Anzeige

Warum Spiegel Daily mehr ist als ein Mosaikstück im Innovations-Puzzle des Verlags

Hatte vor vier Jahren die Idee für Spiegel Daily als moderne Form der Tageszeitung: Reporterlegende Cordt Schnibben

Spiegel Daily spaltet die Branche: Während es nach dem Launch am gestrigen Dienstag vor allem von Mediendiensten wohlwollende Kommentare gab, stößt die kostenpflichtige Web-App bei Digitalexperten auch auf Kritik. Das Produkt, das beim Spiegel vier Jahre lang entwickelt wurde, überzeugt zum Start nicht. Es fehlt an einem klaren Kaufargument und Alleinstellungsmerkmalen gegenüber Gratis-Angeboten.

Anzeige

Spiegel Daily ist mehr als ein Prestigeojekt. Dem Launch am Dienstag, 17 Uhr, hatten die Macher der Plattform einen Countdown vorgeschaltet, als tickte an der Ericusspitze die Zeituhr für ein neues Produkt, das künftig Taktgeber für die gesamte Branche werden sollte. Der Sekundenzähler weckte Erinnerungen an den Start von Space Shuttles, doch was dann sichtbar wurde, hat nichts mit digitaler Raketentechnik gemein. Spiegel Daily ist ein ziemlich irdisches und fast irritierend überraschungsfreies Angebot geworden, wenn man die Vorlaufzeit von vier Jahren berücksichtigt. Die Frage lautet: Wird die Smartphone-Tageszeitung bei den Lesern zünden?
Wer nach der publizistischen Eintagsfliege Spiegel Classic und dem mutmaßlichen Kiosk-Rohrkrepierer Spiegel Fernsehen der Ansicht zuneigt, Spiegel Daily konnte lediglich ein weiteres Mosaikstück im Innovations-Puzzle des Nachrichtenmagazins sein, liegt falsch. Die digitale Tageszeitung ist so nah am Herzen der digitalen Zukunftstrategie implantiert, dass sie auch im Falle eines Misserfolgs nicht einfach herausoperiert werden kann, ohne damit ein fatales Signal an Gesellschafter und Werbekunden zu senden.
Ein Scheitern käme einem kreativen Offenbarungseid gleich, einer Bankrotterklärung gegenüber den Herausforderungen der publizistischen Transformation. Nein, Spiegel Daily ist gekommen, um zu bleiben. Der Spiegel kann sein digitales Extra-Angebot verändern, komplexer oder kompakter (wenn die Abozahlen nicht stimmen) machen. Es ist aber davon auszugehen, dass Daily künftig – ähnlich wie Springers Bezahlangebot Bild plus – fester Bestandteil der Jahresbilanzen sein wird und zugleich wichtiger Indikator für die Zukunftsfähigkeit des Medienhauses. Man ahnt: Dies überzeugend darzustellen, wird nicht einfach werden.
Das größte Handicap der digitalen Tageszeitung des Spiegel besteht darin, dass die Welt sie eigentlich nicht braucht: Die Nachrichtenstoffe, die zum Start um 17 Uhr geliefert wurden, konnten Nutzer schon am Morgen bei Spiegel Online und zahllreichen anderen Gratisangeboten lesen: Trump, Hackerangriff, Koalitionsgespräche, Filmfestspiele – nichts davon hat Spiegel Daily, wie könnte es auch anders sein, exklusiv. Allenfalls der Angang der Themen ist ungewöhnlich. Aber dass Print-Autor Markus Feldenkirchen dem ziemlich glücklosen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz in einem höchst eigenwilligen Kommentar Sieger-Qualitäten bescheinigt – so what? Kachelmann und Harald Schmidt als Zugaben werden kaum Scharen von Lesern dazu bringen, ein Abo für Daily abzuschließen. Es ist weit und breit kein überzeugender USP erkennbar, der die Web-App des Nachrichtenmagazins zum Fliegen bringen könnte.
„Nur, was heute wichtig ist“, lautet der Claim von Spiegel Daily, dessen Logik sich jedoch nicht recht erschließt. Das „Nur“ legt eigentlich nahe, dass es um Reduktion des Weltgeschehens geht, und solche Produkte gibt es von Zeitungshäusern bereits, wie etwa Der Tag von FAZ.net oder die Bezahl-App Handelsblatt 10. Daily folgt deren Grundgedanken mit eher knapp gehaltenen Lesestücken, setzt zugleich aber auf Erweiterung und hat klassische Longreads im Angebot: Studien zu Verkehrstoten oder Produktfälschungen. Sollen das die Themen sein, die mobile Leser nach Büroschluss fesseln? Zudem wundert man sich über Headlines mit plattem Wortwitz, der den hohen Ansprüchen der Spiegel-Sprache kaum gerecht wird: „Schön bunt hier“ (über Koalitionspoker), „Nicht ganz dicht“ (Trump und die Indiskretionen) oder, ganz übel, „Wer Cannes, der Cannes“.
An solchen Details kann die Redaktion feilen, das gehört bei neuen Produkten zum Standardrepertoire. Das dahinter liegende Problem aber bleibt gewaltig: Spiegel Daily ist eine Innovation ohne jedes Momentum, was die Themensetzung oder Leseransprache betrifft. Es schreit nach Modernität und zielt doch auf einen altmodischen Lesertyp, der mit der digitalen Welt eher fremdelt. Zu alt, zu männlich und auch zu lahm – so kommt Daily zum Start rüber; nicht die besten Voraussetzungen für einen als Game-Changer der Nachrichtenwelt angetretenen Neuling. Hätte man ein solches Projekt einem Startup im Silicon Valley überantwortet, sähe das Ergebnis wohl grundlegend anders aus. Und klassische Zeitungsleser bei kostenpflichtigen Regionalportalen abzuwerben, dürfte nicht einfach sein – dafür fehlt es den Hamburgern an Ressourcen und lokaler Kompetenz. Der Spiegel Verlag sucht seinen Weg in die digitale Bezahlzukunft – mit Daily hat er ihn noch nicht gefunden.

Anzeige