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„Merkel wirkt erschöpft“ und „ziemlich ratlos“: die Medienstimmen an Tag zwei nach dem Anschlag

Der gestrige Tag nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin hätte eigentlich im Zeichen der Trauer stehen sollen. Stattdessen sahen die meisten Kommentatoren überforderte Politiker, eine erschöpfte und ratlose Merkel, eine misslungene Polizei-Aktion und eine unpassend polternde AfD. Zudem beschäftigen sich die Leitartikel mit der Reaktion von Horst Seehofer („Verlierer des Tages“ bei SpOn).

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Für Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblattes, war gestrige Tag „an Trostlosigkeit nur schwer zu überbieten“. So hätten alle Politiker „gesprochen und keiner hat etwas gesagt. Der Berliner Betrieb produzierte eine Überdosis Ohnmacht, derweil der Täter des Anschlags vom Weihnachtsmarkt sich weiter auf der Flucht befindet.“ Sein gesamtes Morning Briefing ist eine ruhige, aber sehr wütende Betrachtung, die zu dem Schluss kommt: „So findet der Anschlag vom Breitscheidplatz seine Fortsetzung auf dem Territorium des Politischen. Die Kanzlerschaft der Angela Merkel wirkt erschöpft. Der schwarze Sattelschlepper räumte mehr ab als nur die Stände mit Mandeln und Lebkuchen.“

Für den Politik-Chef der Bild, Nikolaus Blome, sind diese Tage eine „Prüfung für Merkel“. Denn gerade jetzt kommt es „besonders auf die Politiker an: Ob sie die Terror-Lage rasch in den Griff bekommen. Ob sie vorschnelle Antworten vermeiden und ehrliche geben. Ob sie die richtige Mischung aus Härte und Mitgefühl im Umgang mit Flüchtlingen wie Migranten finden – und damit auch tief frustrierte, verunsicherte Bürger der deutschen Demokratie erhalten. Die Politik, vor allem aber die Regierung, muss als erste die Klammer sein, die das Land zusammen hält.“ Weiter schreibt er: „Eine gezeichnete Kanzlerin muss zeigen, ob sie die Kraft zu dieser Klammer hat. Das wird schwer: Auf ihren lange gewohnten Vertrauens-Vorschuss kann sie bei weitem nicht mehr so sicher zählen wie vor zwei Jahren noch. Daran trägt gewiss nicht sie allein die Schuld. Aber viele im Land projizieren ihre Wut, ihre Angst auf Angela Merkel, auf sie persönlich.
So wird es auch ihr schwerster Test. Und das Ende ist offen.“

In ihrer Morgenpost erklärt die stellvertretende Leiterin des Hauptstadtbüros des Spiegels, Christine Hoffmann, Horst Seehofer zum „Verlierer des Tages“: „Am Morgen nach dem Berliner Anschlag wartete der bayerische Ministerpräsident noch nicht einmal erste Ermittlungsergebnisse ab, bevor er forderte, die gesamte Zuwanderungspolitik „zu überdenken und neu zu justieren“. Seehofer will die Bluttat von Berlin nutzen, um seine Forderung nach einer Obergrenze für Flüchtlinge durchzusetzen. Das ist billig.“
In der Süddeutschen watschte zum einen Heribert Prantl Seehofer für dessen Äußerungen ab: „„Seehofer missbraucht das Attentat von Berlin, um gegen Merkels Flüchtlingspolitik Stimmung zu machen“, kritisiert Prantl. „Das ist böse und perfide“.

Zum anderen schreibt Chefredakteur Kurt Kister, dass sich Deutschland „nicht im Krieg“ befinde. „Leider bringen schlimme Zeiten auch das Schlechte in manchen Menschen zum Vorschein. Das wird zum Beispiel daran erkennbar, dass etliche, noch bevor das Blut getrocknet ist, den Mord an anderen Menschen politisch zu instrumentalisieren versuchen. Da gibt es jene Extremisten, die nahezu gewohnheitsmäßig von „Merkels Toten“ schreien. Aber es sind eben auch Leute wie der saarländische CDU-Innenminister Klaus Bouillon, der erst mal vom „Kriegszustand“ faselt, bevor er selbst erkennt, dass es zwischen dem Terrorismus in Berlin und dem Massentöten in Aleppo Unterschiede gibt.“

In der taz ruft Bettina Gaus erst einmal zu Gelassenheit auf: „In Berlin ist geschehen, was schon lange zu befürchten stand. Ein Akt brutaler Gewalt. Die einzig wirksame Gegenwehr: Gelassenheit. Nach wie vor ist das Risiko weit höher, bei einem Verkehrsunfall zu sterben, als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Dennoch werden Autos nicht verboten. Beim Umgang mit potenziellen Gefahren geht es immer um Güterabwägung. Nie um absolute Sicherheit.“

In der FAZ kritisiert Michael Hanfeld die Reaktion der öffentlich-rechtlichen Sender am Abend des Anschlages. Diese agierten seiner Einschätzung nach „in einer Weise zurückhaltend, die – sehen wir einmal von RTL ab – ans Absurde grenzt“. „Das Wort des Abends ist „Spekulation“. Man dürfe nicht „spekulieren“, jede „Spekulation“ verbiete sich, man verbreite und interpretiere nur Informationen, die „gesichert“ seien. So sagen es Ingo Zamperoni (der an diesem Abend kein Bein auf den Boden bekommt) und Georg Mascolo in der ARD, Marietta Slomka und Elmar Theveßen im ZDF und Ilka Eßmüller und Peter Kloeppel bei RTL. Das ist die Lehre, welche die Sender aus der Nacht des 22. Juli gezogen haben“.

Damals hatte ein Achtzehnjähriger im Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen ermordete und die Sender spekulierten wild. „Das ist jetzt anders“. Diesmal seien die Öffentlich-Rechtlichen zu vorsichtig gewesen.

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