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Krisenjahre bei Studio Hamburg sind vorbei: NDR-Tochter entdeckt das Kinogeschäft neu

Studio Hamburg-Chef Johannes Züll

Studio Hamburg, neben Ufa, Constantin Film sowie Bavaria einer der größten TV-Produktionsfirmen Deutschlands, will wieder stärker im risikoreichen Kinogeschäft Fuß fassen. Noch im Laufe des Jahres sollen zwei Produktionen anlaufen. Zudem sieht die NDR-Tochter, die vor allem für ARD, ZDF und private Anbieter wie RTL sowie ProSiebenSat.1 aktiv ist, durch Streamingdienste wie Netflix oder Amazon neues Kundenpotenzial, so Studio-Hamburg-Chef Johannes Züll im MEEDIA-Interview.

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Herr Züll, Studio Hamburg ist neben der UFA, die zum Medienkonzern Bertelsmann gehört, der Constantin und der Bavaria Film einer der vier größten Film- und Fernsehproduzenten in Deutschland. Bislang gehörten zu ihren Kunden die öffentlich-rechtlichen Sender sowie private Sender wie RTL, ProSieben oder Sat.1. Haben bei Ihnen auch schon Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon angeklopft?
Johannes Züll:
Die Studio Hamburg-Gruppe hat für Netflix bereits eine deutschsprachige Stand-up-Comedy mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr verantwortet.
Mit Amazon Prime sind wir als Produzent noch nicht ins Geschäft gekommen, aber wir verkaufen viele unserer Produkte an Streaming-Dienste.
Nun leiden die TV-Produktionen massiv unter den schrumpfenden Budgets der Sender. Sind Ihnen Aufträge von öffentlich-rechtlichen Sendern lieber als von privaten Anbietern?
Bei uns sind alle Auftraggeber gleichermaßen willkommen. Wir arbeiten für alle Sender sowie für neue Dienstleister. Wir sehen derzeit eine Renaissance des Fiktionalen im Fernsehen, speziell in der TV-Serie. Die Nachfrage nach neuen fiktionalen Stoffen nimmt zu. Das macht sich in unserer Auftragslage positiv bemerkbar.
Dennoch: Zahlen die öffentlich-rechtlichen Sender mehr als private Anbieter?
Allen Produktionen liegen Kalkulationen zugrunde. Da kalkulieren die öffentlich-rechtlichen wie die privaten Anbieter gleichermaßen.
Also stehen die TV-Produktionen wirtschaftlich nicht unter Druck, weil die Senderbudgets zurückgehen?
Heutzutage muss ein TV-Produzent oft bis zu zehn Stoffe entwickeln, um einen Auftrag zu erhalten. Das schlägt sich natürlich in den Kosten nieder. Es wird dadurch für Produzenten immer schwieriger, durch einen Auftrag die Entwicklungskosten zurück zu verdienen. Die knappen Budgets der Sender verstärken diesen Druck nochmals.
Sind Ihre Auftragsproduktionen wirtschaftlich?
Wir haben unsere Ertragslage auch in der Auftragsproduktion deutlich verbessert und machen als Studio Hamburg-Gruppe wieder Gewinn.
Die Studio Hamburg-Gruppe war jahrelang in der Verlustzone. Seit wann erzielen Sie wieder Gewinne?
Wir hatten 2012 und 2013 schwierige Jahre. 2014 haben wir die Ertragswende geschafft und schreiben wieder schwarze Zahlen. Dies war aber nur durch Sondereffekte wie den Verkauf eines Grundstücks am Standort in Hamburg möglich. Operative schwarze Zahlen schreiben wir seit 2015. Auf Basis noch vorläufiger Zahlen haben wir im vergangenen Geschäftsjahr bei einer Gesamtleistung von 250 Millionen Euro eine EBITA-Rendite von 3 Prozent erwirtschaftet, in absoluten Zahlen sind dies 7,5 Millionen Euro.
Und wie haben Sie dies erreicht?
Wir haben unsere Kosten verringert, die Organisation mit dem Abbau einer Hierarchieebene gestrafft und die Entscheidungswege verkürzt. Gleichzeitig haben wir die Aufgaben der jeweiligen Geschäftsfelder klar zugeordnet. Zudem haben wir in wichtigen Kreditverträgen die Zinsdienste neu verhandelt.
Sind Sie nur bei den Sachkosten auf die Bremse getreten?
Nein, wir haben die Sach- ebenso wie die Personalkosten angepasst. Gleichzeitig sind wir im Umsatz spürbar gewachsen, so dass wir durch eine bessere Auslastung eine höhere Marge erwirtschaften konnten. Den Stellenabbau haben wir sozialverträglich vorgenommen. Inzwischen stellen wir wieder neue Mitarbeiter ein und haben 60 Auszubildende. In der Studio Hamburg-Gruppe zählen wir über 700 feste Mitarbeiter und eine vergleichbare Anzahl an freien Mitarbeitern, die für Projekte arbeiten.

Sorgenkind ist der Atelierbereich, den Sie seit Jahren restrukturieren. Sind Sie hier auch in den schwarzen Zahlen?
Wir werden dem Aufsichtsrat bei der nächsten Sitzung im Juni berichten, dass der Bereich Atelier und Technik – erstmals seit Längerem – 2016 schwarze Zahlen geschrieben hat. Dies haben wir erreicht, indem wir die Kosten angepasst sowie durch Wachstum die Auslastung steigern konnten. In einigen Bereichen konnten wir auch die Preise anheben.
In den vergangenen Jahren wurde viel über einen Verkauf von Berlin Adlershof berichtet. Ist das Thema weiter akut?
In einer wirtschaftlich insgesamt schwierigen Situation gab es Überlegungen, die Studios in Adlershof zu verpachten oder gar zu verkaufen. Wir haben diese Überlegungen Ende 2014 eingestellt und stattdessen ein umfangreiches Restrukturierungprogramm für Studio Berlin in die Wege geleitet. Teil dieses Programms war der Erwerb der Park Studios, die Schließung einer Hamburger Niederlassung und die grundlegende Erneuerung der Führungsstrukturen. Dieses Programm war sehr erfolgreich. Wir sind mit Studio Berlin auf einem guten Weg, wenngleich noch weitere Schritte zu gehen sind.
Früher war die Studio Hamburg-Gruppe stärker international aktiv. Zeigen Sie im Ausland Flagge?
Wir haben im vergangenen Jahr einen Standort in London eröffnet. Wir versprechen uns davon, dass wir über Stoffe und Koproduktionen Zugang zu anderen Märkten bekommen und dadurch weiteres Wachstum erzielen.
Was sind das für Aufträge?
Ob für skandinavische oder englische Abnehmer – London ist ein zentraler Punkt für TV- und Kinoproduktionen. Es gibt viele internationale Produktionen, die über die britische Hauptstadt ihren Weg nach ganz Europa finden. Wir sind vor allem an Serien interessiert, die wir als Koproduktion verwirklichen wollen, aber auch die eine oder andere Kino-Koproduktion könnte interessant sein.
Früher waren Sie im Kinobereich sehr aktiv. Wollen Sie hier wieder angreifen?
Wir sind in der Kinoproduktion wieder stärker präsent. Im September und November kommen von uns zwei Filme ins Kino, „Simpel“ und die „Pfefferkörner“. Simpel wird im Juni auf dem internationalen Film-Festival in Shanghai laufen.
Warum ist Ihr Interesse an Kinoproduktionen wieder aufgelebt, die eigentlich große Risiken bergen?
Studio Hamburg hatte mit Kinoproduktionen schwierige Zeiten, weil in diesem Bereich vor einigen Jahren leider Geld verloren wurde. Jetzt gehen wir mit einem neuen Ansatz heran, um das Risiko zu minimieren. Wir glauben, dass wir hier interessante Geschichten erzählen können. Als Studio Hamburg-Gruppe wollen wir weiter den Dreiklang in der Produktion von Highend-Serien, Fernsehspielen und Kino spielen.
Constantin Film steht gerade zum Verkauf. Reizt es Sie nicht, die Gesellschaft zu übernehmen?
Aus Spaß habe ich dort vor einiger Zeit angerufen. Das Management hat mir schmunzelnd abgesagt. Constantin Film ist ein großartiges Unternehmen, das im Kinobereich tolle Filme produziert und einen starken Verleih besitzt. Ich hoffe, dass es in der Anteilsstruktur zu einer vernünftigen Lösung kommt.
Ob TV- oder Kinoproduktionen – Bewegtbilder nehmen im Netz rasant zu. Können Sie hier interessante Aufträge an Land ziehen?
Im Netz sind wir mit unseren Produktionen in einigen Bereichen unterwegs. Wir haben mit Christian Ulmen mit „Mann/Frau“ eine Web-Serie für den bayerischen Rundfunk gedreht oder mit „Familie Braun“ eine Web-Serie für das ZDF. Ebenso ist Stephan Lamby mit dbate.de dabei, eine wichtige Meinungsplattform für Videojournalismus zu schaffen. Großes Interesse haben wir an der neuen Jugendplattform Funk von ARD und ZDF. Hierfür würden wir gerne Beiträge produzieren.
Sie erwähnten gerade Stephan Lamby. Studio Hamburg hat sich an seiner Firma ECO Media mit 50 Prozent beteiligt. Warum das?
Wir hoffen, dass wir durch den Schulterschluss mit einem der profiliertesten Politikjournalisten Deutschlands Synergien mit der Studio Hamburg-Gruppe heben können. Wir planen Stoffe, die von Stephan Lamby und seinem Team für Dokumentationen recherchiert wurden, ins Fiktionale zu übertragen. Denn immer häufiger zeigen Sender Fiktionales und im Anschluss die dazu gehörige Dokumentation.
Wo sehen Sie neue Geschäftsfelder?
Interessante Zukunftsthemen sind Virtual Reality oder 360-Grad-Produktionen. Wir haben mit einer Firma aus dem „Haus der Jungen Produzenten“, das bei uns auf dem Studiogelände sitzt, ein Joint-Venture gegründet. Der Name der Kooperation ist Helhed Production. Die Gesellschaft entwickelt sich sehr gut in dem extrem schnell wachsenden Markt. Von 360- Grad-Produktion über Post-Produktion bis hin zur Entwicklung von Apps – die Gesellschaft ist unter anderem für Red Bull TV oder BMW aktiv geworden.
Der Aufsichtsrat hat Ende 2016 ihren Vertrag um fünf Jahre verlängert. Damit blieben Sie Studio Hamburg noch lange erhalten. Was haben Sie sich vorgenommen?
Das Geschäft der Studio Hamburg-Gruppe hat viele Facetten. Ich möchte, dass die verschiedenen Bereiche unserer Gruppe noch stärker zusammenarbeiten. Denn es ist wichtig, Studio Hamburg auch als Gruppe weiter zu entwickeln. Zudem müssen wir in den nächsten Jahren den Generationswechsel hinbekommen. In vielen Bereichen arbeiten Mitarbeiter, die sich Richtung Pensionsgrenze bewegen. Hier müssen wir den Stabwechsel rechtzeitig vornehmen. Zudem müssen wir unser Feld der Auftraggeber erweitern und neu definieren. Bislang haben wir für die erste Liga produziert, darunter die großen fünf Spieler am Markt: ARD, ZDF, ProSieben, RTL und Sat.1. Mit Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon, Sendern wie VOX, TNT, ZDFneo, ONE oder der Sky-Gruppe treten relativ neue Kunden im fiktionalen Bereich auf, die wir bedienen wollen. Diesen Weg werden wir jetzt gehen.

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