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Wie das Recherchebüro Correctiv das Sexleben einer AfD-Politikerin enthüllte und sich einen Shitstorm fing

Correctiv-Chef David Schraven und ein herbeifantasierter "Sexskandal"

In Nordrhein-Westfalen ist der Wahlkampf für die bevorstehende Landtagswahl am 14. Mai in der heißen Phase. Das als gemeinnützig anerkannte Recherchebüro Correctiv enthüllte nun kurz vor der Wahl, dass eine AD-Politikern auf der Landesliste im Internet als Hobby-Prostituierte unterwegs war und machte daraus einen „Sexskandal“. Der Shitstorm kam wie bestellt aber er traf nicht die AfD-Politikern …

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Einer der beiden Autoren des Artikels über das Sexleben der AfD-Politikerin ist immerhin Correctiv-Gründer und Geschäftsführer David Schraven. Er und seine Organisation mussten viel Kritik einstecken für die Veröffentlichung „EXKLUSIV: Spitzenfrau der AfD in Nordrhein-Westfalen arbeitete als Prostituierte“. Auch zahlreiche Journalisten äußerten sich negativ:
https://twitter.com/uedio/status/859460314865303554
https://twitter.com/martinhoffmann/status/859451821861081088
https://twitter.com/LarsWienand/status/859554658246950913
Bei Facebook geht es in Sachen Kritik an dem Correctiv-Text noch eine ganze Spur härter zur Sache. Der Text beschreibt detailliert, welche Dienst die AfD-Politikerin auf welchen Sex-Seiten im Internet angeboten hat. Die ursprüngliche Überschrift, die aus der Privatsache einen „Sexskandal“, machte wurde zwischenzeitlich geändert. Mittlerweile hat sich Correctiv-Chef Schraven in einem weiteren Beitrag zu der Kritik geäußert. Schraven schreibt:

Mir geht es nicht darum, eine Frau zu kritisieren, weil sie als Prostituierte gearbeitet hat. Das ist ein Job, den Leute ergreifen können oder nicht. An dem Job ist nichts Illegales oder Verwerfliches. Es geht auch nicht um die sexuellen Vorlieben der AfD-Kandidatin. Die gehen uns nichts an.

Dass er trotzdem darüber berichtet, begründet Schraven damit, dass die AfD ein Frauenbild aus den 50er Jahren durchsetzen wolle und sich gegen Gleichberechtigung und gegen die Emanzipation auch von Sexarbeiterinnen einsetze. Woher er diese Erkenntnisse hat, bleibt vorerst im Dunkeln. Immerhin hat die AfD mit Alice Weidel gerade eine bekennende homosexuelle Frau zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gemacht, was sich nur schwer  mit einem Frauenbild aus den 50er Jahren in Deckung bringen lässt. Auch dezidierte Einlassungen von AfD-Politikern über die Emanzipation von Sexarbeiterinnen sind nicht geläufig.
Den Hauptgrund für eine Veröffentlichung des Privatlebens sieht Schraven aber darin begründet, dass die Politikern mit ihrem Intimleben nicht hausieren gegangen ist:

Aber selbst das alles wäre noch kein Skandal, wenn (Name entfernt, die Red) bei der Kandidatenkür für die AfD-Liste für den Landtag offen über ihre Sexarbeit gesprochen hätte. Wenn sie erklärt hätte, dass sie als Teilzeit-Prostituierte Geld verdient hat. Sie hat das Gegenteil getan. Sie hat genau diese Tätigkeit verschwiegen. Sie hat gesagt, sie habe eine Ausbildung als Heilpraktikerin und habe gut zehn Jahren lang für einen Versicherungskonzern im Direktvertrieb gearbeitet.

Ja, wenn sie das mal erzählt hätte! Ob Correctiv nun von jedem potenziellen Landtags- oder Bundestagskandidaten eine Schlafzimmerbeichte einfordern will? Ansonsten muss man als Politiker oder Politikern nach dieser Logik wohl damit rechnen, dass Leute wie die Correctiv-Schnüffler das Intimleben an die Öffentlichkeit zerren, sollte der öffentliche Unterhosen-Appell verweigert werden. Schraven argumentiert außerdem damit, die AfD-Frau habe sich erpressbar gemacht, indem sie ihr Intimleben „verschwiegen“ habe. Das ist stets ein beliebtes Argument für die Veröffentlichung von allerlei Intimdetails und rechtfertigt in der Logik Schravens vermutlich auch den sehr hohen Detailgrad seines Textes. Da bleibt für potenzielle Erpresser nun wirklich gar kein Spielraum mehr. Well done! (Ironie)
Aber das Argument mit der Erpressbarkeit ist fishy. Die Frau kandidiert ja nicht als Bundeskanzlerin, sondern steht auf dem zehnten Listenplatz einer rechten Partei für eine Landtagswahl. Wenn man nur genau schnüffelte, würde man womöglich auch in den Nachttischschubladen des einen oder anderen SPD oder CDU-Politikers Intimes ausgraben können, was diese „erpressbar“ machen würde. Damit das Argument der „Erpressbarkeit“ zieht, braucht es dann doch eine etwas andere Fallhöhe als diese.
David Schraven hat sich in seinem Text dafür entschuldigt, zunächst die Vokabel „Sexskandal“ verwendet zu haben. Er hätte sich besser für den ganzen Text entschuldigt und diesen offline gestellt. Das wäre die zweitbeste Möglichkeit gewesen. Die beste wäre gewesen, er hätte den Text gar nicht erst veröffentlicht. Über die Boulevardmethoden einer Bild-Zeitung braucht sich Correctiv in nächster Zeit jedenfalls nicht mehr aufzuregen.
Update: Der Name der AfD-Politikerin wurde nachträglich aus dem Text entfernt.

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