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„Einfallslos, schlecht und geradezu peinlich“: Dominik Wichmann rechnet auf Facebook mit dem Spiegel ab

Dominik Wichmann

Mit ehemaligen Chefredakteuren, die sich zur Arbeit aktiver Blattmacher äußern, ist das immer so eine Sache. Wenn sich allerdings Dominik Wichmann zum aktuellen Spiegel äußert, dann liegt der Fall etwas anders. Immerhin gehört der Ex-Blattmacher von stern und SZ-Magazin in Stilfragen zur ersten Liga im Journalismus. In einem langen Facebook-Posting macht Wichmann – inzwischen im Corporate Publishing tätig – seinem Ärger über das Nachrichtenmagazin Luft: „Sehr einfallslos, schlecht und geradezu peinlich.“

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Das Nachrichtenmagazin liegt seit Samstag mit einer Food-Titelgeschichte an den Kiosken. „Der Ernährungskult: Essen oder nicht essen?“. Die Unterzeile lautet: „Vom dogmatischen Verzicht zum gesunden Essen“. Bebildert ist das Cover mit einem Hamburger. Und das an einem Wochenende, wo Deutschland nur noch ein Thema kennt: G20 und den unbeeindruckt von einem gigantischen Polizeiaufgebot randalierenden „schwarzen Block“, der eine Metropole in Schrecken versetzte und eine Diskussion um Sicherheit und Schutz des Eigentums gegen politisch motivierten Vandalismus ausgelöst hat.

Über den aktuellen Spiegel ärgert sich Wichmann derart, dass er ein Posting verfasste, das aus nur einem Satz besteht. Der ist jedoch 110 Wörter lang. Er schrieb:

Wenn man sich vielleicht irgendwann beim SPIEGEL-Verlag mal ernsthaft die Frage stellen sollte, warum die Auflage so dramatisch zurückgeht, warum eigentlich alle so genannten „Innovationen“ des Verlags wie beispielsweise eine TV-Zeitschrift oder ein Rentner-Magazin von den potentiellen Kunden eben nicht als Innovation und Kaufgrund, sondern als Ausdruck inspirationsloser, marktferner Verlagsstrategien empfunden und entsprechend ignoriert wird, womöglich hebt dann einer mal schüchtern die Hand und sagt: Vielleicht liegt es auch daran, dass wir als ein in Hamburg produziertes Nachrichtenmagazin an dem Wochenende, an dem sich vor unserer Redaktion die Bedeutung von Politik und Gesellschaft in seiner krassesten und erklärungsbedürftigsten Form entfaltete, dieses Titelthema als das wichtigste Titelthema dieses Wochenendes erachtet haben.

Offenbar traf Wichmann mit dieser Einschätzung einen Nerv. Denn in den Kommentaren unter seinem Posting stimmten gleich mehrere, ebenfalls ehemalige Blattmacher, wie Beate Wedekind und Jörg Quoos der Einschätzung zu. So lobt der Ex-Focus-Chef zudem, die Berichterstattung des Hamburger Abendblattes – allerdings nicht ohne Hintergedanken. Immerhin leitet er mittlerweile die Funke-Zentralredaktion. Stern-Mann Lorenz Wolf-Doettinchem zieht dann mit Lob für die Online-Kollegen – auch von stern.de – nach.

Nach etlichen Kommentaren erklärt Wichmann seine Einschätzung genauer:

Von einer Forderung, das gestern Geschehene heute abzubilden, war auch nie die Rede. Von der Erwartung, einen Titel zu setzen, der mit dem allgegenwärtigen Themenspektrum dieses Wochenende auch nur ansatzweise etwas zu tun hat, sehr wohl. Und ein solches Vorgehen hat auch nichts mit blattmacherischem Voodoo zu tun, sondern schlichtweg mit: Handwerk. Das, was wir Leser hier vom Spiegel auf dem Cover zu diesem Zeitpunkt präsentiert bekommen, ist nunmal sehr einfallslos, schlecht und geradezu peinlich.

Für den Spiegel (und ebenso den Focus) lag der Redaktionsschluss mit Blick auf den Gipfel in Hamburg allerdings sehr ungünstig. Die Krawalle der Nacht von Donnerstag auf Freitag hätten die Redakteure praktisch nur noch mit eher Alibi-artiken Artikeln ins Blatt heben können oder – im Falle einer ausführlicheren Aktualisierung – nur noch einen Teil der Auflage erreicht. Hinzu kommt, dass sich das Nachrichtenmagazin in den letzten Wochen gleich zwei mal auf dem Cover mit dem G20 befasst hat – in den Titelstories „Hauptstadt Hamburg“ sowie zuletzt mit dem provokanten Anti-Globalisierungs-Aufruf „Traut Euch!“ Und natürlich hätte der Spiegel aufgrund des Weltereignisses vor der Haustür im Wissen um die lange vorher befürchteten Ausschreitungen auf Montag verschieben können – man entschied sich an der Ericusspitze aber offenbar dagegen.

Vor allem aus Sicht des Lesers ist es schlechtes Timing, wenn das Magazin mit einer Fast Food-Optik in der Woche am Kiosk ausliegt, in der alle über die Konsequenzen aus den Hamburger Krawallen diskutieren. Ein Kommentator bringt die aktuelle Stimmungslage zum G20 und den Spiegel-Titel dann doch noch augenzwinkernd zusammen. Er stellt der Facebook-Community die Frage, ob die Abbildung auf dem neuen Spiegel-Cover nicht vielleicht ein „Wutburger“ zeigt?

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