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„Lügenpresse“ und kein Ende – man ist in Medienhausen mal wieder sehr mit sich selbst befasst

Sandra Maischberger und die "Lügenpresse"

Die Medien führen das Unwort von der „Lügenpresse“ mittlerweile häufiger im Mund als die „Lügenpresse“-Rufer. Das Theater rund um den Gute-Nacht-Spruch von Ingo Zamperoni nervt. Und die ARD macht Crossover-Promotion-Quatsch, weil sie nicht anders kann beziehungsweise will. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Mit den Medien und dem „Lügenpresse“-Vorwurf ist es so ein bisschen wie mit Donald Trumps Ausfällen und seinen Wählern. Je mehr die Medien sich darüber aufregen – und sie regen sich sehr auf – desto bestätigter fühlen sich vermutlich die Trump-Unterstützer beziehungsweise die „Lügenpresse“-Rufer, dass sie da auf dem richtigen Dampfer unterwegs sind. Man hat den Soft-Spot dort getroffen, wo es wehtut. Warum also nicht immer weitermachen? Aktuell ist es aber gerade so, dass die Medien selbst viel mehr tun, das unselige L-Wort im Umlauf zu halten als alle Pegidisten und AfD’ler zusammen (überspitzte Darstellung). Nehmen wir die „Maischberger“-Sendung vom Mittwoch und ihren Gast Vera Lengsfeld. Die Frau ist eine Person, die wirres Zeug redet und veröffentlicht, mehr als einmal nachweislich die Unwahrheit gesagt und geschrieben hat und trotzdem die Medien pauschal als „Lügenpresse“ beschimpft. Darf man so jemanden ernst nehmen? Darf man so jemandem eine Plattform bieten? Anders aber ähnlich verlief die Debatte, als die vollverschleierte konvertierte Fundamental-Muslima Nora Illi bei Anne Will mindestens Missverständliches über den so genannten Islamischen Staat geäußert hatte. Bei „Zapp“ machen sie sich wegen Populisten in Talkshows Sorgen und zählen aufgeregt nach, welche Parteien wie oft in welche Talkshows eingeladen wurden:

Eine von ZAPP angefragte Auswertung der führenden politischen Talk-Formate ergibt folgendes Bild: In bislang insgesamt 124 Ausgaben von „Anne Will“, „Hart aber fair“, „Maischberger“ und „Maybritt Illner“ (bis 23.11.2016) saßen 71 CDU-Vertreter, 28 der CSU, 49 der SPD, 30 Grüne, 32 der Linken, 11 der FDP und 22 der AfD.

Als wahres Populisten-Mekka entpuppt sich dabei die „Maischberger“-Sendung:

Während „Anne Will“ 2016 bislang nur vier AfD-Gäste hatte (das letzte Mal im Juni), saßen bei „Maischberger“ schon sieben Mal Vertreter der Rechtspopulisten. Hinzu kommen zahlreiche nicht parteipolitisch agierende Populisten wie Thilo Sarrazin, Rainer Wendt oder eben Vera Lengsfeld.

Abgesehen davon, dass sich Maybrit Illner mit nur einem „t“ schreibt sei die Frage erlaubt: Ja, und? Was soll eine solche Statistik belegen? Dass CDU/CSU die Meinungs-Hoheit über ARD und ZDF-Talkshows haben? Dass es „zuviel“ AfD in den Talkshows gibt? Da muss man aber auch mal nachschauen, wer da konkret aus welchem Grund eingeladen wurde, was die Leute gesagt haben und wie sie befragt wurden. Das geben aber solche Simpel-Zahlenspielereien nicht her.

Als die AfD immer populärer wurde kam zurecht Kritik auf, dass zu oft über diese Partei vom rechten Rand nur gesprochen wurde und zu wenig mit ihr. Das hat sich mittlerweile geändert und ist den Zappisten nun auch wieder nicht recht. Wer zum Beispiel die „Anne Will“-Sendung mit Nora Illi gesehen hat, muss schon böswillig auf einen billigen Skandal-Effekt aus sein, um in dieser Sendung eine „Plattform für IS-Propaganda“ zu sehen, wie es die Bild getan hat. ARD-Bashing bringt halt Klicks und Auflage – egal wie platt sie ist. Auch die unsägliche Vera Lengsfeld wurde in der „Maischberger“-Sendung mit ihrer Lügerei konfrontiert – freilich zu kurz und zu unentschlossen. Ich hatte es schon in meinem Text zur „Maischberger“-Sendung geschrieben, dass ich beispielsweise ein Streitgespräch zwischen Sascha Lobo und dem Pegida-Anhänger Joachim Radke für weitaus zielführender gefunden hätte als die übliche große Palaver-Runde. Oder von mir aus auch ein Streitgespräch zwischen Lobo und Lengsfeld.

Für den stern waren die wirren Anwürfe der Lengsfeld’schen Grund, sich mal richtig in eigener Sache zu empören. Und – uiuiui – juristische Schritte zu prüfen, weil die Frau bei ihrer Pauschalkritik des stern-Aufmachers zum angeblichen Failed Bundesstaat Sachsen einiges durcheinandergebracht hatte. Dabei war diese Story nun weiß Gott auch kein Glanzstück in Sachen Unvoreingenommenheit und Recherchestärke.

Man ist in Medienhausen mal wieder sehr mit sich selbst befasst. Schönen Grüß an dieser Stelle auch an den Spiegel-Clan im Glas-Hochhaus.

Sonst noch was? Ach ja: Dieses Ausprobieren von verschiedenen, von Zuschauern eingesandten Gute-Nacht-Sprüchen für den neuen Mr. „Tagesthemen“, Ingo Zamperoni, finde ich mittlerweile noch alberner als schon zu Beginn. Neulich hat er den Gute-Nacht-Gruß in Gebärdensprache vorgetragen und noch ein „Moin Moin“ hinterhergeschickt. Muss diese Tages-Show wirklich sein, diese Lockerheit mit der Brechstange?

Aber egal, welcher Spruch es wird (am besten gar keiner), bitte nicht dieses ausgeleierte, „Moin Moin“. Da ist nun wirklich alles andere besser.

Ist ihnen das vergangenen Sonntag aufgefallen, dass die ARD beim „Polizeiruf“ schon wieder so eine blöde Werbung durchs Bild hat laufen lassen? Diesmal für die neue Staffel der mir gänzlich unbekannten Serie „Die Kanzlei“. Die Woche zuvor gab es das schon einmal, um auf das Kanzlerin-Interview bei „Anne Will“ im Anschluss hinzuweisen. Auf Twitter war man nicht erbaut über derlei Privatsender-Reklame-Gedöns bei der öffentlich-rechtlichen ARD:

Die Bild sprang auf den Zug auf, weil – Sie wissen ja – ARD-Bashing. Eine ARD-Sprecherin wurde in dem Bild-Bericht zum Crosspromotion Super-GAU mit folgenden Worten zitiert:

Uns ist bewusst, dass sich manche Zuschauer durch diese Einblendungen gestört fühlen, aber leider kann auch Das Erste heutzutage nicht mehr auf gängige Maßnahmen der Cross-Promotion verzichten, die zur besseren Orientierung der Zuschauerinnen und Zuschauer durchs Programm beitragen.

Das empfand ich als eine bemerkenswerte Aussage. Wieso „kann“ die ARD „heutzutage leider nicht mehr“ auf diese so genannten „gängigen Maßnahmen der Cross-Promotion“ verzichten? Ich fragte nochmal bei der ARD nach dem „Warum“ und bekam folgende Antwort:

In der Tat ist es so, dass Screenwalker im Ersten nur sehr sparsam eingeblendet werden: Etwa um auf Eventprogramme, neue Serien oder außergewöhnliche Programmänderungen hinzuweisen. Beim „Tatort“ vor zwei Wochen geschah dies genau drei Mal, um unsere Zuschauer auf das neu ins Programm genommene Interview von Anne Will mit Angela Merkel aufmerksam zu machen. Vergangenen Sonntag haben wir im „Polizeiruf 110“ zwei Mal mit Screenwalker – jeweils in einer Länge von ca. 10 Sekunden – auf den Start der neuen Staffel „Die Kanzlei“ hingewiesen. Diese Cross-Promotion-Maßnahme wird übrigens schon seit einigen Jahren von öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Programmen praktiziert. Wir setzen Screenwalker nur sehr dosiert und nur dort ein, wo wir ein affines Publikum für den Programmhinweis erwarten.

Ok. Schon recht. Aber eine Antwort darauf, „warum“ man partout nicht mehr verzichten „kann“ ist das natürlich auch nicht. Also nochmal gefragt, ob es nicht eher so ist, dass man nicht verzichten „will“. Und siehe:

Auch Das Erste will auf Screenwalker – wie gesagt, in sehr sparsamer Dosierung – als Instrument der Zuschauerinformation nicht verzichten. Sie sind auch aus unserer Sicht ein Crosspromotion-Mittel, das sowohl der kurzen Information wie der Zuschauerbindung dient.

Also „will“ statt „kann“. Ok, das war jetzt vielleicht ganz sicher ein bisschen ziemliche Wortklauberei. Aber wieso die gebührenfinanzierte ARD wirklich jeden Privat-Promotion-Quatsch mitmachen will, ist mir immer noch nicht klar. Vermutlich, weil sie kann.

Jetzt aber schnell ab zum Weihnachtsmarkt.

Schönes Wochenende!

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