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Albig, die Bunte und der Scharping-Effekt: Kann ein Klatschinterview Wahlen entscheiden?

Torsten Albig präsentiere sich und seine neue Lebensgefährtin in der Bunte als "Power-Paar". Die Parteikollegen sind nicht gerade begeistert

Vor 16 Jahren beendete ein Bunte-Interview inklusive Swimmingpool-Titelseite die politische Karriere vom damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Dieses PR-Fiasko brannte sich in das kollektive Gedächtnis von Politikern und Journalisten. Nach der Wahlschlappe von Torsten Albig wird wieder debattiert: War ein Bunte-Interview schuld an der Niederlage? Auch wenn die Medien die Frage gerne mit ja beantworten würden – so einfach ist es nicht.

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Bis zur Abstimmung über das neue Parlament in Schleswig-Holstein wurde bundesweit von dem Bunte-Gespräch wenig Notiz genommen. Doch seit Sonntagabend mehrten sich in den sozialen Netzwerken die Postings, dass Albig nach dem Bunte-Artikel vor allem bei den Frauen massiv an Zustimmung eingebüßt habe.
So twitterte beispielsweise Spiegel-Mann Jan Fleischhauer: „‚Mein Leben entwickelte sich schneller als ihres.‘ Für jede Frau ab 45 war Albig mit diesem Satz über seine Ehefrau unwählbar. So einfach.“
https://twitter.com/janfleischhauer/status/861279941513674752
Eine Einschätzung, der sich im Laufe des Montags immer mehr Meinungsmacher anschlossen.
Um welche Story geht es überhaupt? Am 20. April erschien in der Bunte (auf Seite 70) ein Interview mit Albig und seiner neuen Lebensgefährtin Bärbel Boy. Der Politiker und die Strategieberaterin präsentierten sich dabei als „Power-Paar“ (Bunte). Teil der Inszenierung war auch die Kommunikation der Trennung von seiner Ex-Frau und die ging – zumindest aus politischer Sicht – gehörig daneben. Vor allem ein Zitat wird er wohl nie mehr einfangen können:

Aber leider haben wir beide nicht genügend auf uns aufgepasst. Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres. Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben. Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen.

Bereits zum Zeitpunkt des Erscheinen des Gespräches beobachtete der Spiegel einiges „Kopfschütteln unter Parteifreunden“ wegen der „Machosprüche“ des Ministerpräsidenten. Erst nach Bekanntwerden der Wahlschlappe wurden diese jedoch als möglicher Niederlagengrund thematisiert. Ob die SPD wirklich wegen der Bunte-Story verloren hat, ist de facto jedoch völlig unklar. Daten von Infratest Dimap zeigen, dass die CDU vor allem bei Frauen zwischen 35 und 59 Jahren zulegen konnte. Das dürfte genau jene Gruppe sein, die sich von den vermeintlichen Machosprüchen angegriffen fühlen könnte. Einen direkten Zusammenhang stellten die Meinungsforscher bislang jedoch nicht her. Wie auch?
Die Medien erledigten diesen Job dagegen mit viel Begeisterung und drehten die Story gleich kräftig weiter. So sprach unter anderem die Süddeutsche mit der Politik-Wissenschaftlerin Andrea Römmele von der Hertie School of Governance. Die Professorin kommt zu dem Schluss, dass vieles dafür spreche, dass das Interview für Albigs Niederlage verantwortlich sei.
Den widerspricht Klatschreporter-Legende Michael Graeter bei Spiegel Online. „Wenn Albig nach 27 Jahren frauentechnisch noch mal umsattelt, ist das seine Sache. Ich glaube nicht, dass der Wähler ihn dafür abstraft“. Weiter ist er davon überzeugt: „Aber die Wahl hat es nicht entschieden. Das wäre ja eine Sensation, wenn eine Illustrierte wie die Bunte die Wahl komplett verändern würde.“ Oder einen Verteidigungsminister wie beim Fall Scharping zum Rückzug zwingt, könnte gegen Graeters Sichtweise man einwenden.
Interessant ist, dass die eigenen Parteifreunde nach der Niederlage auf einmal selbst das Interview als möglichen Grund für die Verluste anführen. So erklärte beispielsweise die Generalsekretärin der SPD, Katarina Barley, dass es zuletzt im Wahlkampf weniger um Inhalte, „sondern eher um Dinge wie das Privatleben des Ministerpräsidenten“ gegangen sei.
An dieser Stelle kommt wieder Scharping ins Spiegel. Seit seinem Bunte-Pool-Desaster glauben Journalisten und Politiker gleichermaßen, dass eine gescheiterte People-Story politische Karrieren ruinieren kann. Ergo lässt sich dieses scheinbar eherne Regel auf die Albig-Story anwenden.
Ein Faktor wird dabei jedoch gerne vergessen: Diesmal hat die SPD selbst ein großes Interesse daran, dass die Medien möglichst darüber berichten, dass der Ministerpräsident über ein Interview mit Bunte gestolpert ist. So schützen die Genossen nämlich am effektivsten Martin Schulz und Hannelore Kraft vor der wichtigen NRW-Wahl am kommenden Sonntag.
Aus wahlpsychologischer Sicht ist die Sichtweise, dass Schulz seine Anziehungskraft bzw. sein Momentum verloren hat, weit gefährlicher. Das kann in der heißen Phase an Rhein und Ruhr demoralisierend wirken. Das gilt für die Macho-Sprüche eines Nordlichts von der Waterkant jedoch nicht.

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