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Bei Donald Trump ist das Chaos kein Fehler, sondern der Plan – wie der Economist die ersten Tage der neuen US-Regierung sieht

Weltweit versuchen Medien und Öffentlichkeit, sich einen Reim auf die ersten Tage der neuen US-Regierung unter Donald Trump zu machen. Ist er tatsächlich ein Doktor Faust, der mit Mephisto in Gestalt seines Chef-Beraters Steve Bannon einen teuflischen Pakt eingegangen ist, wie der Spiegel meint? Oder sollte man gelassen abwarten und auf die Selbst-Regulierungskräfte der US-Demokratie vertrauen? Der britische Economist hat die ersten Tage unter Trump mit gewohnter analytischer Schärfe untersucht und kommt zum Schluss: Die Welt muss mit Ärger rechnen.

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Der britische Economist zeigt den 45. US-Präsidenten Donald Trump auf seinem aktuellen Cover als Revoluzzer im Graffiti-Style mit verzerrtem Gesicht, der ansetzt einen brennenden Molotow-Cocktail zu werfen. Der meist eher kühle Economist sieht in Trump und seiner Regierung tatsächlich eine echte Gefahr für die bestehende Weltordnung.

„Washington ist im Griff einer Revolution“, beginnt der Leitartikel des Magazins unter der Überschrift „Ein Aufständischer im Weißen Haus„. Das Aufkündigung des transpazifischen Freihandelsabkommens TPP, die geforderte Neuverhandung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA, die angekündigte Mauer zu Mexico, die Neuregelung von Einwanderungsgesetzen und der befristete Einreisestopp für Leute aus sieben muslimisch geprägten Ländern, die Absatz-Bewegungen in Richtung EU, das Verteidigen von Folter und die Attacken auf die Presse – all dies sind für den Economist Molotow Cocktails „gegen die weißen Säule  der Hauptstadt Washington“.

Dabei ist der Economist freilich nicht eben neutral. Das britische Magazin ist selbst fester Bestandteil jener Elite, jenes Establishments, das Trump angetreten ist zu bekämpfen. Die Zeitschrift sieht sich selbst traditionell als Verfechter liberaler Werte und des Freihandels. Multinationale Abkommen und Verflechtungen hält der Economist für die Basis einer modernen Weltordnung. Protektionismus und Nationalismus sind dem Magazin ein Gräuel. Darum war der Economist auch ein scharfer Gegner des Brexit und hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Flüchtlingspolitik stets vehement unterstützt.

Kurz: Der Economist steht für alle das, was Donald Trump hasst. „In der Politik führt Chaos normalerweise zum Versagen“, notiert die Zeitschrift nun in ihrem aktuellen Leitartikel, „bei Herrn Trump scheint Chaos dagegen Teil des Plans zu sein. Versprechungen, die wie Übertreibungen im Wahlkampf klangen, münden nun in eine todernste Revolte die Washington und die Welt erschüttern sollen.“ Jedesmal, wenn Medien und Demonstranten wegen Trump aufheulen, werde dies von seinem Lager als Beleg dafür gesehen, dass er etwas richtig gemacht haben muss. „Wenn die Ergüsse vom West Wing chaotisch sind zeigt das nur, dass Trump ein Mann der Tat ist, gerade so wie er es versprochen hat“, so der Economist.

Trumps Chef-Berater Steven Bannon halte mutilaterale Beziehungen für obsoleten liberalen Internationalismus. Seiner Meinung nach gehe es heute nicht mehr darum, universelle Menschenrechte zu verteidigen, sondern eine „jüdisch-christliche“ Kultur gegen die Anschläge anderer Zivilisationen, insbesondere den Islam zu führen. Ganz ähnlich charakterisiert der Spiegel Bannon und sein Weltbild in der aktuellen Titelstory. Das Hamburger Nachrichtenmagazin zitiert aus einer Ansprache Bannons:  „Es brauche dringend eine Renaissance des ‚erleuchteten Kapitalismus des jüdisch christlichen Westens‘, mit Unternehmern, die Arbeitsplätze und Wohlstand für alle schaffen.“

Der Economist notiert niemand könne sagen, wie ernsthaft Trump solche Dinge tatsächlich glaubt. Es sei gut möglich, dass er er seiner Guerilla-Taktik überdrüssig wird, dass eine Verwerfung an den Börsen den „CEO der Nation“ so sehr beunruhigt, dass er Bannon rauswirft. „Vielleicht zwingt ihn eine Krise in die Arme seines Stabschefs oder seines Verteidigungs- oder Außenministers, von denen keiner so recht der Typ für Aufstände ist. Aber man darf nicht darauf zählen, dass das bald geschieht. Und man darf nicht unterschätzen, wie viel Schaden bis dahin angerichtet werden kann.“

Es sei nicht zu spät, dass Trump noch bemerken könnte, dass sein aktueller Kurs Amerika schlechter stellt als zuvor, so das Fazit des Economist. „Es ist nicht zu spät, als dass er merken könnte, wie viel schlechter und sich seiner Bomben-Werfer entledigt und den Kurs ändert. Die Welt sollte hoffen, dass es so kommt. Aber sie muss sich auf Ärger einstellen.“

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