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Correctiv-Chef David Schraven: „Wir sind kein Dienstleister. Wir arbeiten nicht für, sondern auf Facebook“

Chef des Recherchebüros Correctiv: der Investigativ-Journalist David Schraven

Facebook hat mit dem Rechercheverbund Correctiv einen ersten Partner in Deutschland gefunden, der als „Fake News“ gemeldete Inhalte prüfen und gegebenenfalls markieren soll. Geld gibt es dafür erst einmal nicht aber schon einiges an Kritik. Der Journalist Roland Tichy warf Correctiv vor, zu einer Art Bundesprüfstelle für Fake News zu werden und stellte die Unabhängigkeit in Frage. MEEDIA sprach mit Correctiv-Chef David Schraven über die Tätigkeit für Facebook und Fragen der Unabhängigkeit.

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Correctiv ist angetreten, um Missstände aufzudecken und unabhängigen Journalismus zu betreiben. Wie verträgt sich dieses Selbstverständnis damit, jetzt als Gratis-Dienstleister für Facebook aufzutreten?

David Schraven: Ich sehe das nicht so. Wir sind kein Dienstleister. Wir arbeiten nicht für Facebook, sondern auf Facebook. Wir kümmern uns darum, dass Lügen und Falschmeldungen als solche markiert werden. Das ist eine Kernaufgabe von Journalismus, vielleicht sogar der zentrale Kern.

Wie kam es zum Kontakt mit Facebook?

Wir haben von Correctiv aus im Spätherbst Facebook wegen der Probleme mit Fake News angesprochen. Daraus hat sich eine ganze Reihe von Gesprächen ergeben und im Dezember ist Facebook dann auf uns zugekommen, weil sie das Programm zum Kennzeichnen von Fake News aus den USA auf Deutschland übertragen wollen. Da haben sie gefragt, ob wir dabei mitmachen wollen.

Wie viele Leute werden bei Correctiv mit dem Bearbeiten von „Fake News“ befasst sein?

Das wissen wir im Moment noch nicht, weil wir überhaupt nicht wissen, wie die Arbeitsprozesse aussehen. Wir wissen nicht, wie viel das sein wird, wir wissen im Prinzip gar nichts. Dieses Software-System über das man Fake News melden soll, wird jetzt erst einmal installiert. Ich schätze das wird spätestens Ende Februar soweit sein, hoffentlich früher.

Wieviele Leute arbeiten denn insgesamt für Correctiv?

Wenn man alle zusammenzählt, sind das so um die 25 Leute.

Bei der Größe von Facebook ist ja damit zu rechnen, dass Ihr als Dienstleister sehr viele Meldungen zu bearbeiten habt. Habt Ihr da keine Angst, überrollt zu werden? 

Wenn ich Angst hätte, würde ich mich im Keller verstecken. Ich habe keine Angst. Außerdem machen wir keine Dienstleistung für Facebook, sondern wir prüfen Fake News auf der Plattform von Facebook.

Nun ja, wenn man Fake News-Meldungen auf Facebook prüft, eine Art Zertifikat ausgibt und damit dafür sorgt, dass das „Produkt Facebook“ verbessert wird, kann man das schon als Dienstleistung verstehen.

Es ist ein freies Land. Wenn Du das so siehst, siehst Du das so. Wenn wir später wissen, wie die Arbeitsabläufe sind und wie viel Arbeit das ist, wie viel Leute wir brauchen. Dann finden wir auch einen Weg, wie wir die Leute bezahlen können. Ich gehe nicht davon aus, dass wir Geld von unseren Spendern für die Arbeit auf Facebook ausgeben. Ich gehe aber davon aus, dass so eine Arbeit bezahlt werden muss. 

In der Testphase, in der Facebook nichts bezahlt, werden ihr aber wohl oder übel nicht darum herumkommen, Geld von Euren Spendern oder Förderern dafür zu verwenden. Immerhin steckt ihr Arbeitskraft in diese Tätigkeit.

Da müssen wir mal gucken, wie die Testphase aussieht. Das ist alles sehr vage. Ich werde auf jeden Fall darauf achten, dass kein Geld von Spendern an Facebook geht. Wir haben ja nicht nur einen Geldstrom, wir haben vier Hauptströme. Da ist einmal das Geld, das uns rund 2.000 Spender geben. Dann gibt es Stiftungen, die uns unterstützen, es gibt projektgebundene Mittel und es gibt einen Geschäftsbereich, den so genannten Zweckbetrieb. Mit dem Zweckbetrieb erwirtschaften wir auch Erträge und die können wir überall einsetzen. Es gibt aber auch immer noch andere Möglichkeiten. Was ich aber ausschließen kann ist, dass Geld von Spendern oder projektgebundenen Mitteln in irgendeiner Form für die Arbeit bei Facebook verwendet wird.

„Fake News“ ist ein äußerst schwammiger Begriff. Wie soll überhaupt objektiv definiert werden, was „Fake News“ sind und was nicht?

Es gibt eine unheimlich gute Definition dazu bei Poynter. Damit kann man relativ genau definieren, was Fake News sind. Klar bleiben auch dabei Ungenauigkeiten und Probleme. Im Kern geht es aber darum, dass wir nicht nach Meinungen suchen, sondern nach nachprüfbaren Fakten. So etwas wie: Die Kirche wurde angesteckt. Das kann man nachprüfen und wenn die Kirche noch unbeschädigt da steht, war es eine Lüge.

Übermedien.de hat neulich in einem Artikel das Beispiel gebracht: Die Grünen wollen Fleisch in deutschen Kantine verbieten. Das stammte aus einem alten Bild-Bericht über den angeblich von Grünen geforderten Veggie-Day. Das wäre ja auch eine falsche Faktenbehauptung.

Das ist vielleicht auch so eine Sache, die man überprüfen kann. 

Würdet Ihr also auch Meldungen von etablierten Medien, wie beispielsweise Bild, SZ oder Zeit, bei Facebook als Fake-News kennzeichnen, wenn diese nach den Poynter-Regeln Falschmeldungen sind?

Gute Frage. Ich glaube, das muss man sehen, wenn es soweit ist. Grundsätzlich kann alles geprüft werden. Gerade bei den klassischen Pressemedien haben wir aber schon eine ziemlich gut wirkende Selbstkontrolle. Da gibt es den Presserat, in den einzelnen Häusern gibt es Ombudsmänner, Leser-Beiräte und sonstige Sachen. Jeder macht mal einen Fehler. Da würde ich grundsätzlich darauf vertrauen, dass diese erprobten Instrumente der Selbstkontrolle funktionieren. Deswegen kann man sich die Arbeit an dieser Stelle wohl sparen. Wenn da einer großen Mist baut, landet das in der Regel beim Presserat.

Der Presserat ist aber ein Gremium, das sehr langsam arbeitet. Die würden sich irgendwann in einer Sitzung der Beschwerde annehmen und Wochen oder Monate später gibt es eine Rüge oder nicht, die von dem Medium veröffentlicht wird oder nicht. Bei diesem Kampf gegen „Fake News“ geht es aber ja gerade darum, dass eine schnelle Verbreitung von möglicherweise falschen Nachrichten verhindert wird. Das können Presserat, Ombudsmänner oder Leser-Beiräte überhaupt nicht leisten. Und wenn man die klassischen Medien bei der Fake-News-Prüfung ausschließen würde, wäre da ja von vornherein ein blinder Fleck.

Deswegen würde ich die klassischen Medien auch nicht von vornherein ausschließen. Das muss man sehen, wenn es soweit ist. Wenn man zum ersten Mal vor dem Tor steht, muss man entscheiden, ob man das Tor öffnet oder nicht. Erstmal würde ich aber auf die Selbstregulierung der Presse vertrauen. Wenn wir ehrlich sind, dann läuft die Korrektur ja auch nicht immer über den Presserat. Wenn die Bild-Zeitung etwas Falsches berichtet, dann steht das schnell im Bildblog oder woanders. Das ist im Prinzip auch ein Fake-News-Check. Das ist alles erprobt, warum sollen wir einen zweiten Bildblog machen?

Correctiv hat gemeinsam mit Cordt Schnibben die Reporter Fabrik gegründet, mit der Bürgerjournalismus gestärkt werden soll. Fake News werden aber ja auch oft von Bürgern in Umlauf gebracht. Wie soll denn sichergestellt werden, dass in dieser Reporter Fabrik nicht die Fake-News-Reporter der Zukunft ausgebildet werden?

Diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Je mehr Leute in der Lage sind, verlässliche Informationen zu erkennen, desto besser wird es möglich sein Fake News einzudämmen. Man hat dann nämlich schon vor Ort Leute, die in der Lage sind, Meldungen nachzuprüfen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess, der Jahre dauert. Die Leute können dann selbst vernünftig berichten, weil sie die Methoden und Standards kennen, die man braucht, um Geschichten zu erzählen. Dieses Ding mit Facebook ist eine kurzfristige Maßnahme. Die Reporter Fabrik ist langfristig angelegt. Damit wollen wir über Jahre hinweg dafür sorgen, dass die Qualität der Berichterstattung allgemein besser wird.

Roland Tichy hat Correctiv bei Twitter und auf seiner Website massiv kritisiert. Correctiv werde nun „eine Art Bundesprüfstelle für Fake-News“. Er hat auch die Finanzierung und Unabhängigkeit von Correctiv kritisiert, weil u.a. die Open Society Stiftung des Spekulanten George Soros und die Deutsche Bank zu Correctiv-Geldgebern gehört, Ihr aber auch schon sehr kritisch über die Sparkassen berichtet habt. Was sagt ihr zu dieser Kritik?

Tichy ist ein alter Mann. Das ist das Erste. Zweitens haben wir einen aktuellen Etat von rund 1,5 Millionen Euro im Jahr. Dazu gehört ein Comic Fellowship für Zeichner aus anderen Ländern, die zu uns kommen, um eine Investigative Reportage zu einer Graphic Novel zu machen. Dafür haben wir im letzten Jahr etwas über 26.000 Euro von der Open Society Foundation bekommen haben. Wenn Soros uns damit gekauft haben soll … alter Schwede … ganz dünnes Brett. Die Sache mit der Deutschen Bank: 2014 haben wir als eines der ersten Projekte bei Correctiv eine Recherche zu Sparkassen angefangen, weil die Kassen ein zentrales Thema für Kommunen sind. Da gibt es ganz viele Probleme, die lokale Redaktionen nicht aufdecken können. Da haben wir zwei Jahre an der Aufarbeitung der Sparkassenbilanzen und Risikobewertungen gearbeitet. Die Kosten für die Recherche lagen über die Jahre bei fast 200.000 Euro, wenn man alles zusammenzählt. Anfang 2016 haben wir die Deutsche Bank als finanziellen Förderer für unsere virtuelle Akademie gewonnen, aus der jetzt die Reporter Fabrik entstanden ist. Das haben wir öffentlich gemacht und jetzt tut der Tichy so, als wäre diese Zahlung der Deutschen Bank für ein Bildungsprojekt, der Grund, warum wir zwei Jahre vorher eine Sparkassen-Recherche angefangen haben.

Aber kann es nicht denkbare Konstellationen geben, bei denen es echte Interessenskonflikte gibt?

Ja klar, absolut. Deswegen veröffentlichen wir jede finanzielle Zuwendung über 1.000 Euro, damit jeder nachprüfen kann, ob Interessenskonflikte vorliegen und wer unsere Geldgeber sind. Falls es tatsächlich zu einem solchen Konflikt kommt, müssen wir reagieren. Das ist für uns ja auch ein Instrument zur Selbstkontrolle. Wenn wir einen Interessenskonflikt sehen, legen wir den offen und reagieren angemessen darauf. Welches andere Medium legt jeden Geldstrom über 1.000 Euro offen? Vielleicht Tichy?

Nochmal zurück zu Facebook: Haltet Ihr die Idee von Facebook, die Prüfung von möglichen Fake News an externe Medien zu vergeben, für den richtigen Weg? 

Ich glaube, dass ist sehr klug von Facebook. Wenn Facebook jetzt eine Redaktion aufbauen würde, würde aus Facebook eine Art internationale New York Times mit allen Konsequenzen. Dann müssten alle Beiträge auf Facebook so behandelt werden wie Kommentare bei Zeitungsartikeln. Ich glaube, das wäre das Ende von Facebook. Was ich auch gut finde ist, dass die nicht mit einem fertigen Konzept da rangehen sondern sagen: Wir haben ein Ziel, das wir erreichen möchten, nämlich die Verbreitung von Fake News einzudämmen. Und jetzt machen wir uns auf den Weg und schauen, wie wir das machen. Ein Grund, warum wir zunächst kein Geld nehmen ist ja auch, dass wir uns erstmal beschnuppern müssen. Wenn Facebook versuchen sollte, Einfluss auf uns auszuüben, dann sind wir sofort weg. Das ist einfacher, wenn man erstmal kein Geld bekommt.

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