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Kritiker im Nebel: die fehlgeleitete Debatte um den Syrien-Text von Seymour Hersh in der WamS

Seymour Hersh (l.), Welt am Sonntag-Chefredakteur Peter Huth: umstrittenes Syrien-Stück

In der vergangenen Ausgabe veröffentlichte die Welt am Sonntag einen langen Text des Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh zu dem angeblichen Giftgasangriff des syrischen Regimes auf die Stadt Chan Scheichun vom 4. April. Der Text, in dem die offizielle Sichtweise eines Sarin-Giftgasangriffs bezweifelt wird, wurde schnell als krude und zweifelhaft bezeichnet. In einigen Punkten machen es sich die Kritiker an Hersh und der WamS aber zu einfach.

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Seymour Hersh ist eine Ikone des internationalen Enthüllungsjournalismus. Er hat für die New York Times geschrieben, für den New Yorker und den London Review of Books. Zu seinen herausragenden Verdiensten zählt u.a. die Enthüllung von Kriegsverbrechen der US-Armee während des Vietnamkriegs (Massaker von My Lai) und die Aufdeckung von Foltermethoden der US-Armee im irakischen Abu Ghuraib während des Dritten Golfkriegs. Dass Hersh ein langes Investigativ-Stück exklusiv für die Welt am Sonntag schreibt (Link zur frei zugänglichen englischen Version), ist für die Springer-Zeitung zu allererst einmal ein Scoop. Chefredakteur Peter Huth thematisiert die Story denn auch im Editorial: „Nach seinen Informationen war die erste Attacke kein Giftgasangriff, sondern ein abgestimmter konventioneller Schlag gegen ein Treffen einer Al-Qaida-nahen Terrorgruppe.“ Laut Hershs Quellen hätten Berater US-Präsident Trump von dem Gegenschlag mit den Tomahawk-Marschflugkörpern abbringen wollen, da sie Zweifel an der Giftgas-Version des Angriffs gehabt hätten.

Das ist starker Tobak und widerspricht so ziemlich allen offiziellen Lesarten des Angriffs. Die Kritik an dem Stück ließ nicht lange auf sich warten. Hersh war wegen seiner Methoden schon immer umstritten, in den vergangenen Jahren ist die Kritik an seiner Arbeit noch gewachsen. Das liegt u.a. auch daran, dass er viel auf anonyme Quellen setzt – so auch im Fall des WamS-Artikels. Außerdem wird Hersh hier vorgeworfen, wichtige Erkenntnisse zu dem angeblichen Giftgasangriff ignoriert zu haben, vor allem den Bericht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), die bei einer Untersuchung von Leichen das Giftgas Sarin zweifelsfrei nachgewiesen haben will.

Mathieu von Rohr, stellvertretender Auslandsressortleiter des Spiegel, bezeichnete den Text bei Facebook öffentlich als „höchst zweifelhaft“ und „Peinlichkeit“. Die britische Investigativseite Bellingcat, die von Eliot Higgins betrieben wird, und der „Faktenfinder“ der ARD-„Tagesschau“ kritisieren das Hersh-Stück auch wegen der vermeintlichen Defizite anonyme Quellen und fehlende Beweise. Im Netz finden sich noch weitere Stimmen namhafter Journalisten, die den Text als kruden Unsinn abtun.

Was die Kritiker übersehen oder bewusst außen vorlassen: Die Quellenlage des Artikels wird von der WamS selbst in einem begleitenden Text von Dirk Laabs durchaus thematisiert. Laabs schreibt in dem Text „Im Nebel des Krieges“ (Link führt zur frei zugänglichen englischen Version):

Kein Informant, der aktiv in einer Regierung arbeitet, kann allerdings unter seinem Namen geheime Informationen preisgeben, ohne sich zu gefährden – das ist in Deutschland nicht anders. Hersh hat seine Quellen gegenüber der Welt am Sonntag offengelegt. In seinem Text bleiben sie anonym. Die Redaktion dieser Zeitung konnte sich selbst einen Eindruck vom Thema verschaffen, weil sie mit der zentralen Quelle von Hersh gesprochen hat.

Das wäre dann ja ein journalistisch sauberes und sehr sorgfältiges Vorgehen. In dem begleitenden Stück wird auch die Rolle der OPCW-Untersuchung erwähnt und kritisch gewürdigt. Die Leichen, deren Obduktion den Sarin-Einsatz nachgewiesen haben soll, wurden laut Darstellung in der WamS von einer nicht genannten NGO der Türkei übergeben. Dort fanden die Obduktionen statt. Mit anderen Worten: OPCW-Leute waren nicht in Syrien vor Ort, Zweifel an den Oduktionsergebnissen könnten erlaubt sein. Es wird auch erklärt, wie es dazu kam, dass Hersh die Story in der WamS veröffentlichte und nicht etwa im London Review of Books:

Den vorliegenden Artikel hatte Hersh auch dem London Review of Books angeboten – dort lehnte man ihn ab, so Hersh. Die Redaktion erklärte ihm, man mache sich Sorgen, dass das Magazin dafür kritisiert werden könnte, einen Artikel zu veröffentlichen, der zu sehr die Sichtweise der russischen und der syrischen Regierung vertrete. Hersh wandte sich daraufhin an Stefan Aust, den Herausgeber der Welt am Sonntag, den er seit Langem kennt. Er habe da eine wichtige Geschichte, die richtig erzählt werden müsse, da ein US-Präsident einen Militärschlag angeordnet habe, obwohl die Nachrichtendienste ihn über die unklare Lage informiert hätten.

Für die Kritik an Hersh bemüht der ARD-„Faktenfinder“ zum Schluss noch den amerikanischen Journalisten James Kirchick, der Hersh auch vorwerfe, keine zuverlässigen Quellen zu besitzen. Es sei sehr beunruhigend, dass eine angesehene deutsche Zeitung wie Die Welt am Sonntag Hershs „wilde Vorstellungen“ veröffentliche. Wo Kirchick diese Aussagen tätigt, verschweigt der „Faktenfinder“ allerdings. Bemerkenswert für ein Stück, in dem es darum geht, dass fehlende Quellenangaben angeprangert werden.

Auch dass der „Investigativjournalist“ und Hersh-Kritiker Higgins selbst in seinen Methoden durchaus umstritten ist, wird beim „Faktenfinder“ nicht weiter thematisiert. Dass die Fakten-Aufklärer zudem den begleitenden Text zu dem Hersh-Stück bei ihrer Kritik ignorierten oder übersehen haben, trägt nicht dazu bei, dass man klarer sieht. Im Nebel des Krieges fällt die Orientierung schwer. Gleiches gilt aber leider auch manchmal für die Nebel der Kritik.

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