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Falsches "Weihnachtswunder" bei Michael Schumacher: Warum Burdas Bunte mit 50.000 Euro Strafe zu billig davonkommt

Berichterstattung über Michael Schumacher: Das "Weihnachtswunder" von Bunte-Vize Tanja May stellte sich als "unwahr" heraus

Bunte muss Michael Schumacher 50.000 Euro zahlen, weil das People-Magazin die Falschinformation verbreitet hat, der Ex-Rennfahrer könne wieder laufen. Ein hartes Urteil des Hamburger Landgerichts, könnte man denken. Nicht hart genug, meint MEEDIA-Redakteur Marvin Schade. Ihm geht es weniger um die Schwere der Persönlichkeitsrechtsverletzung als ums journalistische und ethische Versagen der Blattmacher.

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Als Simone Käfer, Vorsitzende Richterin der Pressekammer am Landgericht in Hamburg, am Freitag ihr Urteil begründete, verzichtete sie auf wertende Äußerungen – vielleicht weil Schumacher-Prozesse nichts Besonderes mehr sind. Mindestens einmal im Monat sitzt ihr Felix Damm, Anwalt der Familie des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters, im Saal gegenüber. Die Beklagten auf der Gegenseite sind mal Anwälte der Funke Mediengruppe mit ihren zahlreichen Regenbogen-Blättern und mal Vertreter von Hubert Burda Media. Man kennt sich, mal scherzt man miteinander, mal ist man von den immer wiederkehrenden Argumentationen genervt – zweites häufiger. Wirklich empört ist man aber kaum noch, die Richter sind mittlerweile einfach einiges gewohnt.
Dabei bietet der eben ausgeurteilte Fall eine Menge Stoff für Empörung. Käfer hatte die im Burda-Verlag erscheinende Bunte zu 50.000 Euro Geldentschädigung verurteilt. Diese hatte im Dezember 2015 ein „Weihnachtswunder“ verkündet: Michael Schumacher, zwei Jahre zuvor bei einem Ski-Unfall verunglückt und danach aus der Öffentlichkeit verschwunden, könne wieder gehen. „Es ist mehr als ein Weihnachtswunder“, schrieb die People-Zeitschrift sogar. Nach mehreren Verhandlungsterminen, bei denen auch die Autorin des Artikels aussagen musste, kam das Landgericht zu dem Schluss: Die Berichterstattung der Bunte ist „unwahr“. Denn unstrittig sei: Schumacher, das machte auch sein Anwalt deutlich, könne bis heute (bzw. zum Zeitpunkt des Prozesses) nicht laufen, auch nicht mithilfe von Therapeuten.
Die Bunte wird zurecht bestraft. Aber hoch genug, damit sich Ähnliches nicht wiederholt? Das Gericht stellte fest: Bunte hatte dafür, dass die Behauptung falsch war, ordentlich die Werbetrommel gerührt. Um die Auflage zu steigern, wurde die Titelseite mit großem Schumi-Foto in der Print-Ausgabe der Bild-Zeitung beworben, hinzu kommt der passend vor Weihnachten gewählte Terminus des „Wunders“. Man muss an dieser Stelle hinzufügen, dass die vor knapp eineinhalb Jahren erschienene Story noch unter der damaligen Chefredakteurin Patricia Riekel auf den Titel gebracht wurde, und zwar mit einer angesichts der eigentlichen Geschichte im Innenteil des Hefts besonders lärmenden Verkaufe. Inzwischen führt Robert Pölzer das Burda-Magazin.
514.151 Exemplare setzte Burda von seiner Ausgabe 52/15 im Einzelhandel ab, Vertriebserlös: rund 720.000 Euro. Auf die Ausgabe heruntergebrochen kostet das Urteil Burda rund 10 Cent pro verkauftes Heft, die Summe hat der Verlag mit 1,5 Anzeigenseiten wieder drin. Auch in wirtschaftlich nicht unbedingt rosigen Zeiten hinterlässt dieser Hieb nicht einmal einen blauen Fleck, an einen „Hemmungseffekt“, den Geldentschädigungs-Urteile haben sollen, ist gar nicht zu denken. Die Strafe darf bei Burda als eingepreist gelten, „Weihnachswunder“ ad acta, weiter in der Tagesordnung.
Man muss kein Freund der Kommunikationspolitik aus dem Hause Schumacher sein, um zu meinen: Das Gericht hätte ein paar Tausend Euro drauflegen können. Denn sogar abgesehen davon, dass Bunte nicht unbedingt zu den seltenen Gästen am Gericht zählt, ging es hier schlicht nicht mehr um die Verletzung des Persönlichkeitsrechts, das in Abwägung mit dem – durchaus vorhandenen und berechtigten – öffentlichen Interesse an der Person Schumacher steht. Hier geht es, vorsichtig formuliert, um die mindestens grob fahrlässige Verbreitung einer Information, für die die Bunte-Redaktion nach Maßstäben journalistischer Sorgfaltspflicht nicht die für einen Abdruck erforderliche Gewissheit hatte. Selbst wenn dies nicht in der Absicht geschah, die Bunte-Leser gezielt irrezuführen, so waren Informationen über das „Wunder“ im Hause Schumacher doch eine „Ente“.  Oder Fake News, wie man heute wohl sagen würde.
Berufen hatte sich Bunte auf einen bereits ihr bekannten Informanten/Informantin. Diese Quelle hatte, wie es im Verfahren geheißen hatte,  der Redaktion bereits zuvor wahre Informationen über Schumacher zugespielt. Als Beispiel wurden Angaben über seine Verlegung innerhalb der Kliniken und anschließend nach Hause genannt. Zwar stellte sich eine weitere Behauptung desselben Informanten – Schumacher sei auf 45 Kilogramm abgemagert – als falsch heraus, allerdings erst nachdem die Weihnachtsausgabe erschienen war. Trotzdem hielt die Bunte-Redaktion die Quelle, zu der keine weiteren Angaben gemacht worden sind, für glaubwürdig.
Auch das Gericht stellte die Verletzung der Sorgfaltspflicht der Journalistin fest, bestrafte sie aber nicht ausreichend. Im Gegenteil: Dass die Summe so gering ausgefallen ist, begründete die Kammer damit, dass die Reporterin ihren Job immerhin ansatzweise gemacht hatte. So hatte sie sich zwar auf nur eine Quelle verlassen, sich wenigstens aber bei einem Mediziner erkundigt, ob das „Wunder“ denn zumindest theoretisch möglich ist. Bei den Schumachers nachgefragt hatte die Journalistin nicht – weil die ja eh nichts sagen, hatte es geheißen.
Begründungen wie diese werden übrigens oft angeführt. Das aber kann keine ernstzunehmende Argumentation sein. Dass Journalisten nachsichtig im Umgang mit der Sorgfaltspflicht sind, um ihre Geschichten nicht tot zu recherchieren, darf nicht strafmildernd gewertet werden.
In seiner Begründung völlig unbeachtet gelassen hatte das Gericht die Rolle der Journalistin. In der Autorenzeile stand nicht der Name einer Redakteurin oder freie Mitarbeiterin, die gierig auf einen Titel gewesen ist. Für die Story verantwortlich war Tanja May, niemand geringeres als die stellvertretende Chefredakteurin der Bunte – eine Journalistin also, die nicht nur eine Führungs- sondern auch eine Vorbildsfunktion haben sollte.

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