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„Debatte am falschen Ort zur falschen Zeit“: Medien-Echo zu Peter-Kritik am Silvester-Einsatz der Polizei

Grünen-Chefin Simone Peter

Nafri: „Ein Wort macht Karriere“, stellt Hans-Jürgen Jakobs in seinem Handelsblatt-Morning-Briefing treffend fest. Die Debatte um den Silvester-Einsatz der Polizei in Köln und den dazugehörigen „Nafri“-Tweet beschäftigt die Medien. Dabei konzentrieren sich die Kommentatoren auf zwei Bereiche: Die Abkürzung für die „Nordafrikanischen Intensivtäter“ und die Kritik der Grünen-Chefin Simone Peters. Vor allem von der Bild muss sich die Politikerin diesmal einiges anhören.

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Bild-Chefredakteurin Tanit Koch findet es „besonders schäbig“, wenn Grünen-Chefin Simone Peter auf die Beamten losgeht, „die ein zweites „Köln“ zu verhindern hatten“. Weiter schreibt sie: „Wenn die Grünen sich nicht endlich solch fundamentalistischer Anti-Polizei-Reflexe entledigen, disqualifizieren sie sich für jede Bundesregierung.“

Franz Josef Wagner schreibt seine tägliche Post diesmal an die “Liebe Kölner Polizei“. „Vor einem Jahr wurde die Kölner Polizei kritisiert, weil sie die sexuellen Übergriffe nicht verhindert hat. Heute wird die Kölner Polizei kritisiert, weil sie Menschen kontrolliert hat. Vor einem Jahr wurden Hunderte Frauen Opfer sexueller Gewalt von Männern, nach ihrem Aussehen Nordafrikaner.“ Seine Brief kommt zu dem Fazit: „Liebe Tugend-Tante Simone Peter, unser Leben ist nicht Rohkost, Yoga, Butter. Wir müssen unser Leben verteidigen.“

Die harte Berichterstattung der Bild selbst wird jedoch auch ebenfalls kritisiert. So twitterte etwa Stefan Niggemeier:

In der taz beschäftigt sich Dinah Riese mit dem Begriff „Nafri“: „Die Empörung in den Sozialen Medien kann die Kölner Polizei nicht nachvollziehen. Denn „Nafri“ bezeichne nicht etwa nur Straftäter, sondern ganz generell auch „Menschen eines bestimmten Phänotyps“. Diese nachträgliche Erklärung macht den Tweet sogar noch schlimmer. Denn damit gesteht die Polizei ganz eindeutig ein, dass ihr Verdacht auf der – vermuteten – ethnischen Abstammung beruht.“ Sie kommt zu dem Schluss: „Polizeipräsident Mathies räumte am Montag ein, diese „interne Bezeichnung“ sei „sehr unglücklich verwendet hier in der Situation“. Doch alle nachträglichen Erklärungen helfen nichts: Das Tweet der Kölner Polizei lässt sich nur rassistisch nennen.“

Im Morning Briefing des Handelsblatt stellt Hans-Jürgen Jakobs fest, dass ein Wort Karriere mache: „„Nafri“ kannten bis Silvester nur Polizisten. Nun weiß ganz Deutschland, dass Ordnungshüter so „nordafrikanische Intensivtäter“ nennen. Schlimmer als dieser Begriff ist jedoch, dass auch 2016 – wie im Jahr zuvor – große Gruppen alkoholisierter Männer nach Köln reisten und Exzesse vor dem Hauptbahnhof drohten. Der Respekt für die geleistete Polizeiarbeit ist bei weitem größer als der Zweifel über die Wortwahl „Nafri“.“

Auch die FAZ widmet sich dem „Codewort Nafri“. So erklärt er: „Auch die Polizeisprache hat ihre eigene, manchmal sogar noch von politischer Korrektheit ungetrübte Logik. Gleichwohl ist Nafri mehr als eine technische Abkürzung.“ In seinem Kommentar erklärt Daniel Deckers: „Von einer Sensibilität für mögliche Korrelationen bis zu „institutionellem Rassismus“ ist es ein weiter Weg. Wenn linke Politiker wie Frau Peter lieber geistige Abkürzungen nehmen, dann bestätigen sie nur die geistigen Brandstifter am rechten Rand, vor denen sie die Gesellschaft doch schützen wollen. Das ist das Problem.“

In seinem Morning Briefing nimmt Rene Pfister, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, die Nafri-Debatte zum Anlass darauf hinzuweisen, dass sich in den Verlautbarungen der Behörden auf Twitter „ein merkwürdiger Ton eingeschlichen“ habe. „Das Wort „Nafri“, Ermittlerjargon für „Nordafrikaner“ oder „nordafrikanische Straftäter“, ist da nur ein Beispiel. Als das Auswärtige Amt vor zwei Tagen seine Bestürzung über den Anschlag in Istanbul zum Ausdruck bringen wollte, endete die Kurznachricht mit einem Emoji, dem eine Träne aus dem Augenwinkel quoll.“ Pfister schreibt: „Ich verstehe ja, wenn der deutsche Beamte mal flapsig oder emotional sein will. Aber mir wäre wohler zumute, er spräche mit mir genauso nüchtern, wie er hoffentlich seine Arbeit verrichtet.“

In seinem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung schreibt Heribert Prantl: „Die Kritik am Einsatz der Polizei in der letzten Silvesternacht erhebt den Vorwurf der beabsichtigten Diskriminierung. Der Polizeieinsatz sei unverhältnismäßig gewesen, er habe nordafrikanische Männer zu Hunderten rassistisch behandelt. Das ist falsch. Der Polizeieinsatz in Köln war verhältnismäßig, die Debatte darüber ist es allerdings nicht. Es ist eine Debatte am falschen Ort zur falschen Zeit und zum falschen Anlass. Wann je sollen Kontrollen notwendig sein, wenn nicht hier und aus diesem Anlass, ein Jahr nach den Ausschreitungen auf der Domplatte?“

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