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Der Hype um SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz als Herdentrieb: Fehlt vielen Medien professionelle Distanz?

Zuerst der neue Star der SPD, nun schwer angeschlagener Kanzlerkandidat: Martin Schulz

Nicht nur der Spiegel, sondern gleich reihenweise wurden die Leitmedien vom Rückzug Sigmar Gabriels aus dem Kanzlerrennen überrascht, den dieser wenig fein vorab stern und Zeit gesteckt hatte. Nach kurzem Luftholen haben die Berichterstatter ihre Sprache wiedergefunden. Doch wo Distanz und journalistische Professionalität geboten wären, folgen viele einem eigentümlichen Herdentrieb der Verklärung.

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Ein Kommentar von Ulrich Werner Schulze

War sie eine Überraschung – die Mitteilung des (noch amtierenden) SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel? Gleich dreifach abzutreten!

Ja! Wer das versteinerte Gesicht und die mühsam hervor gepresste Erklärung der Umweltministerin Barbara Hendricks sah, wusste: Hier war einiges anders gelaufen, als selbst intern erwartet worden war.

Doch was war anders gelaufen? Was irritierte und was zugleich beglückte die EsPeDe, wie sie einst Günter Grass so schrieb?

Der Reihe nach: Der SPD-Vorsitzende S.G. gab am Dienstag, 24. Januar 2017, bekannt, er werde im bevorstehenden Bundestags-Wahlkampf nicht Kanzlerkandidat der SPD sein. Die K-Frage war entschieden. S.G. sagte weiter, zugleich werde er den Parteivorsitz niederlegen. Drittens, das war noch erstaunlicher, werde er ins Außenamt wechseln, also Nachfolger von Frank Walter Steinmeier werden, der mehrheitlich als Kandidat für die Wahl am 12. Februar zum Bundespräsidenten vorgeschlagen und akzeptiert ist. Schließlich sagte S.G., in seinem bisherigen Amt des Wirtschaftsministers, werde ihm Brigitte Zypris folgen, die derzeitige Staatssekretärin. Vizekanzler jedoch werde er, S.G., bleiben.

Die Überraschung war so groß, dass sie nicht nur die Medien sprachlos machte, sondern sie machte sie zugleich fraglos. Zum Beispiel entfiel die naheliegende Frage, weshalb S.G. dies an diesem Montag ultimativ öffentlich verkündete und zugleich zuvor über Tage fein justiert gesteuert hatte, dass diese Nachricht, dass dieses: „resign“, in einem Interview mit der Zeitschrift stern lang zuvor vorbereitet und exakt terminiert veröffentlicht werden würde; dass sogar parallel die Wochenschrift Die Zeit gleichlautende Informationen in Interviews erhalten hatte. Ein Donnerschlag in die Partei.

Denn: Ein Teil der Medien wusste dies alles – die Parteizentrale offenbar nicht. Und nun klingt deren Echo wie das Motto der Mainzer Fasenacht: Allen wohl und niemand weh . . .“ Gute Entscheidung! Richtig! Prima! So schaffen wir es!, tönt die SPD allenthalben.

Indessen war Gabriels Vorgehensweise ein Dolchstoß; mindestens roch sie stark nach gleich drei Abrechnungen:

Erstens mit der Partei, die S.G, beim Parteitag vom 11. Dezember vergangenen Jahres mit einem Ergebnis von 74,3 % bestraft hatte;

zweitens wollte S.G. seinen Parteistrategen offenbar deutlich machen, dass die Sozialdemokratie derzeit so ziemlich am letzten Lolli lutscht – den hatte ihr der 2009 verstorbene Soziologe Lord Ralf Dahrendorf schon ein Jahrzehnt zuvor vorhergesagt;

drittens war dies ein eleganter Seitenhieb auf die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, die vor nicht langer Zeit gesagt hatte, sie wisse, wer Kanzlerkandidat sein werde, aber sie sage es nicht. Selbst wenn, wie dies nun der stets beflissene und besser wissende stern-Sonnyboy Hans Ulrich Jörges bei Maischberger am Mittwochabend etwas zu Recht rückte und wohl kalkuliert nannte: ein bewusster, ein vorsätzlicher Seitenhieb war dies allemal.

Und da sind wir (wieder) bei den Medien: Sie stürzten sich nicht nur ultimativ auf das Thema, auf diese Entscheidung – nein: sie hatten, noch vor der neutralen Nachricht, die die Zuschauer über den Vorgang und seine Hintergründe zu unterrichten hatte, sofort eine Meinung dazu und sie hielten sich damit auch gar nicht erst zurück: Kaum war der Rauch des Feuers, das S.G. angezündet hatte, etwas verflogen, wurden überall und sofort und ultimativ die jeweils genehmen Protagonisten um eine Stellungnahme zum Vorgang gebeten.

Man dachte sofort an eine Analyse, die MEEDIA veröffentlicht und in der Tanjev Schultz über die Glaubwürdigkeit der Medien geäußert hatte, sie sei mit etwa 40 Prozent sehr hoch, aber es gebe auch erhebliche Zweifel an der Berichterstattung: 24 Prozent seien skeptisch. Eine der Begründungen laute, die Medien unterdrückten Meinungen und zitierten nur Experten, die zu ihrer Berichterstattung passten.

Die Bestätigung für diese Behauptung folgte auf dem Fuß. ARD, ZDF und andere, die sich sonst noch rasch in die Debatte warfen, traten in einen Wettbewerb der Experten-Meinungen ein, befragten ihre Gesprächspartner aber nicht nur zum tagesaktuellen Vorgang, sondern über den hinaus zogen sie die Spur zum Bundestagswahl im Herbst und was dies nun nach dem 24. September, in neun Monaten, für eine mögliche Koalition bedeute. Spekulationsjournalismus nennt man dies.

Bleiben Fragen an die Medien

Wer hat eigentlich danach gefragt, in welcher Weise die Kanzlerin in diese Kabinetts-Rochade wenigstens unterrichtend einbezogen war? Ob dies für die Entscheidung letztlich relevant ist, ist unerheblich, man hätte dies einfach gerne gewusst.

Wer hat die SPD, die sonst vom Plebiszit angehaucht ist, danach gefragt, wie sie diese einsame Entscheidung, dieses Par Ordre du Mufti, ihres Vorsitzenden, in diesem Fall empfindet?

Wer hat Frau Malu Dreyer danach gefragt, wie sie zu ihrem Urteil komme, diese (S.G.‘s) Entscheidung habe Euphorie ausgelöst – was ja nicht wirklich messbar ist aber ein deutlicher Tritt in das Gemächt des gegenwärtig noch amtierenden Vorsitzenden der ältesten Arbeiterpartei Europas. Hat Gabriel das auch noch verdient?

Nein. Die öffentlich-rechtlichen Medien schwelgten in Euphorie. De Martin, de Martin . . . Im Deutschlandfunk äußerte sich am Donnerstagvormittag Hannelore Kraft. Und selbst den, der ihrer prahlerischen Argumentation nicht folgen mochte, beschlichen Zweifel am Interview. Die Redakteurin nämlich frug nicht, sie wusste besser, stellte als Fragen verkleidete Behauptungen auf.

Ginge es, bitte schön, auch mit etwas mehr Distanz, mit etwas mehr journalistischer Professionalität?

Das wäre ganz gut im Wahljahr 2017, das die AfD zum Wahlkampfjahr der Konfrontation ausgelobt hat – die Medien müssten schon deshalb von ihrer eigenen Euphorie absehen.

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