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Die Fälle Tichy, Hensel, Lauer: die unheimliche Macht der asozialen Social-Media-Mobs

Immer neue Empörungswellen ziehen durchs Netz

Der Fall Roland Tichy und Xing ist leider typisch für den Zustand öffentlicher Debatten in Zeiten der Social Media. Es wird schnell, oft vorschnell mit einer Schärfe kommuniziert, die keinen Raum mehr lässt für Kompromisse oder echten Diskurs. Die Folgen einer enthemmten und entfesselten Debattenkultur im Social Web sind längst im echten Leben angekommen.

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Beim Web-Magazin „Tichys Einblick“ erschien ein Gastbeitrag des Philosophen und Finanzberaters Jürgen Fritz mit dem Titel „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten grün-linken Gutmenschen nicht diskutieren sollten“. Darin wird den so genannten „grün-linken Gutmenschen“ unterstellt, dass sie „geistig-psychisch“ krank seien, und es daher weder sinnvoll noch empfehlenswert sei, „sich auf größere Diskussionen mit ihnen einzulassen“. Der Autor führt dafür allerlei psychologische und philosophische Argumente an, denen man weder folgen muss noch etwas zur Sache tun.

Der Text wurde vielfach geteilt und gelesen und sorgte bei zahlreichen Lesern für Empörung. Diese mündete in einer Welle öffentlich erklärter Kündigungen von Xing-Premium-Accounts. Grund ist Roland Tichy, der Macher des Web-Magazins „Tichys Einblick“ und zugleich Herausgeber von Xing News ist. Über „Tichys Einblick“ konnte man ihn also nicht packen, der „Gutmenschen“-Text ist höchstwahrscheinlich auch nicht justitiabel, also ging man über Xing. Die Burda-Tochter äußerte sich zunächst gar nicht zu dem Phänomen und veröffentlichte am gestrigen Montag dann eine windelweiche Null-Stellungnahme, in der zur Kenntnis genommen wurde, dass Tichy seine Herausgeberschaft von Xing News niederlegt. Man bedankte sich und wünschte ihm „privat wie beruflich alles erdenklich Gute“. Kein Wort zum eigentlichen Vorgang. Nichts. Tichy selbst schreibt auf seiner Website in einer „persönlichen Erklärung“, dass es wegen des Textes sogar Morddrohungen gegen ihn gegeben habe. Er begründet das Niederlegen seiner Herausgeberschaft etwas ausführlicher:

Des weiteren startete eine massive Kampagne gegen Xing. Das kann ich nicht akzeptieren und gutheißen. Ich habe mit viel Engagement und Herzblut als Herausgeber von XING News gearbeitet und das Produkt mit aufgebaut. Die Vielzahl und die Breite des Spektrums der abgebildeten Meinungen bei XING Klartext haben gezeigt, dass es zu keinem Zeitpunkt zu inhaltlichen Überschneidungen gekommen ist. Klartext, die Firma Xing und seine Mitarbeiter sind mir ans Herz gewachsen. Ihnen zuliebe trete ich mit sofortiger Wirkung vom Posten des Herausgebers zurück.

Zuvor schon hatte Tichy den „Gutmenschen“-Text von der Website entfernt, sich für die Veröffentlichung entschuldigt und erklärt: „Unterstellung von Pathologie ist für TE (Anmerk. der Red.: „Tichys Einblick“) keine politische Diskussionsbasis. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich.“

Der Fall weckt Erinnerungen an die Aufregung um den #keingeldfürrechts-Shitstorm Ende vergangenen Jahres. Dabei ging es um eine Aktion von Gerald Hensel, der unter dem Hashtag #keingeldfürrechts darauf aufmerksam machen wollte, dass renommierte Firmen auch Werbung auf rechtsextremen Websites schalten. In einem begleitenden Blog-Text erwähnte er dann auch in größerem Zusammenhang Websites wie das Autorenblog „Achse des Guten“ oder „Tichys Einblick“, was von Tichy aber vor allem vom „Achse des Guten“-Macher Henryk M. Broder als Denunziation und Aufruf zum Anzeigenboykott aufgefasst wurde. Broder veröffentlichte eine ganze Reihe von Artikeln, in denen er mit Hensel und seiner Aktion abrechnete. In der Folge wurden Hensel und sein damaliger Arbeitgeber, die Agentur Scholz & Friends, Ziel eines massiven Shitstorms von Bedrohungen und Beleidigungen. Scholz & Friends stellte sich zwar – ganz anders als Xing – in einer Stellungnahme demonstrativ hinter den Mitarbeiter, Hensel entschloss sich aber trotzdem, seinen Job dort aufzugeben. Man hat sich halt geeinigt. So wie sich nun Tichy und Xing geeinigt haben.

Beide Stories sind sich in gewisser Weise ähnlich, auch wenn der Social Mob in beiden Fällen unterschiedliche Stoßrichtungen hatte. Im Fall von Hensel waren es Leute wie Broder und Tichy sowie Gegner von Hensels #keingeldfürrechts-Kampagne, die Stimmung machten. Im Falle Tichys waren es dann Leute, die Tichy für einen „Neurechten“ halten und über seinen Arbeitgeber Xing Druck auf ihn ausüben wollten. Genauso wie die Agentur Scholz & Friends attackiert wurde, um die Privatperson Gerald Hensel zu treffen. In beiden Fällen war der Mob mit seinem Primärziel erfolgreich. In beiden Fällen sind die Zielpersonen des Shitstorms ihre Jobs los, in beiden Fällen wurden sie mit üblichen Beschimpfungen und Bedrohungen bedacht. Dass in einem Fall ein angeblich „Linker“ die Zielscheibe war und im anderen Fall ein angeblich „Rechter“, macht es nicht besser. Egal ob links oder rechts – die Mittel von solchen Social Media Mobs gleichen sich und sind erschreckend wirkungsvoll.

Man muss den „Gutmenschen sind irre“-Text bei „Tichys Einblick“ weiß Gott nicht gut finden. Er mag unverschämt sein und überspitzt und womöglich unsinnig. Darüber kann man streiten und diskutieren. Justiziabel scheint er nicht. In dem Text wird niemand direkt persönlich beleidigt. Und ein ohnehin fragwürdiges Konstrukt wie „Gutmenschen“ ist wohl auch kaum eine klar zu definierende gesellschaftliche Gruppe. Man kann den Text auch als gezielte Provokation verstehen. Man kann sich darüber ärgern, dagegen argumentieren oder es lassen. Oder man kann eben einen Mob im Web anstacheln, um dem Herausgeber der Website, bei der dieser Text erschienen ist, möglichst effektiv Schaden zuzuführen.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann den umstrittenen Text hier nachlesen. Dass hier eine wie auch immer geartete Grenze überschritten wurde, fällt schwer zu erkennen. Bei „Tichys Einblick“ wurden schon andere polemische Texte veröffentlicht, die Beifall bei AfD-Anhängern oder „Merkel muss weg“-Rufern finden dürften, ohne dass es den Herausgeber gestört hat. Auf eine Anfrage, über das Thema zu sprechen, hat Roland Tichy leider nicht reagiert.

Es gehört zu den Dauerbrennern des Pegida-Lagers, dass ein linkes „Meinungskartell“, eine gesteuerte „Mainstreampresse“ vermeintliche unliebsame Wahrheiten angeblich unterdrückt und man bestimmte Dinge nicht hierzulande nicht sagen darf, ohne als Nazi verunglimpft zu werden oder Repressalien fürchten zu müssen. Der Fall Tichy/Xing dürfte Leute, die dieser Ansicht sind, bestätigen. Ein Artikel, der als anstößig empfunden wurde, ist nach massivem Druck gelöscht worden. Der Boykott der Firma, bei der der verantwortliche Journalist gearbeitet hat, zeigte Wirkung. Falls Pegidisten einen Nachweis für die Existenz eines „Meinungskartells“ gesucht haben, hier haben haben sie ihn. Das ist nicht gut.

Social Media hat ganz offensichtlich sehr handfeste Auswirkungen im echten Leben. Man kann einen Job verlieren, man kann Morddrohungen bekommen. Man kann erreichen, dass unliebsame Texte von Websites runtergenommen werden.

Noch ein aktuelles Beispiel: Der frühere Piraten- und heutige SPD-Politiker Christopher Lauer wurde Ziel eines Shitstorms, als er die Polizei nach dem aktuellen Silvester-Einsatz am Kölner Hauptbahnhof wegen angeblichen Racial Profilings kritisierte. Lauer bekam offenbar auch Morddrohungen, was selbstverständlich inakzeptabel ist. Er bekam aber auch eine Mail eines Sparkassen-Mitarbeiters, der ihn mit harschen Worten aber in der Form anständig kritisierte und ihm in dieser Mail erklärte, Lauers Äußerungen hätten dazu geführt, dass er und seine Bekannten nun ganz sicher die AfD wählen würden. Was macht Lauer? Er veröffentlicht Screenshots der Mail auf Twitter, zusammen mit einem Foto des Mannes von der Sparkassen-Website. Den Bedrohern und Beschimpfern kam er nicht bei, also packte sich Lauer denjenigen, den er packen konnte und stellte ihn an den Pranger.

Mit welchen Reaktionen ist denn zu rechnen, wenn ein Twitter-Schwergewicht wie Lauer mit über 35.000 Followern jemanden mit Namen und Foto seiner Anhängerschaft als AfD-Wähler präsentiert? Dass die Leute keine Grußkarten in die Sparkasse schicken, war klar. Die Tochter des Sparkassen-Mitarbeiters meldete sich offenbar extra wegen dieser Geschichte bei Twitter an und berichtete von einem Spießrutenlauf für den Vater und die Familie. Außerdem sei der Vater nunmehr von seinem Job freigestellt. Lauer selbst hat dann immerhin nach eigenen Angaben bei der Sparkasse angerufen und darum gebeten, dass der Mann seinen Job nicht verlieren soll. Den Pranger-Tweet hat Lauer inzwischen gelöscht. Die Sparkasse teilte später mit, dass der betreffende Mitarbeiter nicht freigestellt worden sei. Man habe einvernehmlich vereinbart, „ihm ein paar Tage Urlaub zu gewähren“.

Die Wirkungen von solchen Social-Media-Kurzschluss-Aktionen oder Empörungs- und Boykottwellen sind unberechenbar, aber sie sind immer zerstörerisch. Es ist dringend an der Zeit, dass wir die Art, wie wir online miteinander umgehen, in zivilisiertere Bahnen lenken. Nur wie?

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