Partner von:
Anzeige

Mutiges Plädoyer: Ein Zeit-Reporter kritisiert, dass “Journalisten Teil des Establishments” sind

Zeit-Autor Stephan Lebert, Fehlentwicklungen im Journalismus: “Man wollte sich zur Elite zugehörig fühlen”
Zeit-Autor Stephan Lebert, Fehlentwicklungen im Journalismus: "Man wollte sich zur Elite zugehörig fühlen"

"Journalismus ist der tollste Beruf der Welt. Aber ..." Mit diesem Einstieg liefert Zeit-Autor Stephan Lebert in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung einen spannenden Beitrag in der Debatte zur Lage des Journalismus. Der 55-Jährige, der einer erfolgreichen Journalisten-Familie entstammt, bilanziert selbstkritisch, dass die Medien "Teil des Establishments geworden sind". Das müsse sich ändern.

Anzeige
Anzeige

Lebert, der zuvor bereits für den Tagesspiegel, den Spiegel sowie die Süddeutsche Zeitung schrieb, setzt sich in seinem Artikel mit den Lügenpresse-Vorwürfen und dem Verhalten der Medien gegenüber dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump auseinander. Der mehrfach ausgezeichnete Autor und Kisch-Preisträger glaubt dabei, dass sich seine Branche bereits vor der Ausbreitung des Internets in eine falsche Richtung bewegt habe: “In den Neunzigern und zu Beginn der nuller Jahre (setzte) das veränderte Selbstverständnis vieler Journalisten ein. Man träumte nicht mehr davon, gefürchtet zu werden, man wollte geachtet werden. Man war stolz darauf, wenn die Mächtigen nach einem riefen, wenn man bei der Macht am Tische saß und sie beraten durfte. Die Medien wurden Teil des Establishments, wie die Politik, die Wirtschaft oder die Verwaltung. (…) Man wollte sich zur Elite zugehörig fühlen, man wollte sie nicht mehr kontrollieren. Das schließt sich ja auch aus: Wie bitte kontrolliert man sich selbst?”

Lebert spricht in diesem Zusammenhang nicht von Lügen, sondern von “Wirklichkeitsmanipulation, manchmal sogar mit guter Absicht dahinter”. Aus seiner Sicht ist aus dieser Art, die Welt zu sehen, inzwischen eine regelrechte “Industrie” geworden: “PR-Agenturen, Politikberater, Imageveränderer, Troubleshooter, sie alle wollen eine Wirklichkeit inszenieren, die Erfolg verspricht. Im Grunde sind es die Prinzipien der Werbung: Verkaufe dein Produkt. Oder wie Frank Underwood, der amerikanische Präsident in der Fernsehserie House of Cards, immer als Erstes fragt, wenn etwas passiert: ‘Was müssen wir vertuschen?'” Lebert ist überzeugt: “Wir Journalisten haben bei dieser Entwicklung zu oft zugeschaut, haben zwangsläufig mit diesem Apparat zusammengearbeitet, mal besser und mal schlechter – und haben dabei einen fatalen Fehler gemacht: Wir haben darüber nicht berichtet, jedenfalls viel zu wenig. Wir haben die Manipulatoren wirken lassen – haben den Lesern und Zuschauern, also den Leuten, für die wir schreiben und senden, davon aber nichts mitgeteilt.”

Stattdessen hätten “ganze Abteilungen und Ressorts gegründet werden müssen, die all diese Inszenierungen quer durch die Gesellschaft dauerhaft transparent machen”. Dass dies nicht oder zu selten geschehen sei, habe Auswirkungen: “Das Vertrauen ist weg, die Medien haben viel Glaubwürdigkeit eingebüßt, obwohl vieles inzwischen korrigiert worden ist.” Der US-Wahlkampf sei symptomatisch für diese Situation: “Donald Trump hat in den letzten Monaten eine plumpe Inszenierung abgeliefert: der Milliardär, der die Armen rettet. Nahezu alle Medien haben das durchschaut und vor Trump gewarnt. Es hat nichts genützt, wahrscheinlich sogar im Gegenteil: Wenn Medien gegen etwas sind, wird daraus schnell ein Gütesiegel. So weit ist es gekommen.”

Immerhin sieht Lebert, der seine Sichtweise sehr subjektiv und mit biographischen Erinnerungen begründet, auch Hoffnung: “Eine neue, jüngere Journalistengeneration hat längst wieder ein anderes Selbstverständnis. Auch der Boom des seriösen investigativen Journalismus auf allen Kanälen ist dafür ein Beleg: Man setzt wieder auf die Kontrollfunktionen, auf die professionellen Urgene.” Aber er glaubt auch: “Die Zurückgewinnung der Autorität wird eine mühsame Reise werden.”

Anzeige

Der vollständige Text von Stephan Lebert ist in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit zu lesen oder als Einzelartikel bei Blendle für 89 Cent zu lesen.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Meedia

Meedia