste linksmotivierter Gewalttäter gestanden.

Grodotzki arbeitet für Spiegel Online, aber auch für Greenpeace oder Sea-Watch

Er sei kein Unterstützer der Autonomen, versichert Grodotzki. „In meiner Jugend war ich eine ganze Zeit als Umweltaktivist unterwegs“, vor allem bei Robin Wood, auch mal als Baumbesetzer. Als Fotograf befasse er sich viel mit Umweltthemen, sozialen Bewegungen und gesellschaftlichen Konflikten. Er arbeite nicht nur für Medien wie Spiegel Online, sondern auch für Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder die Flüchtlingsretter von Sea-Watch. „Das trenne ich allerdings klar.“

Auch diese Aktivitäten dürften den Behörden schon vor der Akkreditierung bekannt gewesen sein. Bliebe noch sein Verhalten auf dem Gipfel selbst. Er habe vor allem prominente G20-Kritiker porträtiert und sei bis Samstag nicht groß mit Demonstranten oder Polizisten in Kontakt gekommen, erzählt Grodotzki. Die Auftakt-Demo „Welcome to Hell“ am Donnerstagabend habe er sich nur kurz mit Kollegen angeschaut, ohne zu fotografieren.

Bei Twitter finden sich polizeikritische Äußerungen von ihm, zum Beispiel „fuck this shit“. Das schrieb er aber erst am Samstagabend, also nach seinem G20-Ausschluss. Der Anlass: Bei einem Polizeieinsatz am Hamburger Pferdemarkt habe ein Beamter ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht, obwohl er seinen Presseausweis hochgehalten und „Presse“ gerufen habe. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Gegen die Gipfel-Aussperrung will er jetzt mit Unterstützung von Spiegel Online und der Gewerkschaft Verdi juristisch vorgehen. „Wir wollen erst mal rauskriegen, warum und aufgrund welcher Informationen die Akkreditierungen entzogen wurden.“ Wenn sich dabei der Verdacht der türkischen Einflussnahme bestätigen sollte, wäre das für Grodotzki „ein himmelschreiender Skandal“. Auf jeden Fall sei die Reporter-Ausgrenzung ein Eingriff in die Pressefreiheit. Und die behaupteten Sicherheitsbedenken „kommen einem Rufmord gleich“.

Auch der Bremer Weser-Kurier geht juristisch gegen die Bundesbehörden vor, weil sein freier Fotograf Rafael Heygster ebenfalls vom Gipfel ausgeschlossen wurde. Wegen des laufenden Verfahrens wollen sich derzeit weder Heygster noch Chefredakteur Moritz Döbler weiter dazu äußern.

Dass solche Klagen durchaus erfolgreich sein können, zeigte sich 2011. Damals urteilte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, dass das Bundespresseamt beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 einer Fotojournalistin zu Unrecht die Akkreditierung verweigert hatte.

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