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Debatte um „Tagesschau“-Berichterstattung: Wenn Standards mit der Realität kollidieren

Kai Gniffke

Ein neuer Tag, eine neue Rechtfertigung von „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke. Diesmal rechtfertigt er, warum die Nachrichtensendung der ARD über die Festnahme eines irakischen Flüchtlings in Bochum berichtet hat, der einer Vergewaltigung verdächtigt wird. Zuvor hatte die Haupt-Ausgabe der „Tagessschau“ über die Festnahme eines Flüchtlings in Freiburg nicht berichtet, nach massiver Kritik dann aber doch. Die neue Erklärung Gniffkes zeigt, dass die „Tagesschau“ ihr Verhältnis zur Realität überdenken sollte.

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In Freiburg wurde also ein afghanischer Flüchtling festgenommen, der im Verdacht steht, eine junge Frau getötet zu haben. Der Fall regte die Republik auf. U.a. auch, weil es in Freiburg kurz hintereinander zu zwei Tötungsdelikten an jungen Frauen gekommen war und in der Stadt eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung um sich griff. Zahlreiche Medienberichte machten dies zum Thema. Die „Tagesschau“ verzichtete in ihrer 20-Uhr-Ausgabe am Wochenende auf eine Berichterstattung, weil man über Morde und Festnahmen, also Kriminalfälle, laut den Standards nicht berichte. Dass es sich hier nicht um einen x-beliebigen Kriminalfall handelte, sondern längst um einen weiteren Baustein in der anhaltenden Flüchtlingsdebatte und um eine Stadt in Angst, das wurde schlicht übersehen.

Zunächst rechtfertigte die Redaktion die Nicht-Berichterstattung noch mit dem Verweis auf die „regionale Bedeutung“ eines solchen Mordfalls. Eine mindestens ignorante Haltung, die sich nicht lange halten ließ. Montags dann veröffentliche ARD-Aktuell-Chefredakteur Gniffke eine längere Rechtfertigung im „Tagesschau“-Blog und stellte sich nachmittags den Fragen von Zuschauern bei Facebook. So viel Wille zur Debatte ist begrüßenswert.  Nun gab es eine neue Verhaftung eines tatverdächtigen Flüchtlings in Bochum und die „Tagesschau“ berichtete erneut. Hat die „Tagesschau“ nun etwa ihre heißgeliebten Standards über Bord geworfen? Gniffke schreibt:

Nun wird man uns vorhalten, wir hätten binnen 72 Stunden unsere Standards verschoben. Das sehe ich anders. Nicht unsere Standards haben sich verändert, aber die Realität hat sich verändert. Seit gestern gibt es eine intensive gesellschaftliche und politische Debatte, an der sich die Kanzlerin, der Vizekanzler, zahlreiche Bürger und verschiedene Organisationen beteiligen. Das war auch der Grund, weshalb wir diese Debatte gestern als relevant eingeschätzt und in den Tagesthemen aufgegriffen haben. Und mit der Verhaftung von Bochum hat diese Diskussion neue Nahrung bekommen.

Da hat er recht. Nur eben, dass es die Debatte nicht erst seit gestern gibt. Richtig wäre die Lesart: Seit gestern hat auch die „Tagesschau“ zur Kenntnis genommen, dass es eine gesellschaftliche Debatte gibt. Dass will man dort aber nicht zugeben. Gniffke weiter:

Ich möchte Ihnen versichern, dass uns unsere Nachrichtenphilosophie, unsere Prinzipien und unsere Qualitätsstandards außerordentlich wichtig sind, und wir halten daran fest. Aber aus Qualitätsstandards dürfen nicht Sturheit oder Blindheit für Entwicklungen werden. Wenn sich die gesellschaftliche Realität um uns herum verändert, indem eine relevante Diskussion Fahrt aufnimmt, reagieren wir darauf.

Der Satz mit den Qualitätsstandards, die nicht zu einer Sturheit oder Blindheit führen dürfen, ist komplett richtig. Jetzt muss die „Tagesschau“ nur noch danach handeln.

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