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“Nachrichten müssen stimmen, sonst werden sie missbraucht”: Bild.de-Chef Reichelt über Medienverantwortung bei der Berlin-Berichterstattung

Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt, Debatte um Versäumnisse bei der Berlin-Berichterstattung: “Der falscheste Zeitpunkt, um Medien- oder Kollegenschelte zu üben”
Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt, Debatte um Versäumnisse bei der Berlin-Berichterstattung: "Der falscheste Zeitpunkt, um Medien- oder Kollegenschelte zu üben"

Als eines der ersten großen Nachrichten-Portale berichte Bild.de groß und mit voller redaktioneller Kraft über den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Dabei nutzt Bild.de wie kein anderer Konkurrent auch Facebook-Live. Im MEEDIA-Interview erklärt Chefredakteur Julian Reichelt seine journalistische Strategie und warum es der denkbar schlechteste Zeitpunkt für Medienkritik ist. Reichelt ist davon überzeugt: „Nichts trägt mehr zur Besonnenheit in solchen Situationen bei, wie dem Informationsbedürfnis der Menschen nachzukommen.“ Denn: „Wir dürfen die Menschen nicht mit ihren Fragen, Ängsten, Sorgen - und auch ihrer Wut, alleine lassen.“

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Sie haben bis eben noch eine Facebook-Live-Sendung zum Anschlag von Berlin für die Bild moderiert. Eigentlich macht die Bild da ja fast schon Fernsehen…
Als Fernsehen würde ich das ausdrücklich nicht bezeichnen. Wir gehen einen völlig anderen Verteilweg. Wir kommen auf die Smartphones der Menschen. Aber immer nur dann, wenn sie wirklich das Bedürfnis haben, uns zu sehen. Auch immer nur dann, wenn wir das Gefühl haben, dass es journalistisch geboten und relevant ist und nicht zu festen Sendezeiten oder nach irgendwelchen Schemata.

Das heißt: Sie gehen nur live, wenn es auch – zumindest nach ihrer Meinung – was zu berichten gibt?
Ja. Nur daran richten wir unsere Berichterstattung aus.

Wie viele Zuschauer erreicht die Bild über dieses Format?
Das derzeit extrem starke Informationsbedürfnis stellt sich bei uns ‎in hoch siebenstelligen Viewer-Zahlen dar.

Sieht genauso eine mögliche Zukunft des Online-Journalismus aus?
Es geht darum, über eine Vielzahl an Wegen die Leser und Zuschauer zu erreichen. Und Facebook-Live ist einer davon. Wir sehen aber auch, dass es ein großes Bedürfnis nach bewegten Bildern gibt.

Warum scheint das so zu sein?
Ich erkläre mir das so, dass in einer Lage, in der das Informationsbedürfnis extrem hoch ist, die Menschen diese Form der Berichterstattung möglichst schnell konsumieren und verarbeiten können. Wir können komplexe Sachverhalte so sehr komprimiert vermitteln. Allerdings ist Bewegtbild natürlich nicht die einzige künftige Darreichungsform. Auch hier gilt wohl: der Mix der unterschiedlichen Berichterstattungsformate macht es. Anders könnten wir auch gar nicht die größtmögliche Reichweite erreichen.

Um die geht es Ihnen trotz allem?
Natürlich. Das Informationsbedürfnis ist ja gerade jetzt extrem hoch. Höher könnte es wohl kaum sein und nichts trägt mehr zur Besonnenheit in solchen Situationen bei, als dem Informationsbedürfnis der Menschen nachzukommen. Wir dürfen die Menschen nicht mit ihren Fragen, Ängsten, Sorgen – und auch ihrer Wut, alleine lassen. Wir müssen all unsere Kraft, unsere Reporter und Recherche-Power aufwenden, um belastbare Fakten zu schaffen. Denn gesicherte Informationen können den Menschen auch Sicherheit vermitteln.

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Verstehe ich das richtig: Sie plädieren dafür, möglichst viel möglichst schnell zu berichten?
Nicht ganz. Ich plädiere dafür möglichst schnell möglichst viel Richtiges zu berichten.

Ist das auch eine Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern, die sich am gestrigen Montag viel Zeit gelassen haben, bevor sie über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt berichtet hatten?
Das ist jetzt der falscheste Zeitpunkt, um Medien- oder Kollegenschelte zu üben. Das, was uns ausmacht, auch als Staat und Gesellschaft, ist die Vielfalt von Medien. Übrigens: Das ist auch etwas, was bei den Menschen, die solche Anschläge begehen, so verhasst ist: Vielfalt. Genau dieses Pluralistische wurde auch hier angegriffen. Deshalb wäre es das Falscheste, jetzt aus Sicht von einzelnen Medienmarken zu sagen, die haben das falsch gemacht, wir haben das richtig gemacht. Das ist die Freiheit jeder Redaktion. Und genau diese Freiheit wird von solchen Terroranschlägen angegriffen.

Was ist medial dann das richtige Vorgehen?
Es geht darum, Nachrichten möglichst schnell zu verbreiten. Natürlich immer unter der absoluten Maßgabe, dass die Informationen gesichert sind. Gerade in einem Umfeld, das zur Hysterie neigt. Gerade vor dem Hintergrund der tiefen Spaltung, was die Meinung zur Flüchtlingspolitik betrifft, ist es wichtig, dass die Nachrichten auch stimmen. Denn sonst werden sie zur Meinungsmache missbraucht.

Sehen Sie die Gefahr, dass populistische Kräfte eine solche Nachrichtenlage nutzen? Was können die Medien dagegen tun? Oder anders: Ist es überhaupt die Aufgabe der Medien etwas dagegen zu tun?
Allein beim Blick auf die entsprechenden Social-Media-Accounts sehen wir jetzt schon, wie die populistischen Kräfte versuchen, die Situation für sich zu nutzen. Ich glaube aber, dass wir als Medien keinen Bildungs- und Erziehungsauftrag haben und den Leuten nicht sagen sollen, was sie denken und teilen dürfen. Unser Auftrag ist es, denn Leuten zu sagen, was geschehen ist. Aus Fakten kann man durchaus Emotionalität abbilden. Aber niemals aus Emotionen Fakten. Fakten können durchaus die Grundlage für Emotionen sein. Aber niemals anders herum.

Gibt es trotzdem eine Empfehlung, die Sie an die Politik richten können?
Es gehört natürlich zu unseren Aufgaben, Vorschläge zu unterbreiten und das Geschehen zu kommentieren. Da sehe ich vor allem zwei Bereiche: eine Sicherheitsdebatte und die Diskussion um die Flüchtlingspolitik. Zu beiden Themen haben wir alle Rechte, uns zu äußern.

Und wenn Sie sich entscheiden müssten?
Dann stünde so kurz vor Weihnachten für mich die Frage nach der Botschaft im Vordergrund. Wer auch immer diesen Truck gesteuert hat, die Botschaft ist seit dem 11. September die gleiche: Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Meine Botschaft ist allerdings: Ihr habt nichts zu bieten außer den Tod. ihr schafft nichts für die nachfolgenden Generationen, ihr schafft nichts, was die Welt begeistert oder fasziniert. Ihr schafft nichts, was die Welt kaufen will oder was nachhaltig ist. Ihr schafft nichts, was die Gesellschaften bereichert. Ihr braucht einen Truck, um einen Weihnachtsbaum aus Pappmasche kaputt zu machen. Wir sind die diejenigen die schaffen, kreieren und Ideen haben. Unsere Botschaft muss sein, dass unser Gesellschaftsmodell nicht nur am Ende, sondern jeden Tag siegt.

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Alle Kommentare

  1. @ k.Einer: Welche Nachrichten und Fakten über das Massaker auf dem Berliner Weinhnachtsmarkt, bitteschön, über die bild.de berichtet hat, haben denn nicht gestimmt?

  2. @lothar:
    Es ist Stilmittel des Boulevardjournalismus in Überschriften und Einleitungen unbestätigte Informationen als Fakten darzustellen und diese dann im Artikel teilweise zu revidieren. So auch die Bild.de Berichterstattung in diesem Fall. Diese Art der Berichterstattung ist zweifelhaft und steht im Widerspruch zu den Aussagen hier im Interview.

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