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Branchendienst-Bashing im Schwarzen Kanal: der Spiegel und die dunkle Seite der Medienkritik

Kolumnist Jan Fleischhauer (li.), Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: "So ist das, wenn die Revolution rollt"

Nach der für viele Experten überraschenden Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten haben sich auch viele Medien in Selbstkritik geübt: Man habe Trump, so der Tenor, unterschätzt und sich zu sehr mit seiner Person statt mit dem Programm beschäftigt. In der Debatte äußerte sich auch der umstrittene Weltwoche-Chefredakteur Roger Köppel bei MEEDIA. Der Spiegel nahm dies zum Anlass einer Generalabrechnung mit dem Portal. Eine Replik von MEEDIA.

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Für den Spiegel-Chefredakteur ist der Rubikon überschritten. Lange hatte Klaus Brinkbäumer geschwiegen, aber als in der vergangenen Woche bei MEEDIA unter der Headline „Am schlimmsten ist der Spiegel“ ein Interview mit dem Schweizer Journalisten Roger Köppel erschien, war es mit der Zurückhaltung vorbei. In einer E-Mail begehrte er – unter anderem, aber dazu kommen wir später – Aufklärung darüber, ob der Weltwoche-Chefredakteur der richtige Kritiker sei, wenn es in Bezug auf Donald Trump um das Thema „neutrale Medien“ gehe. Diese Frage stellte Brinkbäumer allerdings nicht, was ja naheliegend gewesen wäre, dem Redakteur, der das Interview geführt hatte, oder dem, der für das Branchenportal presserechtlich verantwortlich ist. Die Mail war stattdessen an den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt adressiert, zu der MEEDIA seit 2013 gehört.

Klaus Brinkbäumer stellte nicht nur Fragen, er bat auch („Bitte per Mail“) um schriftliche Antworten. Wie man es halt macht als Profi, wenn man eine Berichterstattung plant und alles schwarz auf weiß haben will. Vor diesem Hintergrund war es keine Überraschung, als am heutigen Montag bei Spiegel Online ein Artikel zum Thema erschien: „Medienschelte nach Trump: Die dunkle Seite der Macht“Verfasser war jedoch nicht der Spiegel-Chefredakteur, sondern sein Kolumnist Jan Fleischhauer, der das Stück als Abhandlung über das falsche Verständnis von Medienkritik im Allgemeinen und MEEDIA im Besonderen angelegt hat. Dass der Spiegel die erwartete Abrechnung derart über Bande spielt, ist nicht unoriginell: Ein viel gelesener Kolumnist, der selbst viele SPON-Leser irritiert, indem er als Rechtsausleger bei einem eher linken Medium die Rubrik „Der Schwarze Kanal“ bedient, erklärt also, warum ein rechter Populist wie Köppel als Stimme für die Debatte zum Umgang der Medien mit Donald Trump nicht taugt. Merke: Wenn selbst jemand wie Fleischhauer so denkt, dann muss das MEEDIA-Interview mit Köppel ja ein absolutes No-Go, eine journalistische Katastrophe sein. Oder etwa nicht?

In Wahrheit ist der Gedankengang, den der SPON-Kolumnist über fünf Absätze auswalzt, genau deshalb eine Katastrophe, weil Fleischhauer sie selbst dazu macht, unter Beugung und Verdrehung nahezu aller relevanter Fakten. Dass Roger Köppel, ehemals Chefredakteur von Springers Welt, ein rechtslastiger Populist ist, der genau deswegen und in dieser Rolle in zahlreiche Talkshows eingeladen wird, ist hinlänglich bekannt und unstrittig. Dass er mit diesem Part als Medienmacher auch in der vielstimmigen Mediendebatte um Donald Trump eine Rolle einnimmt, dürfte ebenfalls für jeden nachvollziehbar sein. Und es gehört zu den Aufgaben eines Branchendienstes, solche Debatten auch abzubilden. Wenn Fleischhauer sich die Mühe gemacht hätte, dies auf meedia.de zu recherchieren, so hätte er herausgefunden, dass sich neben Köppel in der vergangenen Woche auch Chefredakteure deutscher Online-Medien, der langjährige ARD-„Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert oder der Medienwissenschaftler Prof. Stephan Weichert bei MEEDIA mit exklusiven Beiträgen zu Wort gemeldet haben – wie zuvor auch Ex-Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo. Oder via Welt-Editorial Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner. Wer eine Debatte abbildet, die übrigens nicht nur in Deutschland geführt wird, muss das Spektrum der Standpunkte aufzeigen. Das ist ein pluralistischer Grundsatz. Nichts Anderes haben wir bei MEEDIA getan und werden es weiter tun.

Wer die Meinungsbeiträge insgesamt  zur Kenntnis nimmt, findet viel Selbstkritisches; Medienforscher Weichert spricht in der Trump-Frage sogar von einem „Super-GAU des Journalismus“. Dass Köppel – vermutlich mit durchsichtiger Intention – gerade mit Blick auf Deutschlands wichtigstes Nachrichtenmagazin in die gleiche Kerbe haut, entwertet die Debatte nicht, auch wenn es mancher offenbar gern hätte. Tatsächlich geht es deshalb auch entgegen der Feststellung Fleischhauers nicht darum, dass der Weltwoche-Chef über den „Zustand der deutschen Presse“ Auskunft gibt. Das Problem ist vielschichtiger und ganz sicher auch in der Spiegel-Redaktion Thema. Im Kern stellt sich ja nicht Frage, ob die Medien den (numerisch denkbar knappen) Sieg Trumps hätten voraussehen müssen, sondern die, ob sie nicht dabei versagt haben, sich im Vorfeld der Wahl intensiver mit seiner Politik statt überwiegend mit seinem reichlich bizarren Auftreten zu beschäftigen. Fleischhauer ignoriert das und urteilt ebenso pauschal wie ohne Quellennennung: „Was die Kritiker sagen wollen, wenn sie die Voreingenommenheit der Medien beklagen, ist, dass sie sich mehr positive Berichterstattung wünschen.“

So einfach kann man es sich als Journalist natürlich machen, aber dann ist es eben keine Selbstkritik, sondern Selbstbeschwichtigung. Als wäre der schludrige und verzerrende Umgang mit der Wahrheit nicht genug, strickt Fleischhauer dann noch die Legende vom abhängigen und durch Besitzverhältnisse gesteuerten Medienportal: „Ich wäre ja dafür, dass Mediendienste ihre Interessenkonflikte offenlegen müssten. Wenn bei VW regelmäßig über die Produkte der anderen Autofirmen berichtet würde, fiele das in die Kategorie ‚Pressemitteilung‘ und würde entsprechend bewertet. Nur im Journalismus heißt die Pressemitteilung ‚Medien-Portal‘ beziehungsweise ‚Informationsquelle für alle, die sich für Medien interessieren‘.“ Hätte Fleischhauer oder sein Chef Klaus Brinkbäumer beim Chefredakteur von MEEDIA (also bei mir) nachgefragt, so hätte ich geantwortet, dass das natürlich kompletter Quatsch ist und dass diejenigen, die sich „mehr positive Berichterstattung wünschen“, derzeit ja wohl beim Spiegel sitzen. Für die Lesart, dass MEEDIA eine „Hired Gun“ sei, gab es immerhin vom Kollegen aus dem eigenen Haus Beifall.

Leider gibt es zu „positiver Berichterstattung“ über den Spiegel aktuell wenig Anlass, und genau das scheint der Grund zu sein, warum die Nerven in der Chefredaktion blank liegen. Anders ist ist ein Artikel wie Fleischhauers „Dunkle Seite der Macht“ kaum zu erklären. Wenige Tage vor der Gesellschafterversammlung herrscht Unruhe im Hauptquartier an der Ericusspitze: betriebsbedingte Kündigungen (erstmals in der Spiegel-Historie), ernüchternde Auflagenzahlen, eine unübersehbare Entfremdung zwischen Chefredaktion und der KG-Geschäftsführung und eine aus Sicht vieler Beobachter irrlichternde Blattlinie. Vorige Woche widmete der Branchendienst Horizont den Unwuchten im Haus eine Investigativ-Story. Der Spiegel steht erkennbar unter Druck, nur wofür er steht, erscheint immer diffuser. Der Umgang mit Trump ist auch dafür ein Indikator, womit wir wieder beim Thema wären. Allein die Titel der vergangenen Ausgaben illustrieren das Dilemma. Nach dem Weltuntergangs-Cover zum Trump-Wahlsieg lässt der Spiegel nur 14 Tage später eine Titelstory in gleicher Sache folgen, deren Aufmachung der Gala entlehnt worden sein könnte.

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Besonders die reißerische Post-Wahlausgabe („Das Ende der Welt“) sorgte branchenintern für eine Kontroverse, in deren Verlauf viele Medienmacher dem Spiegel unverantwortliche Panikmache attestierten. Chefredakteur Brinkbäumer musste sich in eigener Sache rechtfertigen und konstatierte etwas ungelenk: „Der Titel beschreibt das, was passiert ist.“ Mag ihn die Kritik aus der Branche noch unbeeindruckt lassen, so kann es die Auflagenbilanz des Nachrichtenmagazins in seiner Amtszeit kaum. Wie jeder Magazin-Chefredakteur wird auch der Mann an der Spiegel-Spitze daran gemessen, wie sich die Verkäufe unter ihm entwickeln. Bei Klaus Brinkbäumer, der den Spiegel seit Januar 2015 verantwortet, geht die Kurve unübersehbar nach unten, wie der MEEDIA-Auflagencheck zeigt. Inzwischen sind die Gesamtverkäufe unter 800.000 Hefte pro Ausgabe gefallen, der niedrigste Stand seit den 60er Jahren. Der Rückgang der vergangenen beiden Jahre lässt sich auch nicht mit dem insgesamt schrumpfenden Printgeschäft allein erklären; viele Beobachter sehen den Großteil des Effekts als „hausgemacht“ an.

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Es ist die Aufgabe der Branchendienste, über solche Entwicklungen zu berichten und auch darüber, ob eine Medienmarke zu verwässern droht, ob es nun jedem passt oder nicht. Doch als gäbe es all solche Probleme nicht, nimmt der Spiegel ein bei MEEDIA publiziertes Interview mit dem Chefredakteur eines Schweizer Wochenblatts zum Anlass für die Generalabrechnung mit dem Marktführer unter den Online-Branchenmedien, über dessen kritische Berichterstattung man sich offenbar schon länger ärgert. Man könnte das Gleichnis von Kanone und Spatzen bemühen, die Frage wäre indes, auf welcher Seite die Kanone aus Sicht von Klaus Brinkbäumer steht.

Doch der Spiegel wäre nicht der Spiegel, würde er nicht auf maximalen Effekt seines Artikels setzen. Fleischhauer weiß (wie Brinkbäumer), dass man den Schaden vergrößert, indem man den Gegner zunächst überhöht, bevor man zum Wirkungstreffer ausholt. Und so bezeichnet er MEEDIA als „Branchendienst der Verlagsgruppe Dieter von Holtzbrinck, in der so hochseriöse Zeitungen wie das Handelsblatt, der Tagesspiegel und die Zeit erscheinen“. Und fügt später im Artikel hinzu: „Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster hängen. Auf MEEDIA diskutieren die Leser, welche Spiegel-Redakteure später ‚gehenkt werden‘, wenn ‚der Wind sich gewendet hat‘. Ich musste zugegebenermaßen kurz schlucken, als ich das las. Von einer Verlagsgruppe, in der ein Blatt wie die Zeit beheimatet ist, hätte ich mehr Zögerlichkeit beim Übergang in die neue Ära erwartet.“ Dass der SPON-Kolumnist hier einfach abschreibt, was der Medienjournalist Stefan Niggemeier vor zwei Wochen über einen (von MEEDIA gelöschten) Nutzerkommentar bereits bei Twitter fälschlich behauptet hat, spricht für sich.

„Aber so ist das, wenn die Revolution rollt“, schließt Fleischhauer mit Theaterdonner, „irgendwann muss sich jeder entscheiden, wo er steht, auch der Journalist.“ Da hat er recht, und es gibt im Journalismus, der den Namen verdient, nur eine Wahl: Sagen, was ist. Den Satz kennen sie ja beim Spiegel. Und Meinungsfreiheit ist in den Medien eben immer auch die Freiheit der anderen Meinung. Im Rahmen der Debatte zum Umgang der Medien mit dem Politiker Donald Trump hatte MEEDIA übrigens auch bei Klaus Brinkbäumer eine Stellungnahme angefragt. Der lehnte ab – aus Zeitgründen.

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