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Türkisches Weihnachtsverbot: CDU-Politiker watscht Medien voreilig ab und kassiert verbale Ohrfeige von Spiegel-Reporter

Verwirrung um Weihnachtsverbot: Spiegel-Reporter Hasnain Kazim (l.), CDU-Politiker Ruprecht Polenz, Grinch Erdogan

Das Weihnachtsverbot an der türkischen Elite-Schule Lisesi beschäftigt Politik und Medien. Auf Facebook hat der CDU-Politiker Ruprecht Polenz Medien dafür kritisiert, die dpa-Meldung vom „Weihnachtsverbot“ ungeprüft übernommen zu haben. Nach dem Dementi der Schule erwarte er nun „wenigstens eine Recherche – und eine Klarstellung“. Spiegel-Reporter Hasnain Kazim fand die richtigen Worte für die voreiligen Vorwürfe des Politikers.

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Ruprecht Polenz (CDU) schrieb bei Facebook:

Dabei war es Polenz, der offensichtlich nicht recherchierte, bevor er bei Facebook veröffentlichte. Mehrere Medien, so auch die dpa, hatten immerhin die E-Mail mit der Anweisung des so genannten „Weihnachtsverbots“ der Schulleitung vorliegen. In der Mail heißt es wörtlich:“Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird.“

Die Lisesi-Schule veröffentlichte nach der Aufregung um das „Weihnachtsverbot“ am Sonntagabend eine Stellungnahme, in der ein solches Verbot bestritten wurde. Deutsche Lehrer hätten im Unterricht aber „vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“. Die Lehrer hätten dabei Aussagen gemacht, „die von außen betrachtet den Weg für Manipulationen freimachen“. Die Schulleitung habe daraufhin die deutschen Lehrer aufgefordert, solche „Gerüchte“ nicht zu befördern und im Sinne der „Zusammenarbeit der beiden Länder“ Sensibilität zu zeigen. Eine mit nebulösen Formulierungen gespickte Stellungnahme, die viel Raum für Geraune lässt aber maximal unkonkret bleibt. Die Existenz der ursprünglichen Anweisung wird nicht klar dementiert.

Spiegel-Reporter Hasnain Kazim fand die richtige Erwiderung auf die Vorwürfe von Polenz. Zunächst wies er darauf hin, dass die Übernahme einer dpa-Meldung per se nicht journalistisch verantwortungslos ist, denn: „Es ist ja gerade Sinn und Zweck einer Nachrichtenagentur, dass man davon ausgehen kann, dass ihr Material journalistisch korrekt zustande gekommen ist. Dafür verfügt sie über ein großes, hoch professionelles Journalistennetz.“ Und außerdem: „Zweitens kam uns diese Meldung so krass vor (wenn auch ins Bild der AKP-Türkei passend), dass wir sie doch überprüft und Kontakte zur Schule bemüht haben (Wie kommen Sie eigentlich dazu zu behaupten, es habe sich „niemand die Mühe gemacht, bei der Schule anzurufen“? Haben Sie das recherchiert? Oder glauben Sie das nur und stellen das als Tatsache dar?“

Man hat bei Spiegel Online also durchaus nachgefragt und vermutlich auch bei anderen Medien. Bei den Nachfragen haben deutsche Lehrer an der Lisesi-Schule aber das „Weihnachtsverbot“ eben bestätigt. Kazim schließt mit den Worten an Ruprecht Polenz: „Seien Sie versichert, dass wir weiter recherchieren und sogar Anrufe in dieser Sache tätigen.“

Von Seiten der Politik ist es unverantwortlich, in solcher Form „Lügenpresse“- und „Fake-News“-Vorurteile zu schüren, wie Polenz dies mit seinem Facebook-Posting tat.

Bei der Welt wurde übrigens bereits ein sehr gelungenes Titelbild zum Thema vorbereitet – mit der Figur Grinch, die Weihnachten stiehlt und das Gesicht des türkischen Staatspräsidenten Erdogan trägt. Wie Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt erklärt, entschied man sich nach dem halbscharigen Dementi der Schule für ein anderes Motiv. Schade eigentlich.

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