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Express-Chefredakteur verzweifelt gesucht: DuMont und die schwierige Besetzung eines einstigen Topjobs

Die schwierige Verpflichtung eines Digital-Experten: Express-Geschäftsführer Philipp M. Froben sucht einen Nachfolger für Chefredakteur Carsten Fiedler (r.)
Die schwierige Verpflichtung eines Digital-Experten: Express-Geschäftsführer Philipp M. Froben sucht einen Nachfolger für Chefredakteur Carsten Fiedler (r.)

Ab Januar übernimmt Carsten Fiedler, bislang Chefredakteur des Kölner Express, die Leitung des DuMont-Schwesterblatts Kölner Stadt-Anzeiger. Am Freitag wurde der Belegschaft sein Nachfolger verkündet: Ex-Online-Chef und Verlagsmanager Thomas Kemmerer soll den Boulevardtitel führen – allerdings nur kommissarisch. Die Suche nach einem dauerhaften Chefredakteur scheint für DuMont mühselig zu sein.

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Angesichts der langen Vorbereitungszeit hätte man sich bei DuMont in der vergangenen Woche wohl gewünscht, nicht nur den Abschied des langjährigen Chefredakterus des Kölner Stadt-Anzeiger, Peter Pauls, zu feiern, sondern auch die Bekanntgabe eines neuen Chefredakteurs für den bekanntesten Zeitungstitel des Hauses: den Kölner Express. Dessen Chefredakteur Carsten Fiedler soll ab Januar die Arbeit von Peter Pauls übernehmen, und er hinterlässt eine Lücke in der Führungsriege des Boulevardtitels – eine Lücke, die so einfach offenbar nicht zu schließen ist. Nicht weil Fiedlers Arbeit als Blattmacher und Redaktionsmanager so herausragend gewesen wäre, dass seine Fußabdrücke für den Nachfolger als zu groß erschienen, sondern offenbar aufgrund mangelnden Interesses potentieller Kandidaten für den Topjob bei dem traditionsreichen Boulevardtitel.

Seit Anfang September ist offiziell bekannt, dass der Chefsessel in der Boulevardredaktion in Köln Niehl ab 2017 vakant sein wird. Seit also mindestens vier Monaten ist der Verlag auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger (oder Nachfolgerin) und führt immer mal wieder Gespräche – bislang ohne Erfolg. Die Suche sei noch nicht abgeschlossen, bestätigte ein Unternehmenssprecher vor wenigen Tagen gegenüber MEEDIA. Doch man sei sich sicher, die Stelle in nächster Zeit besetzen zu können.

Bei der Suche konzentriert man sich dem Vernehmen nach nicht mehr auf Qualitäten eines Blatt-, sondern eines Seitenmachers. Entsprechend der “digitalen Transformation”, die das Management vor einigen Jahren ausgerufen hat, soll der nächste Express-Chefredakteur ein ausgewiesener Digital-Experte sein. Die Strategie ergibt durchaus Sinn. Der digitale Wandel mit all seinen Schattenseiten trifft das Kölner Regionalblatt so heftig, wie man es sonst nur aus dem umkämpften Zeitungsmarkt in Berlin kennt. Allein im vergangenen Jahr verlor der Express 11,7 Prozent an gedruckter Auflage (IVW III/16), die sich noch knapp über 100.000 Exemplaren hält. Inklusive E-Paper verkauft DuMont noch 117.101 Exemplare. Vor zehn Jahren lag die gesamte Auflage bei noch 220.801 Stück (-46,97 Prozent). Die Zahlen wirken sich auch auf das Wirtschaftliche aus. Der Express, so heißt es, sei nicht mehr rentabel.

Die negative Geschäftsentwicklung könne von den digitalen Umsätzen zwar gebremst, aber nicht kompensiert werden, erklärte Geschäftsführer Philipp M. Froben zuletzt vor wenigen Monaten. Entsprechend verordnete das Management seinem Boulevardtitel eine erneute Schlankheitskur und baut unter anderem Stellen (im Layout der Zeitung) ab. Ein integrierter Newsroom soll die Steuerung der Gattungen Print und Online einfacher gestalten, im Gegenuzug zum Auflagenverlust soll die bereits ordentliche Reichweite des Portals Express.de weiter maximiert werden. Um dies zu erreichen, will man jemanden einstellen, der von Boulevard- und Peoplejournalismus genauso viel versteht wie von Reichweitenmaximierung und Markenarbeit.

Neben der Auflagenentwicklung hat in den vergangenen Jahren vor allem das letzte Attribut, die Markenkraft des Express, gelitten. Während Deutschlands zweitgrößtes Boulevardblatt vor einigen Jahrzehnten vor allem für Peoplejournalisten noch zur Pflichtlektüre direkt hinter der Bild-Zeitung gehörte und häufig überregional von sich Reden machte, gelingen heute kaum noch bundesweite Schlagzeilen. Die Gründe liegen auch dafür in der allgemeinen Printkrise. Im Zuge sinkender Auflagen und schwindender Werbeumsätze entschloss man sich, den Markenkern auf das Lokale und den (lokalen) Sport zu legen. In den vergangenen Jahren wurde der Umfang überregionaler Berichterstattung reduziert, für die Produktion schaffte man Synergien mit den verwandten Boulevardtiteln Berliner Kurier und Hamburger Morgenpost. Darüber hinaus litt auch das Profil, wie langjährige und ehemalige Mitarbeiter dem Blatt vorwerfen. Man habe sich nicht mehr darauf konzentriert, was relevant sein könnte, sondern was den persönlichen Interessen der Chefredaktionen entsprach.

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Im geografisch unbegrenzten aber dafür viel umkämpfteren Markt für Online-Medien scheint man diese Relevanz zumindest in Teilen wiederherstellen zu wollen. Obwohl der Express im Online-Segment zumindest reichweitentechnisch gute Voraussetzungen geschaffen hat, scheint der Posten für bisherige Wunschkandidaten allerdings keine Attraktivität zu besitzen. Vielleicht aber denkt man in Köln auch in zu großen Dimensionen, wie die Namen einiger Kandidaten zeigen, auf die man in den vergangenen Wochen zugegangen ist. Nach Informationen von MEEDIA hat man mithilfe einer Headhunting-Agentur den Kontakt zu namhaften Online-Chefs gesucht. Auf der Wunschliste sollen dabei Kandidaten wie Sebastian Matthes von der Huffington Post Deutschland oder Philipp Jessen, Chefredakteur von stern.de, ganz oben gestanden haben. Auch daraus lässt sich ablesen, wie man sich bei DuMont die Weiterentwicklung der Traditionsmarke wünscht.

Beide Journalisten haben ihre Portale in den vergangenen Jahren weit nach vorne gebracht und wären vielversprechende Personalien, die in Anbetracht des Status Quo allerdings reichlich hoch gegriffen scheinen.  Jessen hat jahrelange Führungserfahrung und das Händchen für aufmerksamkeitsstarke Themen. Als ehemaliger Chefredakteur der Bravo versteht der Ende 30-Jährige von jungen Zielgruppen genauso etwas wie vom Boulevard- und Peoplejournalismus, den er bei Bild und später als stellvertretender Chefredakteur und Online-Chef der Gala gemacht hat. Eine Führungspersönlichkeit solchen Kalibers würde dem Express eine neue Farbe geben, ist aber gleichermaßen abwegig. Jessen, der in den vergangenen Jahren stern.de ausgebaut und den Traffic gepusht hat, ist erst vor wenigen Monaten zum Mitglied der stern-Chefredaktion berufen worden. Der Wechsel zu einer kriselnden Regionalzeitung ist undenkbar.

Gleiches gilt für Matthes, der vor drei Jahren als Gründungschefredakteur der Huffington Post Deutschland angetreten ist und das Online-Only-Angebot zu einem der reichweitenstärksten Portale Deutschlands (Top 15) gemacht hat. Zwar liegt Express.de in der Reichweite vor der HuffPo, allerdings – so heißt es aus seinem Umfeld – fühle sich Matthes in seiner derzeitigen Rolle und in der Online-Welt sehr wohl. Beide Kandidaten sollen sehr schnell deutlich gemacht haben, für die angebotene Herausforderung nicht zur Verfügung zu stehen. Gleiches soll Rainer Leurs geantwortet haben, der erst im vergangenen Jahr aus der Entwicklungsredaktion von Spiegel Online zur Rheinischen Post wechselte, um dort als Redaktionsleiter die Online-Aktivitäten zu verantworten. Eine Reihe von Absagen, die auch Indiz für den Image-Verfall eines einst unter Boulevard-Journalisten hochattraktiven Blattmacher-Jobs sind.

Ist man bei DuMont nicht bereit, seine Ansprüche etwas zu reduzieren und vielleicht auf jemanden aus zweiter oder dritter Reihe zurückzugreifen, könnte Kommissar Thomas Kemmerer länger im Amt bleiben als angenommen. Fachlich gesehen spricht zudem einiges dafür, den Journalisten langfristig zum Nachfolger von Carsten Fiedler zu machen. Kemmerer, dem Zielstrebigkeit und “großes Karrierebewusstsein” nachgesagt werden, hat Express.de in den ersten Jahren erfolgreich verantwortet und später sogar die redaktionelle Verantwortung aller digitalen Angebote der DuMont-Mediengruppe übernommen. Zuletzt wurde sein Einfluss aber begrenzt, in dem man ihm die Geschäftsführung der Rheinland Media 24 GmbH, in der neue Redakteure der Kölner Titel eingestellt werden, übertragen hatte.

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Alle Kommentare

    1. haha dacht ich mir auch grade… völlig überraschend will der Fiedler die Fackel weitergeben, kurz bevor sie erlischt… ein Blick auf die Verkaufszahlen muss jeden klar denkenden Menschen zeigen, dass der Express nicht mehr gesundet. Und die Zahlen sind bei DuMont traditionell geschönt (drucken mehr als sie ausliefern).

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