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Nachrichtenwert “Flüchtling”: Wer im Pressekodex eine Bevormundung sieht, hat ihn nicht verstanden

Prof. Dr. Marlis Prinzing erklärt aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht, wieso derzeit Straftaten von Flüchtlingen bundesweit Schlagzeilen machen
Prof. Dr. Marlis Prinzing erklärt aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht, wieso derzeit Straftaten von Flüchtlingen bundesweit Schlagzeilen machen

Vergewaltigungen in Freiburg, Bochum und jetzt Hamburg haben zu einer breiten Mediendebatte geführt: Wie berichtet man über solche Fälle, bei denen mutmaßlich Flüchtlinge die Täter sind? Für MEEDIA hat die Journalismus-Forscherin Prof. Dr. Marlis Prinzing dies unter kommunikationswissenschaftlichen Aspekten betrachtet – mit Blick auf Nachrichtenwerttheorie und Medienethik. Die Gastautorin kommt u.a. zum Schluss, dass ein Paragraf des Pressekodex dabei zu Unrecht in der Kritik steht.

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Von Prof. Dr. Marlis Prinzing

Fast ein Jahr nach der Silvesternacht in Köln stehen aktuell wieder Flüchtlinge als mutmaßliche Täter bei schwerwiegenden Straftaten im Fokus der Öffentlichkeit. Letztlich dadurch gelangten die Vergewaltigung mit anschließendem Mord in Freiburg und die Vergewaltigungen in Bochum und jüngst in einem Kiezclub in Hamburg bundesweit in die Schlagzeilen.

Die dahinter steckende Mechanik erläutert die Kommunikationswissenschaft mithilfe der Nachrichtenwerttheorie, einem Konzept, das beschreibt, wie die Nachrichtenauswahl von Journalisten erfolgt. Je mehr Nachrichtenfaktoren einer Information innewohnen, umso höher ist ihr Nachrichtenwert und umso mehr ist sie berichtenswert. Dabei stellen sich die Berichterstattenden beispielsweise folgende Fragen: Ist die vorliegende Information neu? Spielt sich das Ereignis in der Nähe ab? Hat es eine hohe Tragweite für die Gesellschaft? Sind prominente Personen betroffen? (Wem) Droht Schaden? Ist die Information kurios? Durch das anhaltend aktuelle und brisante Flüchtlingsthema wurde offenbar auch der „Flüchtling“ zu einem Nachrichtenfaktor – beispielsweise bei der Kriminalberichterstattung. Es macht mitunter durchaus Sinn, bei der Nachrichtenauswahl danach zu fragen und zu veröffentlichen, ob die Tatverdächtigen Flüchtlinge sind, aber nicht pauschal – also nicht bei jeder Straftat.

Hier greift die Medienethik. Sie liefert uns unterschiedliche Empfehlungen, um sachgerecht und verantwortungsbewusst zu informieren. Im Zentrum der Diskussion steht dabei immer wieder die Richtlinie 12.1 des Pressekodex’. Sie rät, bei Straftaten nur dann die Nationalität zu nennen, wenn ein Zusammenhang zwischen ihr und der Art der Tat besteht. Erinnern wir uns als Beispiel an die Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 vor dem Hauptbahnhof in Köln, wo unter anderem Flüchtlinge verdächtigt wurden, Frauen sexuell belästigt zu haben. Ich hätte es sachgerechter gefunden, wenn damals mehr Medien die Richtlinie 1 des Pressekodex’, die „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“, in ihrer Abwägung, wie zu berichten ist, über die Richtlinie 12 gestellt hätten. Man hätte besser die im Raum schwebende Vermutung, die Täter könnten Flüchtlinge gewesen sein, direkt angesprochen und benannt, was man wusste. Sachgerecht gewesen wäre aus meiner Sicht, in der Erstberichterstattung zu schreiben: „Die Nationalität der Täter ist noch nicht festgestellt.“

Wichtig ist – das zeigt sich auch jetzt wieder – den Pressekodex als das zu sehen, was er ist: eine nützliche Grundlage für das Abwägen, wie man möglichst verantwortungsbewusst berichtet. Wer in ihm eine Bevormundung sieht, hat ihn und seine Funktion nicht verstanden: Medienethik ist ein Diskurs und die 16 Richtlinien im Kodex sind Empfehlungen. Man muss sie auf den konkreten Fall beziehen, kombinieren und abwägen. Die Richtlinie 12 ist daher nicht überholt. Aber es kann Berichterstattungsfälle geben, in denen nach Abwägung eine andere Kodex-Empfehlung schwerer wiegt.

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Im Fall des gewaltsamen Todes der Studentin in Freiburg war zunächst die Richtlinie bedeutsam, um zu sensationelle Berichterstattung zu vermeiden und damit auch den Vorwurf zu bedienen, Medien betonten immer das Negative. Deshalb haben die ARD-Verantwortlichen zunächst richtig entschieden, diesen Mord wie auch vergleichbare andere Mordfälle nicht in der Hauptausgabe der „Tagesschau“ zu melden. Als sich durch die Ermittlungen herausstellte, wer mutmaßlich der Täter war und welche Herkunft dieser hat, konnte man – ähnlich wie in Köln – argumentieren und erwägen, hier wieder Richtlinie 1 schwerer als 12 zu wiegen und dann die Herkunft zu benennen. „Flüchtling“ schafft einen weiteren Nachrichtenfaktor; das heißt, dieser Faktor kann zum Beispiel einer Nachricht, die durch ihre anderen Faktoren wie zum Beispiel „neu“ und „in der Nähe geschehen“ ein nur regionales Gewicht hätte, zusätzlich Gewicht und im vorliegenden Beispiel bundesweiten Nachrichtenwert geben.

Der Faktor „Flüchtling“ kann aber erstens – und vernünftigerweise – kein entscheidender Nachrichtenfaktor bei der Verbrechensberichterstattung werden. Es wäre absurd, den Umfang der Berichte daran zu knüpfen, ob ein Flüchtling beteiligt ist, und unsinnig, statt Relevanz nun Vollständigkeit zu verlangen, also Berichte über jedes Verbrechen. Journalistische Arbeit endet zweitens nicht bei der Frage nach der Täterherkunft. Sachgerecht berichten bedeutet, Zusammenhänge zu recherchieren: Wie sind die Täterprofile? Hat sich der Anteil mancher Gruppen verändert? Drittens spiegelt die hitzige Debatte wider: ein ethischer Kompass ist absolut notwendig – in Redaktionen und auch im Publikum.

 

 

marlisprinzingDr. Marlis Prinzing ist Journalistik-Professorin an der Hochschule Macromedia in Köln. Als Forscherin ist sie vernetzt in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft DGPuK, in der Schweizerische Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft SGKM, in der European Communication Research and Education Association ECREA sowie in der International Communication Association ICA.

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