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Große Datenmenge, kleine Wirkung: die Gemeinsamkeiten von digitalen Enthüllungen wie „Football Leaks“, „Panama Papers“ & Co.

Es leakt: Football Leaks im Spiegel, Panama Papers in der SZ

Die „Football Leaks“ Story des Spiegel rund um dubiose Steuer-Konstruktionen im internationalen Spitzenfußball wurde schon nach dem Wochenende wieder aus den Top-Schlagzeilen verdrängt. Erinnerungen werden wach an ähnliche Daten-Enthüllungen wie „Panama Papers“ oder „Offshore Leaks“. Viele Daten, wenig Wirkung. Einige Charakteristika haben alle diese Enthüllungs-Geschichten 2.0 gemeinsam.

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1. Daten-Protzerei im Terabyte-Format

Gleich zu Beginn der Berichterstattung wird darauf hingewiesen, dass insgesamt soundsoviele Terabyte-Daten „geleaked“ wurden und es sich somit um das größte Leak der Welt, der Sportgeschichte, der Inselgruppe Bahamas usw. handelt. Nicht vergessen: Vergleiche wie „entspricht 500.000 Bibeln“ oder „mehr als die von Wikileaks veröffentlichten Botschaftsdepeschen, Offshore-Leaks, Lux-Leaks und Swiss-Leaks zusammen“.

2. Der Begriff „Leaks“

Egal ob aktuell die „Football Leaks“ oder zuvor die „Swiss Leaks“, „Offshore Leaks“, „Luxemburg Leaks“ oder „Bahama Leaks“ – Leak bedeutet Leck und will in diesem Zusammenhang heißen, dass große Datenmengen aus einem „Leck“ rausgeflossen sind. Wie genau, das weiß man meistens nicht (siehe Punkt 4.). Die von der SZ enthüllten „Panama Papers“ bilden eine Ausnahme in der Benennung, obwohl „Panama Leaks“ genauso treffend gewesen wäre. Vermutlich dachte man sich, dass das mit den zwei „P“ gut klingt. Echte „Papers“ waren freilich nicht involviert. „Leaks“ weckt außerdem Assoziationen an die bekannte Enthüllungsplattform Wikileaks, die mit dem Veröffentlichen von Daten bekannt geworden ist. „Leaks“ sind somit fast schon zu einer eigenen journalistischen Spielart geworden.

3. Gezeichnete Protagonisten und digitales Storytelling

Ein finster schauender Putin, ein bedröppelter gezeichneter Özil, ein grimmiger José Mourinho. Gerne werden die komplizierten Leaks-Stories mit gezeichneten oder grafisch verfremdeten Bildern der Protagonisten illustriert. Und man verpackt das ganze dann noch in Form des so genannten Digital Storytelling, bei dem Multimedia-Elemente oder interaktive Schaubilder zum Draufklicken eingebaut werden. Mit ganz vielen Pfeilen. Egal, ob die jemand kapiert oder nicht.

4. Unklare Quellenlage

Meist werden die Leaks von einer unbekannten Person anonym zugespielt. Das muss natürlich nicht heißen, dass die Daten falsch sind aber es bedeutet, dass man über die Beschaffung und Intention der Quelle wenig bis gar nichts weiß. Im Falle von „Panama Papers“ (SZ) und „Football Leaks“ gab sich die Quelle sogar denselben Namen: „John“. Die Größe der Datenmengen steht jeweils in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu Informationen über ihre Herkunft.

5. Viele Medien arbeiten international zusammen

Sie heißen ICIJ (International Consortium for Investigative Journalists) oder EIC (European Investigative Collaborations). Internationale Netzwerke von investigativen Journalisten, die in Kompaniestärke und unter strengster Geheimhaltung monatelang die geleakten Daten auswerten. Denn für ein Medium allein wäre die Bewältigung des Daten-Bergs nicht zu schaffen. Wichtig ist, dass pro Land immer nur ein Medium an Bord ist (Konkurrenz!)

6. Bisweilen erstaunliches Desinteresse der breiten Öffentlichkeit

Viele der Leaks-Geschichten finden in der Öffentlichkeit nicht den Widerhall, den sich ihre Macher vermutlich wünschen. Kleinere Leaks, wie die „Bahamas Leaks“ der SZ finden sogar fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die „Panama Papers“ fanden zwar ein großes Medienecho, das aber relativ schnell abflaute. Die „Football Leaks“ des Spiegel scheinen schon nach dem Wochenende nach ihrer Veröffentlichung wieder weitgehend verpufft. Zwar sind die Enthüllungen für sich genommen durchaus relevant aber oft auch höchst kompliziert und schwer verständlich. Zudem werden meist Dinge enthüllt, von denen ohnehin viele Leute glauben, dass sie genau so sind. Dass es Briefkastenfirmen in Panama oder auf den Bahamas gibt, die dubiose Geschäfte vertuschen – verwerflich, womöglich illegal aber auch anstrengend wenig interessant für viele, weil es die eigene Lebenswelt nicht betrifft. Dass im internationalen Spitzenfußball unanständige Summen gezahlt werden und die Stars versuchen, mit allen Tricks ihre Steuerlast zu drücken – jemand überrascht?

7. Die Ankündigung, dass bald noch viel mehr kommt

Beliebt auch der Verweis der Enthüller, dass dies nur der Anfang war und bald noch viel mehr enthüllt wird. Allerdings werden die Medien den Knaller gleich zu Anfang verbraten. In der Regel sind die aufgehobenen Geschichten weit weniger interessant. Und wenn schon die „Knaller“ nicht recht zünden will, dann tun das die nachgeschobenen Stories erst recht nicht.

8. Viel Konjunktiv

Bei den Daten-Leaks fehlt oft die Smoking Gun, der finale Beweis einer Missetat. Bei den „Panama Papers“ tauchte der Name Wladimir Putin überhaupt nicht auf in den Dokumenten, wohl aber der seines engsten Vertrauten. Es ergab sich eine bestechende Indizienkette, dass Putin über diesen Freund große Mengen Geld verschwinden ließ. Der letzte Beweis aber fehlte. Bei den Football Leaks läuft das bisher Veröffentlichte auf eine (große) Steuer-Nachzahlung des deutschen Nationalspielers Mesut Özil in Spanien hinaus. Außerdem streitet sich Özil mit dem dortigen Finanzamt über eine angesetzte Strafzahlung. Real Madrid-Superstar Christiano Ronaldo hat laut dem Leak große Summen über Briefkastenfirmen in der Karibik laufen lassen, was man moralisch verurteilen kann aber was nicht illegal sein muss.

Da ist die Schwalbe eines Spielers von RB Leipzig zwar weniger relevant, für die Fans aber deutlich greifbarer.

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