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Ulrich Wickert über Trump und ratlose Medien: “Keiner kann beurteilen, was für ein Präsident er sein wird”

Politiker Trump, US-Experte Wickert über Polit-Korrespondenten: “Man schaut, was die anderen Medien machen und geht nicht selber gucken”
Politiker Trump, US-Experte Wickert über Polit-Korrespondenten: "Man schaut, was die anderen Medien machen und geht nicht selber gucken"

Der frühere "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert war viele Jahre lang auch USA-Korrespondent. Im Interview mit MEEDIA spricht "Mr. Tagesthemen" über die Gründe für die Fehleinschätzungen der Medien vor der US-Wahl, Versäumnisse bei Berichterstattung im Herzen der Nation und erklärt, warum Donald Trump für die amerikanischen wie die ausländischen Polit-Korrespondenten so unberechenbar ist.

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Sie waren Ende der 70er-Jahre und in den 80er-Jahren Korrespondent in den USA. Wie haben Sie damals die mediale Aufarbeitung und Aufbereitung der Wahlkämpfe erlebt?
Ganz ehrlich. Da kann ich mich kaum noch dran erinnern. Das ist schon so lange her. Das war damals etwas völlig anderes. Auch weil es das Internet noch nicht gab.

Wäre damals ein Kandidat Trump oder gar ein Sieger Trump möglich gewesen?
Die Wahl von Ronald Reagan wurde damals wohl ähnlich empfunden. „Wie kann so ein Hollywoodstar nur gewählt werden?“, fragten sich die Menschen voller Entsetzen. Da wurde jedoch vergessen, dass Reagan bereits acht Jahre Gouverneur von Kalifornien gewesen war.

Das macht ja fast schon Hoffnung. Immerhin gilt Reagan nicht als der schlechteste Präsident.
Ich würde das aber nicht vergleichen. Reagan war – neben seiner Regierungserfahrung – auch sehr fest in die Republikanische Partei eingebunden. Ich erinnere mich aber, dass ich als Korrespondent in New York immer gesagt habe: Die Deutschen verstehen Reagan als Präsident auch deshalb nicht, weil sie nicht wissen, wie im Westen Amerikas Freiheit definiert wird. Deshalb bin ich extra nach Cody in Wyoming gefahren, um ein Porträt über diesen Ort zu machen. Wissen Sie, wer Cody gegründet hat?

Nein.
Bill Cody. Das war der bürgerliche Name von Buffalo Bill.

Was haben Sie dort erlebt?
Ich habe die beiden Enkel von Buffalo Bill getroffen, die sich natürlich auch entsprechende Bärtchen haben wachsen lassen. Aber wenn Sie einmal gesehen haben, wie die Leute dort denken, dann verstehen Sie, dass dort vieles anders ist. Das ist dort noch wirklich der Wilde Westen. Und genau das ist auch jetzt das Problem.

Das heißt….
Alle wichtigen US-Medien, wie die New York Times, das Wall Street Journal oder die Washington Post, aber auch fast alle deutschen Korrespondenten sitzen an der Ostküste. Die haben einfach nicht auf das Land geschaut.

Wenn also Fehler gemacht wurden, dann lagen sie daran, dass die Journalisten zu wenig rausgegangen sind?
Das hat die New York Times genau so selbst zugegeben und geschrieben. Interessanterweise ist die Korrespondentin der Zeit rausgefahren, und die in der Redaktion haben sich wohl immer gefragt: Was berichtet die denn? Heute wissen wir, Sie hat genau das Richtige gesehen. Aber das ist das Problem des Journalismus allgemein. Man schaut, was die anderen Medien machen und geht nicht selber gucken.

Können das Korrespondenten überhaupt?
Das ist schon schwierig. Die müssen einen riesen Kontinent abdecken. Die sitzen dann da, wo die Macht ist und haben gar nicht die Zeit und die Muße rauszufahren. Das dauert ja dann Tage. Wenn mich dann die Umfragen auch noch in Sicherheit wiegen und die US-Medien auch davon ausgehen, dass Clinton gewinnt, dann entsteht diese Situation, wie wir sie jetzt hatten. Hinterher ist man halt immer schlauer.

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Aber haben die Medien Trump trotzdem nicht auch unterschätzt?
Man hat unterschätzt, dass er im Fernsehen groß wurde und deshalb genau wusste, wie dieses Medium funktioniert. Zudem war er ständig im TV zu sehen, weil er Quote gebracht hat. Er spricht, wie am Stammtisch gesprochen wird. Die Menschen auf der Straße haben ihn ernst genommen, aber nicht beim Wort. Die Journalisten dagegen haben ihm beim Wort genommen und dabei kamen oftmals so widersprüchliche Sachen raus, dass man ihn dann gar nicht so richtig ernst nehmen konnte.

Das klingt sehr verständnisvoll. Sie glauben also, dass die Kollegen einen guten Job gemacht haben?
Grundsätzlich ja. Man darf wirklich nicht unterschätzen, dass das gesamte Presse-Establishment davon überzeugt war, dass Clinton gewählt wird.

Im MEEDIA-Interview wirft Weltwoche-Chefredakteur und SVP-Politiker Roger Köppel den deutschen Medien vor, sie hätten Wahlkampf gegen Trump gemacht, statt objektiv zu berichten. Wie sehen Sie das?
Das Problem ist, es ist viel über Trump berichtet worden und über seine Auftritte. Wenn man nur darüber berichtet, was er sagt, klingt das ja schon immer wie Berichterstattung gegen ihn.

Weil es so abstrus ist?
Exakt. Wenn ich nur sachlich berichte, denken doch alle schon: Ich will mich über den lustig machen.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?
Nein. Heute kann kein Mensch beurteilen, was für ein Präsident er sein wird. Auch nach der Wahl geht diese Unberechenbarkeit ja weiter: Mal beschimpft er Journalisten, mal lobt er sie.

Nächstes Jahr ist Bundestagswahl. Sind bereits erste Rückschlüsse auf den kommenden Wahlkampf möglich?
Das würde ich erst einmal nicht tun, sondern abwarten. Schauen Sie nach Frankreich. Dort zeigte sich bei den Vorwahlen der Konservativen, dass die Trump-Wahl keine Rolle gespielt hat. Obwohl Sarkozy auf einmal auch gegen die Eliten gesprochen hat. Ehrlich gesagt hat mich das erst einmal beruhigt. Die europäischen Wähler sind doch anders.

In seinem Buch „Medien, Macht und Verantwortung“ beschäftigt sich Wickert ausführlich mit dem Einfluss der Press und besondere Verantwortung für den Journalisten, die sich daraus ergibt. 

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Alle Kommentare

  1. “Heute kann kein Mensch beurteilen, was für ein Präsident er sein wird. ” Das ist eine ganz weltbewegende Beurteilung. Wer kommt als nächste Koryphäe an die Reihe? Die Putzfrau von Thomas Roth wäre ganz spannend.

  2. Wartet doch ab, bis der neue US-Präsident loslegt. Oder kennt einer der Alles- und Besserwisser bereits seine Regierungserklärung? Eine Antwort unter den zahlreichen nichtssagenden des so genannten Experten Wickert ist besonders entwaffnend:
    “Das gesamte Presse-Establishment war davon überzeugt, dass Clinton gewählt wird”… So, so! Sagt das nicht alles aus über diese selbst ernannten bundesrepublikanischen (Falsch-) Meinungsmacher?

  3. Wickert….ja, ja….ein Systemling der jedes Werbe Honorar mitnimmt..muss jetzt auch mal wieder zum Fußvolk sprechen…ein alter weisser böser Mann wäre mir lieber.

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