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"Kapitulation eines einst großen Medienhauses" – Thomas Knüwers Total-Verriss von Spiegel Daily

"Journalistisch prekariär": Thomas Knüwer über Spiegel Daily

Mit Spiegel Daily hat der Spiegel Verlag ein mit Spannung erwartetes und ambitioniertes Paid-Content-Angebot gestartet. Die „digitale Abendzeitung“ soll Nutzer smart informieren und ein in sich geschlossenes Medien-Erlebnis bieten. Gerade in der Branche wird das Projekt genau unter die Lupe genommen. Für MEEDIA hat sich der Medienberater und Digital-Experte Thomas Knüwer Spiegel Daily angeschaut – und er kommt zu einem vernichtenden Urteil.

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Von Thomas Knüwer
Das Angebot ist auf jeder Ebene verfehlt. Das beginnt beim Fundament: Die Seite ist nicht mobiloptimiert (Werbepartner Audi wird sich freuen, dass seine Anzeigen auf Handys und Tablets abgeschnitten werden) und der Abo-Prozess bricht häufig ab, beziehungsweise war gestern via Paypal gar nicht möglich. Die Navigation ist nicht klar strukturiert, auf dem Smartphone ist das Angebot nur schwer zu bedienen.
https://twitter.com/tknuewer/status/864532526207029250
Doch wer sollte Spiegel Daily überhaupt bedienen wollen? Smart will das Angebot sein und ist nichts anderes als eine platte Website – beispielsweise fehlt eine Individualisierungsfunktion, wie sie der Guardian bietet. Einen Nachrichtenüberblick will die Redaktion geben, liefert aber nur weitgehend beliebige Artikel im bunten Spiegel-Online-Stil.
Journalistisch ist das ganze prekariär gehalten. Beispiel: Anscheinend muss man gestern Abend unbedingt von einer Studie im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates erfahren, sie wird unter den Top-News geführt. Eine Drittstimme taucht nicht auf, stattdessen gibt es flott zusammengegoogelte Behauptungen ohne Quellenangabe („Auch wenn es viele glauben: Der Mensch ist nicht multitaskingfähig, weder Frauen noch Männer.“). Zu Beginn des Textes heißt es: „Plakate auf deutschen Autobahnen sollen nun das Leid von Angehörigen in Großaufnahme zeigen, um Fahrer zu warnen.“ Was es damit auf sich hat, wird der Leser nie erfahren.
Dann diese Videoinhalte… Harald Schmidt ist furchtbar langweilig, wenn er improvisiert, Kachelmann macht das Wetter ohne Wetterkarte, was einen Wertverlust bedeutet. Cordt Schnibben interviewt Welt-Chef Ulf Poschardt (Journalisten bleiben ja gern in ihrer Filterblase). Das ist desaströs schlechtes Fernsehen, das nicht dadurch wenigstens mittelmäßig wird, weil es im Internet stattfindet. Und wer nach der Arbeit unterwegs ist, wird das Ganze eher nicht konsumieren: Es braucht Kopfhörer und Datenleitung – denn eine App gibt es für Spiegel Daily ja nicht.
Nach all dieser Vorbereitungszeit und den donnernden Worten aus dem Spiegel Verlag ist Spiegel Daily keine „smarte Abendzeitung“ – sondern die Kapitulation eines einst großen Medienhauses.
Thomas Knüwer betreibt gemeinsam mit Frank Horn die strategische Digital-Beratung kpunktnull in Düsseldorf.

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